Direkter Draht zum Ballermann: Die geheime Mallorca-Connection der deutschen ESC-Kandidaten Lord Of The Lost

Unsere Redakteurin Brigitte Rohm ist ein ausgewiesener Fan der Band – und weiß auch von einem Ballermann-Bezug

Sänger Chris Harms in Aktion: Die Show von Lord of the Lost soll beim ESC-Finale noch eine Nummer spektakulärer aussehen.  | F: ROLF VENNENBERND/DPA

Sänger Chris Harms in Aktion: Die Show von Lord of the Lost soll beim ESC-Finale noch eine Nummer spektakulärer aussehen. | F: ROLF VENNENBERND/DPA / Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Der Countdown läuft: Die Hamburger Dark-Rock-Band Lord of the Lost wird am Samstag (13.5.) beim großen Finale des diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in Liverpool für Deutschland auf der Bühne stehen. Seit die Musiker den ESC-Vorentscheid gewannen, haben sie, nach eigenen Angaben, mehr als 500 Interviews gegeben. Also quasi allen, außer der MZ – trotz intensiver Bemühungen unsererseits, die zwölf Punkte verdient hätten, wenn es denn Punkte für Journalisten gäbe.

Falls Sie zu jenen gehören, die schon viel früher das Handtuch geworfen haben, weil Sie im März dem Ballermann-Star Ikke Hüftgold die Daumen gedrückt hatten und danach das Interesse am Wettbewerb verloren haben: Sie könnten tatsächlich unwissentlich schon einmal zu einem Song des Lord-of-the-Lost-Frontmanns Chris Harms gefeiert haben.

Denn der 43-Jährige ist auch als Songwriter und Produzent enorm umtriebig. In einem Video-Interview mit der „Welt“ verriet Harms, dass er bis heute „am Schreiben relativ vieler ‚Malle-Hits‘ beteiligt“ sei. Diese „Dienstleister-Tätigkeit“ ohne Berührungsängste mit Party-Schlagern ist ein offenes Geheimnis, allerdings gibt er weder die Songtitel noch sein Pseudonym preis – nicht aus Scham, wie er erklärte, sondern um nicht andauernd von Fans mit diesen Liedern konfrontiert zu werden, die musikalisch in ein so völlig anderes Kerbholz schlagen als die der eigenen Band.

So vielseitig ist die Band

Wobei: Was die Musik von Lord of the Lost angeht, sollte man kein vorschnelles Urteil fällen, denn im Grunde ist hier für fast jeden Geschmack etwas dabei: Die 2009 gegründete Band, die aus einem Solo-Projekt von Chris Harms hervorging, mischt munter Rock, Gothic, Industrial, Metal, Wave und sogar Pop und überrascht auf jedem Album in Sachen Klang und Optik aufs Neue. Tiefer melodischer Gesang wechselt sich auf den Songs mit harten Screams und Shouts ab.

Die Musiker nahmen unter anderem schon ein Roxette-Cover gemeinsam mit Blümchen oder ein gefühlvolles Lied mit dem Seniorenchor „Heaven Can Wait“ auf und standen mit Orchestern auf der Bühne – Multi-Instrumentalist Gared Dirge hat eine klassische Klavierausbildung, Chris Harms lernte schon Cello, bevor er überhaupt daran dachte, einmal Sänger zu werden. Zur aktuellen Besetzung zählen außerdem Gitarrist Pi, Bassist Class Grenayde und Schlagzeuger Niklas Kahl.

Der ESC-Song und die Show

Das Lied für Liverpool, „Blood and Glitter“, ist eine Single aus dem gleichnamigen Album, das Anfang des Jahres – erstmals in der Bandgeschichte – auf Platz eins der Charts einstieg. Sowohl der Titel als auch der extravagante Glam-Rock-Look und die musikalischen Vibes entspringen hier einer konkreten Inspiration: dem opulenten Bildband „Blood and Glitter“ des Fotografen Mick Rock, der seinerzeit Ikonen wie David Bowie porträtierte. Nach dem letzten, eher mystisch-düsteren Konzeptalbum „Judas“ (2021) schwimmen Lord of the Lost nun auf dieser schrillen Welle, mit sichtbarer Lust und mit (Herz-)Blut und Glitzer.

