Erdhaufen in Palmas Wohnzimmer: Katharina Grosse verwandelt alte Seehandelsbörse in ein Gesamtkunstwerk
Leuchtende Farben und Naturformen: Die Installation "Arrels" der Künstlerin Katharina Grosse in der Lonja könnte zu einem Publikumsmagneten werden

Ausstellung von Katharina Grosse in der Llotja. / B.RAMON
Hier hat Miquel Barceló im Zuge einer Performance seinen eigenen Körper in eine Tonskulptur eintöpfern lassen, Bernardí Roig lud die Besucher ein, auf Porträtfotos lebender Personen herumzutrampeln, und die mittlerweile verstorbene Rebecca Horn schuf mit zwei riesigen Spiegeln die Illusion eines unendlich tiefen Brunnenschachts. Sie hat schon viel erlebt, die historische Seehandelsbörse La Lonja (Katalanisch Sa Llotja). In den letzten 20 Jahren hat sie sich als Nabel der modernen Kunst auf den Balearen etabliert. Die Installation "Arrels" (Wurzeln) der international bekannten deutschen Künstlerin Katharina Grosse ist der nächste Schritt.
Vorgestellt am Mittwoch 27. Mai, zu sehen bis 31. Januar 2027, ein Gemeinschaftsprojekt der Balearen-Regierung mit dem Museum für Zeitgenössische Kunst Es Baluard, und für die vor 64 Jahren in Freiburg im Breisgau geborene Künstlerin eine Premiere: "Ich habe schon viele Ausstellungen und Installationen gemacht, aber noch nie in einem historisch dermaßen bedeutenden Gebäude." Gegenüber der versammelten politischen Inselprominenz, angeführt von Balearen-Präsidentin Marga Prohens, bedankte sie sich nahezu demütig: "Danke, dass Sie mich in Ihr Haus gelassen haben." Und vor allem, dass man ihr erlaubt habe, was man als Gast in einem Wohnzimmer normalerweise nicht anstellt.
Um ihr das zu ermöglichen, haben die Veranstalter sprichwörtlich Berge bewegt. Das Ergebnis hat das Potenzial zum Publikumsmagneten, zumal die Lonja laut Prohens in den letzten drei Jahren mehr als eine Million Besucher zählte. Katharina Grosses Installation füllt das Gebäude zur Gänze aus. Der Boden wurde mit Hilfe eines Belags mit breiten, leuchtenden Farben bedeckt, die sich in der Mitte auf einer mit Erde aufgeschütteten Berglandschaft fortsetzen. Aus dieser ragt der Stamm einer mächtigen Kiefer, deren weit gefächertes Wurzelwerk einen Kontrapunkt setzt.
Der Kontext wird zum Inhalt
An prähistorische Höhlenmalereien fühlt sich David Barro erinnert, Direktor von Es Baluard und Kurator der Ausstellung. „Die Höhle ist ein fundamentaler Bestandteil dieser Kunst ... der Kontext wird zum Inhalt“. Das räumliche Konzept der Installation lasse wie die Höhlenmalerei die Grenzen zwischen Kunstwerk und Rahmen verschwinden. Damit unterstreicht Barro, dass die Rolle der Lonja weit über die eines bloßen Ausstellungsraums hinausgeht. Sie wird speziell bei diesem Projekt zu einem Bestandteil des Gesamtkunstwerks.
Katharina Grosse wies auf das Spiel mit den Gegensätzen des Zeitrahmens hin: Vergänglichkeit versus Beständigkeit. Ein Kunstwerk, ausschließlich und spezifisch für diesen Raum und für die Dauer der Ausstellung geschaffen, nimmt den Dialog mit einem jahrhundertealten Gebäude auf. Die auf groß dimensionierte Installationen spezialisierte Künstlerin distanziert sich damit implizit vom Streben nach Verewigung. Ihr gefällt die Idee, dass ihr Werk ein kurzfristiges Ablaufdatum hat. Genauso wie eine wesentliche Besonderheit der Lonja ihre über viele Jahrhunderte erwiesene Beständigkeit ist, liege im kurzen Leben von "Arrels" ein anders gearteter Reiz. "Wie eine Blume", deren Schönheit durch die Vergänglichkeit einen zusätzlichen Wert erhält.

