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Klassik trifft Social Media: Der gehypte Pianist Tony Ann gibt ein Konzert in Palma

Der chinesisch-kanadische Komponist und Pianist Tony Ann schafft es, die jüngeren Generationen für seine neoklassische Musik zu begeistern. Im Rahmen des Jazz Voyeur Festival spielt er am 4. Dezember auf Mallorca

Klaviervirtuose und Social-Media-Sensation: Tony Ann.

Klaviervirtuose und Social-Media-Sensation: Tony Ann. / Daniel Löb / dpa

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Dem Rosalía-Hype kann sich auch Tony Ann nicht entziehen. In einem aktuellen Reel bei Instagram covert der kanadische Pianist die opulente Hymne „Berghain“, gemeinsam mit dem kürzlich Grammy-nominierten Duo Arkai. Dabei bringen die drei Musiker ihre Instrumente so sehr zum Glühen, dass die Community besorgt fragt, ob denn ein Feuerlöscher in der Nähe sei. Die sozialen Medien sind das natürliche Habitat des heute 31-jährigen Musikers: Er nutzt sie ebenso virtuos wie sein Piano, verdankte ihnen anfangs maßgeblich die internationale Aufmerksamkeit als „Klavierwunderkind“ und hat mittlerweile mehr als fünf Millionen Follower auf Plattformen wie Youtube, Instagram und TikTok.

Auch Lang Lang ist sein Fan

Tony Ann scheint der Spagat zwischen dem Leben als professioneller Musiker, der als prägende Stimme der gegenwärtigen Klassikszene gilt, und dem Dasein als Influencer spielend zu gelingen. Er füllt weltweit Konzertsäle, von Melbourne bis Mumbai, von New York bis Tokio – auch die Karten für sein anstehendes Konzert beim Jazz Voyeur Festival in Palma verkaufen sich wie geschnitten Brot. Sein Repertoire umfasst Solostücke für Klavier sowie Kooperationen mit internationalen Künstlern anderer Genres, wie dem Future-Bass-Duo The Chainsmokers oder dem DJ Don Diablo.

Prominentester Fan seines viralen Hits „Icarus“ ist Lang Lang: Der berühmte chinesische Pianist spielte gemeinsam mit Ann eine vierhändige Version für sein frisch im Oktober erschienenes Album „Piano Book 2“ ein. Dem Klassiklabel Deutsche Grammophon sagte Lang Lang: „Gleich zu Beginn spürt man den Aufbruch – von der Erde hinauf ins Weltall. Wenn ich ‚Icarus‘ spiele, kommt es mir vor, als würde ich fliegen. Ich hoffe, dass die nächste Generation von Komponisten uns noch viele so bemerkenswerte Stücke schenkt.“

Wie ein echter Rockstar

Bei alledem sitzt der junge Kanadier jedoch nicht in einem Elfenbeinturm, sondern präsentiert sich nahbar – eine Zeitschrift zitierte sein erklärtes Motto „be fun to work with and don’t carry an ego“ (zu Deutsch etwa: „Sei jemand, mit dem es Spaß macht zu arbeiten – und lass dein Ego zu Hause“). Und er zieht alle Register, um seine Follower zu begeistern. Wie ein echter Rockstar zeigt er etwa, wie es in seinem Tourbus aussieht oder macht Outfit-Checks („get ready with me for my FIRST music awards!“).

Auch pädagogisch wertvolle Inhalte hat Tony Ann zu bieten: Tutorials zum Nachspielen seiner Stücke, Partituren zum Download und die Serie „#playthatword“. Darin führt er jüngere Fans an die Welt der instrumentalen Musik heran und komponiert auf Basis von Begriffen, die von der Community vorgeschlagen werden – Worte wie „Love“, „Freedom“ oder auch „Croissant“ werden mithilfe eines auf seiner Tastatur geschriebenen Alphabets in Musik verwandelt.

Viele seiner Youtube-Videos zeigen dank Stirnkamera eine ungewöhnliche Perspektive: die des Pianisten selbst, der an so ziemlich jedem Ort seine Hände flink über die Tasten eines Keyboards huschen lässt: an einem Strand bei Sonnenuntergang, in den Bergen, auf seinem Balkon oder mit Blick auf den Eiffelturm. In einem seiner populärsten Clips mit mehr als fünf Millionen Aufrufen überspielt Ann gar eine nervtötende Auto-Alarmanlage („Pulse. My neighbor’s car alarm“ heißt das Stück).

Emotionen und Astrologie

So lotet Tony Ann auch die Grenzen zwischen und Klassik und Pop aus. Manche vergleichen seinen Filmmusik-Stil mit Hans Zimmer. Anns Kompositionen basieren oft auf Emotionen; ganz explizit erkundete er sie bei seiner 2023 veröffentlichten Trilogie von EPs mit den Titeln „Emotionally Blue“, „Orange“ und „Red“, die die ganze Bandbreite der menschlichen Gefühlsregungen erforscht – von düster-melancholisch über optimistisch-beschwingt bis leidenschaftlich. Anns Kompositionen klingen bei all seinem technischen Können stets federleicht, unbeschwert und irgendwie mühelos. Als Alternative zu Klangschalen und Sounds aus der Natur haben sie zudem zweifellos Potenzial zur Entspannungsmusik bei Meditationen.

Das gilt mehr denn je für seinen neuesten Streich, ein in diesem Jahr bei Decca/Universal erschienenes Konzeptalbum mit dem Titel „360º“, das spirituell gesinnte Musikfreunde doppelt glücklich machen dürfte: Jeder der zwölf Songs ist hier einem anderen Sternzeichen gewidmet und umfasst zwölf Tonarten in verschiedenen Metren und Tempi. In einem Interview mit der Zeitschrift „XMag“ erklärte Ann, er habe ein frisches und unverbrauchtes Konzept gesucht – und das Thema Astrologie interessiere ihn persönlich: „Ich habe die Charakteristika aller Sternzeichen studiert, ihre speziellen Eigenheiten, und versucht, sie durch die Sprache der Musik darzustellen – Rhythmus, Harmonie und Melodie.“

Jazz Voyeur Festival, Tony Ann, 4. Dezember, 20 Uhr, Trui Teatre, Camí Son Rapinya, 29, Palma. Eintritt: 30–40 Euro, Karten unter: jazzvoyeurfestival.es

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