Geisterkapitän nimmt Kurs auf die Premiere: Ein Probenbesuch beim "Fliegenden Holländer" – der ersten Wagner-Oper im Teatre Principal
George Gagnidze gibt den Holländer und Tenor Joan Laínez ist als einziger Mallorquiner an Bord. Auch die Produktion musste hinter den Kulissen einige Klippen umschiffen

Die Szene aus der Probe bei einer früheren Aufführung des "fliegenden Holländers": So wird es im Teatre Principal aussehen / Patricio Melo
Zwei dicke Taue und ein Fischernetz schlingen sich um das Geländer der schmalen Bühnenkonstruktion. Es sind die einzigen Indizien dafür, dass wir uns hier an einem steilen Felsenufer bei stürmisch-finsterem Wetter befinden. Doch mit ein bisschen Fantasie gelingt es, sich bei der Opernprobe an diesem sonnigen Nachmittag die Atmosphäre der Eröffnungsszene von Richard Wagners „fliegendem Holländer“ vorzustellen. Dafür sorgen in erster Linie die Solisten, die wie auf ein geheimes Zeichen hin das allgemeine Gewusel im Raum unterbrechen, plötzlich loslegen und sofort voll in ihrem Element sind.
Als Seefahrer Daland singt der armenisch-deutsche Opernsänger Vazgen Gazaryan in seinem autoritären Bass die Anfangszeilen des ersten Aufzugs, bei dem die Crew in einer geschützten Bucht vor Anker geht. Dann schubst er seinen Steuermann herum, der Wache halten soll: Joan Laínez ist der einzige Mallorquiner an Bord der Produktion. Er singt seine kleine, feine Rolle kraftvoll-melodisch und nuanciert. Und sorgt mit seiner kreativen Nutzung der vorhandenen Requisiten für manchen Lacher bei den Anwesenden: Ein Walkie-Talkie dient ihm als Buddel voll Rum, ein Karton als Kopfkissen, als er einschlummert.

Joan Laínez (re.) und die Matrosen. / Nele Bendgens
Der Holländer fliegt zweigleisig
Das Steuer in Sachen Anweisungen teilen sich der musikalische Leiter Guillermo García-Calvo, dem kein Aussprachefehler und keine noch so kleine Nuance im Rhythmus entgeht, und die immer in Bewegung stehende Regieassistentin Angela Boveri. Aber wo ist denn eigentlich der Regisseur Marcelo Lombardero, der für die erste inszenierte Wagner-Oper verantwortlich zeichnet, die das Teatre Principal de Palma ins Programm nimmt?
Wir erreichen ihn später telefonisch in Kolumbien. „Es gab ein Reihe ungewöhnlicher Ereignisse, die mir in meiner gesamten Laufbahn so noch nicht untergekommen sind“, erklärt der Argentinier. Denn das Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo in Bogotà verpflichtete ihn zeitgleich ebenfalls für seinen fliegenden Holländer. „Dass nun zwei Produktionen derselben Oper an zwei verschiedenen Orten der Welt fast parallel Premiere feiern, erfüllt mich zwar mit Stolz, aber es ist auch ziemlich sonderbar und exotisch – als ob wir gleichzeitig die Champions League und die heimische Liga spielen würden“, so der erklärte Fußballfan Lombardero.
Die Umstände hatten nun zur Folge, dass er sein Team zwischen Mallorca und Kolumbien aufteilen musste – was aber an keinem der beiden Spielorte Einbußen bei der Qualität bedeute, versichert der Regisseur nachdrücklich. Zumal seine Mitstreiter bereits sturmerprobt sind. Die Weltpremiere dieser Produktion fand 2024 im Teatro Municipal de Santiago de Chile statt. Als sie dann im vergangenen Jahr auf die Bühne der Ópera de Tenerife kam, galt es die erste Hürde zu umschiffen: Die Original-Kulisse konnte Chile wegen logistischer Probleme nicht verlassen. So musste vor Ort ein neues Bühnenbild her.
Das Leid des Geisterkapitäns
In Palma dürfen wir uns nun an der Bühnenausstattung aus Lateinamerika erfreuen, wobei die Produktion auch stark auf Multimedia und visuelle Effekte setzt. In der Titelrolle ist hier der weltweit auf den Bühnen beheimatete georgische Bariton George Gagnidze zu sehen. Sonst spezialisiert auf das italienische dramatische Repertoire und Bösewichte wie Scarpia, verkörpert der Opernsänger nun mit Inbrunst den „gequälten, verfluchten und hoffnungslosen“ Holländer: „Tote Augen braucht niemand. Mit dem Gesicht allein kann man Charakter und Emotionen übertragen“, sagt Gagnidze vor Probenbeginn, um es sogleich zu demonstrieren: Gesten wie das Sacken auf die Knie sind sparsam, doch effektvoll. Vor allem in der Mimik und Stimmgewalt schwingt die Seelenpein der Figur mit.