Der Song ist also nicht speziell für den ESC

komponiert worden, er passt aber wie die Faust aufs Auge: Ein eingängiger Refrain, der sofort im Ohr bleibt, überwiegend Gesang – der Metal-Scream ist eher die Kirsche auf der Sahne und verschreckt auch zartbesaitete Hörer nicht allzu sehr – eine ESC-taugliche Botschaft („Wir sind alle vom gleichen Blut“) und dazu eine fulminante Show, die im Vergleich zum Vorentscheid noch eine Schippe drauflegt. Nach den ersten Bildern von den Proben in Liverpool ist klar: Chris Harms wird das gleiche glamouröse Lack-Outfit wie im Musikvideo tragen. Das Podest ist mit sieben Metern der höchste Aufbau im Wettbewerb und soll alle Bandmitglieder gut sichtbar präsentieren. Dazu gibt es reichlich Pyro- und Lichteffekte.

Womit Lord of the Lost punkten

Dass der deutsche Beitrag übersehen wird und untergeht, kann also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passieren. Ansonsten ist die Frage, wie viel man auf Prognosen gibt: Als große Favoritin der Buchmacher gilt Schwedens ESC-Teilnehmerin Loreen („Tattoo“), auch der Finne Käärijä („Cha Cha Cha“) steht hoch im Kurs. „Eaea“, der hypnotische Flamenco-Song von Spaniens Vertreterin Blanca Paloma, liegt hinter den Beiträgen aus Frankreich und der Ukraine auf Rang fünf. Lord of the Lost positionieren sich immerhin auf dem soliden Platz 15. Bei den Streams bei Spotify liegen eine Woche vor dem Finale Marco Mengonis „Due Vite“ und „Queen of Kings“ von Alessandra vorne. Doch der ESC ist bekanntlich immer für eine Überraschung gut.

Und die bodenständige Hamburger Band hat noch zwei mögliche Asse im Ärmel: Zum einen kann sie auf eine internationale Fan-Gemeinde bauen. 2022 war sie als Vorband mit den Heavy-Metal-Legenden Iron Maiden auf Tour, spielte dabei 18 Shows in 16 Ländern, und in diesem Jahr gibt es eine Fortsetzung. Kurz vor dem ESC haben die Musiker noch mehrere Konzerte in Lateinamerika gegeben. Mit ihrer Erfahrung bei Liveauftritten haben sie jüngeren ESC-Teilnehmern etwas voraus.

Medien-Vollprofis

Ein weiterer Punkt, der nicht zu unterschätzen ist: Lord of the Lost sind Medien-Vollprofis. Sie wirken stets authentisch und nahbar, sprechen respektvoll über ihre Mitstreiter. So wurden sie bei der internationalen Pressekonferenz in Liverpool wohl zu Recht mit den Worten „Ihr seid wahrscheinlich die nettesten Typen hier beim ESC“ begrüßt. Die Band bewirbt auf Social Media die Songs der anderen Kandidaten, bei einem Reaktionsvideo verlor Chris Harms kein einziges böses Wort.

Aktuell singt er jeden Abend in seinem Hotelzimmer ein Cover eines anderen ESC-Songs ein – Gared Dirge nahm zuvor den Piano-Part auf. Vom finnischen Beitrag gibt es sogar ein Cover in voller Länge. Ein cleverer Schachzug, denn die Band gewinnt mit der Aktion reichlich Sympathiepunkte bei den anderen Ländern – die sich vielleicht in echten Punkten beim Voting niederschlagen. Beim Verfassen des Artikels gab es übrigens noch keine Lord-of-the-Lost-Version von Blanca Palomas Song. Nach einem ESC-Promo-Event in Amsterdam postete Chris Harms aber ein Backstage-Foto mit der Sängerin: Sie soll ihm bei der Gelegenheit einige Flamenco-Schritte gezeigt haben.

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