Lesung in Llucmajor: Die filmreife Liebesaffäre von Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque
Der Journalist Thomas Hüetlin hat über den Stoff ein Buch geschrieben und liest nun daraus in der Bodega & Salon Can Gats

Li.: Undatiertes Bild von Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich. Re.: Archivbild des Schriftstellers Erich Maria Remarque. / dpa / Bundesarchiv
Die Umstände dieser Liebe hätten kaum turbulenter sein können: Zwei deutsche Weltstars, die Hollywood-Diva Marlene Dietrich und der Schriftsteller Erich Maria Remarque, begegnen sich 1937 in Venedig und beginnen eine Affäre. Es ist die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, beide fliehen vor dem Nationalsozialismus, pendeln zwischen Ländern und stecken in beruflichen Sinnkrisen.
Der vielfach preisgekrönte Journalist Thomas Hüetlin (63) hat die Geschichte als fesselnde Reportage aufgearbeitet („Man lebt sein Leben nur einmal“, 2024, Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 24 Euro). Einblicke gibt er am 7. Februar bei einer Lesung in der Bodega & Salon Can Gats.

Journalist und Buchautor: Joachim Hüetlin. / Joachim Gern
"Das ist unser Casablanca"
Was hat Sie an dieser Thematik so fasziniert, dass Sie ihr ein Buch widmen wollten?
Ich finde, „die Dietrich“ und Remarque sind echte Vorbilder, wie man sich gegenüber einem totalitären Regime verhält. Die Weimarer Republik war ja eine sehr moderne, aufgeklärte, jüdisch geprägte Epoche und ihre kulturelle Heimat. Und die wird dann zertreten und zertrümmert durch die Nazis. Remarque fährt 1933 in der Nacht der Machtergreifung los und hält erst in Tessin wieder an, wo er sich schon vorher ein Haus zugelegt hatte. Die Dietrich ist schon in Hollywood. Beide sollen dann zurückgelockt werden, weil Goebbels durchaus erkennt, dass sie eine große Strahlkraft haben. Beiden macht er Angebote – Remarque unter anderem eine riesige Villa am Wannsee – und beide sagen sie Nein. Am Ende zieht die Dietrich sogar mit den Amerikanern in den Krieg gegen die Nazis. In gewisser Weise ist das unser „Casablanca“ – nur mit Marlene Dietrich als Humphrey Bogart in der Action-Leadrolle.
Wie würden Sie die Beziehungsdynamik zwischen den beiden beschreiben?
Amour fou! Es war eine relativ bewegte Geschichte, weil wir es hier zum ersten Mal mit einer modernen, gleichberechtigten Beziehung von einem deutschen, bekannten Paar zu tun haben. Marlene Dietrich hat ja nicht nur die Hosen im Kino an, sie hatte auch in dieser Beziehung die Hosen an. Remarque war ein Playboy und hat wahnsinnig viel Geld verdient mit „Im Westen nichts Neues“. Er hatte tolle Autos, tolle Weine, tolle Häuser, tolle Frauen. Es ging immer nach seinem Willen. Und dann kam Marlene und sagte: Nee, ich entscheide, wo wir uns treffen, in welche Lokale wir gehen, ob wir in Paris sein wollen oder in Los Angeles. Das war schon herausfordernd. Und am Ende war sie dann auch die Stärkere.
"Am Ende wird es ihm zu anstrengend und zu bunt"
Bezeichnend ist ja auch, dass ihr Remarque den Kosenamen „Puma“ gab. Sie war eben kein Mäuschen oder Häschen ...
Ja, in Briefen nennt er sie „meine Penthesilea“, die Kriegerfürstin, und auch „mein Puma“. Er findet es toll, dass sie eine spannende, wilde Frau ist und will kein Mäuschen haben. Trotzdem ringt er mit ihr und am Ende wird es ihm zu anstrengend und zu bunt. Er hatte dann eine Affäre mit Greta Garbo, Marlenes großer Konkurrentin. Remarque sah ja sehr gut aus, wie ein Filmstar. Wenn man seine Tagebücher liest, was ich getan habe – ich habe 1.000 Seiten unveröffentlichtes Tagebuch in einem Archiv gefunden – dann kommen in einer Fluktuation Hollywood-Berühmtheiten vor, dass man es kaum noch literarisch verarbeiten kann, ohne sich wie in der „Bunten“ zu fühlen.
Im Buch nutzen Sie viele direkte Zitate daraus.
Das war mir wichtig, denn ich komme ja aus dem Journalismus, und einige Rezensenten haben das Buch als Roman gelesen – was natürlich schön für mich ist, weil es beinhaltet, dass es gut geschrieben ist. Aber tatsächlich ist es ein erzählendes Sachbuch. Ich kann jedes Zitat und jede Szene belegen.