Der „fliegende Holländer“ (George Gagnidze, li.) und Daland (Vazgen Gazaryan). / Nele Bendgens
Eine Erinnerungsstütze, weshalb der verfluchte Kapitän so sehr leidet: Er ist als Strafe für Gotteslästerung dazu verdammt, auf ewig mit seinem Geisterschiff zur See zu fahren. Nur alle sieben Jahre darf er an Land, und nur die bedingungslose Liebe einer treuen Frau kann ihn von diesem Schicksal erlösen. Hier kommt Dalands Tochter Senta ins Spiel. Die Handlung basiert auf einer Seemannssage, doch nachdrücklich inspiriert wurde der junge Komponist zur 1843 uraufgeführten Oper, als er selbst eine turbulente Schiffsreise erlebte. Das teils noch in der romantischen Oper verankerte Frühwerk stellte die Weichen für Wagners spätere, große Musikdramen.
Die heimliche Hauptfigur
Zwar ist Marcelo Lombarderos Inszenierung klassisch, doch der Regisseur stellt den Stoff auf den Prüfstand. „Mein Team und ich hielten nicht die Geschichte des Holländers für die wichtigste. In unseren Augen ist Senta die Hauptfigur“, erklärt er im Telefonat. Die weibliche Hauptrolle, hier übernommen von der polnischen Sopranistin Iwona Sobotka, erlebt geballte patriarchalische Unterdrückung und flüchtet sich daraufhin in eine Fantasie, die für sie der fliegende Holländer verkörpert. „Es gibt hier keine Erlösung, kein höchstes Opfer, um die wahre Liebe in einer anderen Sphäre zu finden“, betont Marcelo Lombardero.

Die Sopranistin Iwona Sobotka. / Nele Bendgens
Nun ist ironischerweise ausgerechnet die Szene, die beim Probenbesuch an der Reihe ist, eine reine Männerveranstaltung. Doch auch den Steuermann alias Joan Laínez sehnsüchtig sein „Mädel“ besingen zu hören, ist ein Erlebnis für sich. Der ehemalige Leiter des Mallorca Gay Men’s Chorus, der erst seit einigen Jahren als Tenor auf den Opernbühnen Furore macht, war auch schon Teil des Ensembles der Holländer-Aufführung auf Teneriffa. Der MZ berichtete er, dass ihm zwar das Matrosen-Dasein im Blut steckt. „Aber es ist meine erste Oper auf Deutsch, das ist schon etwas ganz anderes“, sagt der Mallorquiner. Ein wenig kämpfen muss er denn auch mit Zungenbrechern wie dem schlaftrunken vorgebrachten: „’s ist nichts; ’s ist nichts!“ Nach ein paar Tipps von seinem Kapitän Vazgen Gazaryan klappt das Zischen aber einwandfrei – und die bewegte Fahrt bis zur Premiere kann weitergehen …
Richard Wagner, „Der fliegende Holländer“, 18. und 20. Februar, 20 Uhr, 22. Februar, 18 Uhr, Dauer: 150 Minuten, Deutsch mit kat., span. und engl. Übertiteln, Teatre Principal, Carrer de la Riera, 2, Palma. Eintritt: 10 bis 90 Euro, Karten und Infos unter: teatreprincipal.com
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