Mallorquinische Regisseurin in Deutschland: „Oper ist wie Detox für diese Welt“
Ana Cuéllar hat sich schon als Kind in die Welt der Oper verliebt. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet vor allem in Deutschland als Regisseurin. Ein Gespräch über Leidenschaft und Hürden

Ana Cuéllar vor der U8 an der Haltestelle Hermannplatz in Berlin. / Privat
Die Linie der U8 in Berlin, die zwischen Wittenau im Norden und der Hermannstraße in Neukölln verkehrt, genießt nicht den besten Ruf. „Drogen, Dreck und Durchgeknallte“ hat das Boulevardblatt „Berliner Kurier“ die Situation in den Waggons und an den Bahnhöfen mal einprägsam zusammengefasst. Für Ana Cuéllar ist die Linie vor allem eins: eine Quelle der Inspiration für ihren Job. „Die U8 an einem Samstagabend ist die beste Perfor- mance, die man sich vorstellen kann.“
Die 35-jährige Mallorquinerin ist Opernregisseurin und lebt seit neun Jahren in Berlin. Eine Stadt, in der sie sich heimisch fühlt, aber die sie immer seltener sieht. Ihre Engagements führen Cuéllar quer durch Europa. In Luxemburg hat sie schon genauso gearbeitet wie in Frankreich und natürlich auch in der mallorquinischen Heimat. Im Jahr 2021 führte sie bei der Oper „La serva padrona“ (G.B. Pergolesi) im Teatre Principal die Regie.
Ein Großteil ihrer Arbeit findet aber in Deutschland statt. Die kommenden Aufgaben stehen schon fest. Ab 6. Dezember ist ihre Inszenierung von Gioachino Rossinis „Die diebische Elster“ im Theater Bielefeld zu sehen. Ab 22. Februar des kommenden Jahres ist am Staatstheater Mainz dann Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“ zu sehen. Die MZ traf Ana Cuéllar bei einem Besuch auf Mallorca.
Als Kind zur Oper
Sie sind schon als Kind zur Oper gekommen. Wie war das damals?
Als ich sieben Jahre alt war, hat mich meine Mutter für den Kinderchor des Teatre Principal angemeldet. Ein Jahr später war ich bei der Inszenierung von Puccinis „Tosca“ dabei. Mit meinen Freunden auf der Bühne zu stehen und zu singen, das war für mich das Größte. Ich dachte: Das will ich für immer machen.
Was hat Sie als Kind an der Oper fasziniert?
Ich fand es total spannend, dass so viele unterschiedliche Leute zusammenarbeiten und gemeinsam etwas kreieren. Es gab die Musiker, die Maskenbildner, die Bühnenbildner, die Beleuchter – und alle arbeiten gemeinsam an einem Kunstwerk. Ich kann mich erinnern, dass ich schon als Zehnjährige dachte: So sollte die Gesellschaft funktionieren. Außerdem mochte ich, dass man Oper nicht alleine machen kann und dass es eine flüchtige Kunstform ist.
Viele Menschen erleben die Oper stattdessen als elitär.
Ich glaube, Oper wird häufig falsch verstanden. Man sieht nur diesen konservativen Teil der Oper, bei dem die Eintrittskarten 200 Euro kosten und die Zuschauer Fellmäntel tragen. Insbesondere in Berlin, aber auch in Deutschland allgemein, habe ich gelernt, dass Oper viel mehr sein kann. Es gibt spannende alternative Projekte wie etwa die Neuköllner Oper.
Oper im TikTok-Modus
In unserer Gesellschaft ist Aufmerksamkeit über längere Zeiträume nicht mehr sehr verbreitet. Wie reagiert die Oper darauf? Passt sie sich an oder ist sie das Refugium jener, die nicht Kultur im Tiktok-Modus rezipieren wollen?
Ich glaube, Oper ist notwendiger denn je. Sie bietet die Möglichkeit, mal herunterzukommen von der Schnelllebigkeit und sich voll auf etwas einzulassen, auf eine immersive Erfahrung. Oper ist wie eine Detox-Maßnahme für diese Welt.

Cuéllars Inszenierung von „Unser Vater/Vater unser“. / FOTO: JAKOB TILLMANN
Sie verstehen sich als feministische Regisseurin. Wie gehen Sie damit um, dass quasi alle großen Opern von weißen Männern vor langer Zeit geschrieben wurden?
Es ist eine Herausforderung. Kaum eine große Oper besteht den Sexismus-Test von Bechdel. Es wird häufig ein furchtbares Frauenbild vermittelt. Dass diese Opern immer noch so präsent sind, liegt auch daran, dass das Publikum die großen Hits erwartet. Und die Theater müssen schließlich auch Geld verdienen. Ich glaube, man muss dem Publikum die Chance geben, neue Dinge zu entdecken, die über das klassische Repertoire hinausgehen. Und wenn man eine der klassischen Opern inszeniert, sollte man sich zumindest dessen bewusst sein, dass die Musik zwar wunderschön, aber das Weltbild etwas problematisch ist.
Wie viel Freiheit haben Sie als Regisseurin, in eine solche Oper einzugreifen?
Nun, wenn man eine klassische Oper aufführt, kann man sich nur innerhalb des Rahmens der Oper selbst bewegen. Auch, weil man gegenüber dem Publikum eine Verpflichtung hat. Wenn es Verdi erwartet, muss es auch Verdi bekommen. Deutlich mehr Freiheiten hat man natürlich, das gibt es häufiger in Deutschland, wenn eine Oper lose „nach“ einem Stück konzipiert wird. In der Theaterwelt ist das völlig normal. Niemand erwartet dort, dass „Macbeth“ in der Version von Shakespeare aufgeführt wird. Aber in der Oper findet das erst langsam Anklang. Und ich möchte betonen: Ich liebe es, mir eine klassische Oper anzuschauen. Aber manchmal möchte man doch auch etwas anderes sehen.
Wozu machen wir diese Oper genau jetzt?
Wie gehen Sie an eine Regiearbeit ran?
Ich versuche den Weg der Kreation nachzuverfolgen. Wenn die Oper auf einem literarischen Werk basiert, wie etwa Verdis „Don Carlos“, dann lese ich erst das und dann das Libretto. Das gibt mir eine erste Idee, wohin die Oper führt. Danach höre ich sie mir an. Im Mittelpunkt meiner Arbeit mit meinem Team steht immer die Frage: Wozu? Wozu machen wir diese Oper genau jetzt? Warum ist es wichtig, genau jetzt diese Geschichte zu erzählen?
Wann fühlen Sie sich als Regisseurin?
Wenn der Moment kommt, wenn alle Beteiligten sich das Stück zu eigen gemacht haben. Wenn es nicht mehr mein Werk ist, sondern die anderen ihre Ideen einbringen und sich das Werk verselbstständigt.
Was hören Sie, wenn Sie keine Opernmusik hören?
Etwas, was komplett anders ist. Reggaeton. Nach fünf Stunden Wagner ist Bad Bunny eine gute Abwechslung.
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