Die Rolling Stones: brave Jungs dagegen
Haben Sie eine Anekdote aus der Lektüre der Tagebücher, die Sie besonders amüsiert hat?
James Stewart hat neben Marlene in „Der große Bluff“ (1939) den braven Durchschnittsamerikaner gespielt. In Wahrheit war er ein ziemlicher Hallodri und hatte mit Marlene ein Verhältnis, obwohl er verheiratet war. Stewart hat ihr üppige Blumensträuße geschickt, aber seinen Namen nicht auf die Karten geschrieben. Remarque musste das immer entziffern. In seinem Tagebuch steht: „Aha, schon wieder ein Blumenstrauß von James Stewart. Na ja, werde wenigstens Englisch lernen auf diese Weise.“ Lustig ist auch, wie Remarque nach Hollywood kommt, Marlene ihn auf alle Partys mitschleppt und sie in den Zeitungen prüft, ob er auch gut abgelichtet ist. Remarque motzt: „Bin doch kein Ausstellungsköter.“ Es sind wirklich tolle Tagebücher – berauschender und mitreißender Stoff. Die haben ein Leben geführt, das heute tatsächlich unvorstellbar ist. Vor Instagram und den Paparazzi ging es hoch her. Verglichen mit Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque sind die Rolling Stones brave Jungs gewesen.
Die Quelle von Marlene Dietrichs Briefen, die sie an Remarque schrieb, ist verloren, weil dessen letzte Ehefrau Paulette Goddard sie aus Eifersucht verbrannte. Wurmt Sie das?
Es hat mich natürlich geärgert. Andererseits passt es auch zu Paulette Goddard, sie war sehr besitzergreifend. Das Verbrennen hat eine gewisse Dramatik und Schönheit und zeigt, wie groß der Schatten von Marlene war, der über dieser Beziehung hing: Das war schon eine große Liebe, auch wenn sie kurz war.
Polyamorie und politische Vorbildfunktion
Eine interessante Figur ist Rudi Sieber, Marlene Dietrichs Ehemann und Vater ihrer Tochter. Welche Rolle spielt er bei der Liebesaffäre?
Rudi Sieber ist eine tolle, moderne Figur: Er ist der Buchhalter dieser Beziehung. Sieber hat mit spitzem Bleistift immer alle Ausgaben fein säuberlich aufgeschrieben, aber er hat auch Marlenes Liebesbriefe abgeheftet – Briefe, die sie an ihre Geliebten geschrieben hat und die Liebesbriefe, die sie bekommen hat. Trotzdem hatten beide eine bemerkenswerte, offene Beziehung. In gewisser Hinsicht waren sie sich sehr treu. Marlene hat Rudi bis zu seinem Tod durchfinanziert, er war ihr Sekretär und Hermès-Koffer-Beschaffer.
Heute sprechen wir viel von Polyamorie. Bezug zur Aktualität gibt es auch auf politischer Ebene, da der Rechtspopulismus wieder erstarkt. Sie erwähnten die Vorbildfunktion?
Marlene Dietrich und Remarque hatten die Möglichkeit, sich mit der Diktatur zu arrangieren und mitzuspielen. Aber sie entschieden sich dagegen. Die große Gegenspielerin von Marlene ist Leni Riefenstahl, die sich bei den Nazis gleich Anfang der 30er-Jahre lieb Kind gemacht hat – aber später ein Leben lang darüber gelogen und das bestritten hat. Die Demokratie ist uns geschenkt worden. Wir waren geimpft durch das Grauen des Nationalsozialismus, aber diese Impfung wird allmählich schwächer. Auf einmal hört man wieder, dass vielleicht eine straffe Diktatur besser wäre. Und die Muslime werden jetzt das, was früher die Juden waren. Das Schnitzen der Feindbilder geschieht nach einer ganz ähnlichen Mechanik. Ich glaube, wir müssen verdammt aufpassen, dass wir nicht in ein paar Jahren in einer ganz anderen Welt aufwachsen. Wenn es die demokratische Mitte jetzt nicht schafft, die Demokratie wieder so zu erneuern, dass die Leute daran glauben, wird es bei der Bundestagswahl 2029 sehr schwierig.
Lesung in Can Gats: Thomas Hüetlin, „Man lebt sein Leben nur einmal“, 7. Februar, 18 Uhr, Can Gats, Carrer de Sant Pere, 4, Llucmajor, Eintritt (inkl. Menü): 45 Euro, Info: can-gats.com

Buchcover „Man lebt sein Leben nur einmal“ von Thomas Hüetlin. / Kiepenheuer & Witsch
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