Katharina Grosse in der Llotja. / Clara Margais/dpa
Der Vergleich mit einer Blume liegt bei Grosse auch deshalb nahe, weil leuchtende Farben ein wichtiger Bestandteil ihrer visuellen Sprache sind. Das kommt gerade in der Lonja gut zur Geltung: Das Gemäuer weist geringe Schattierungen derselben braungrauen Grundfarbe auf. Und die Fenster erinnern aufgrund ihrer gotischen Verzierungen und Einfassungen an Kirchenfenster, die eine Assoziation mit farbigem Glas erzeugen, in der Lonja jedoch mit ihrer farblosen Transparenz einen auffälligen Widerpart zur Farbenflut der Installation darstellen.
Dialog der Gegensätze
Somit entsteht ein Dialog extremer Gegensätze: Hier die strengen, geometrischen Formen und die chromatische Askese der Lonja, dort eine Mischung aus abstrakten und organischen Formen, die in intensiven Farben erstrahlen. Hier die Beständigkeit eines historischen Gebäudes, dort die Kurzlebigkeit eines modernen Kunstwerks.
Denn „Arrels“ wird nach dem Ende der sieben Monate dauernden Ausstellung abgebaut und somit verschwinden. Die Installation wird „lediglich“ in Fotos, Videos, vor allem aber in der Erinnerung der Besucher weiterleben. Etwas anderes ist bei einer ortsspezifischen Installation schwer vorstellbar, alleine schon wegen der schieren Menge des verwendeten Materials. Das acht Personen starke mallorquinische Team, gestellt vom Museum Es Baluard, arbeitete einen Monat lang im Zusammenwirken mit Grosses deutschen Mitstreitern und schaffte neben mehreren Lkw-Ladungen Erdreich auch den Stamm einer gewaltigen Kiefer samt Wurzeln in das filigran wirkende Gebäude.

Ausstellung von Katharina Grosse in der Llotja. / B.RAMON
Am Anfang stand ein dreidimensionales Modell, das die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier erstellte. Daraus leiteten Spezialisten eine Bauanleitung ab, mit der die Mallorquiner zur Tat schritten. Die praktischen Hindernisse waren erheblich. Um die erlaubte Bodenbelastung des denkmalgeschützten Bauwerks nicht zu überschreiten, wurden die Grosse-Berge nicht zur Gänze mit Erdreich aufgeschüttet. Stattdessen baute das Team mit mehr als hundert Holzpaletten ein Gerüst und bedeckte dieses mit einer Stoffplane. Erst darauf wurde dann die Erde platziert, immerhin noch 40 Tonnen. Für die abschließende Einfärbung mittels Sprühpistolen wurden die Säulen komplett eingekleidet. Der in die Installation eingebettete Baumstamm ist ein Opfer der Februarstürme und lag auf einem Grundstück nahe Son Rapinya bei Palma.
Die Kosten? Müssen noch nachgerechnet werden
Ein Kunststück für sich war Barros Antwort, als er von den Medienvertretern nach den Kosten der Ausstellung gefragt wurde. Seine Ausführungen lassen sich zusammenfassen mit: Wir sind noch am Rechnen. In keinem Fall jedoch wäre das Budget höher als bei Ausstellungen renommierter Kulturpaläste wie dem Reina Sofia in Madrid.
Als Anhalt ist dies nur bedingt nützlich, denn die Picasso-Jubiläumsausstellung vor zwei Jahren, um ein Beispiel zu nennen, kostete mehr als 1,7 Millionen Euro. Sehr wohl ist der Budget-Vergleich mit dem Reina Sofia ein Anhalt für die Ambition der Balearen, auf der Kunst-und-Kultur-Landkarte des Mittelmeerraums eine bedeutende Rolle zu spielen.
Plaça de la Llotja, 5
Geöffnet ab Donnerstag 28.05. jeweils 10.30 – 13 und 16 bis 21 Uhr, ab November bis 19 Uhr.
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