Gold, Samt und Geheimgänge: Was Besucher in Palmas Teatre Principal (fast) nie sehen
Das geschichtsträchtige Theater bietet nicht nur ein vielfältiges Programm auf der Bühne – es ist auch als Bau ein wahres Schmuckstück. Ein Rundgang hinter den Kulissen

Die Sala Gran im Teatre Principal verfügt über mehr als 800 Plätze. Den wohl imposantesten Blick hat man von ganz oben. / Tolo Balaguer
Opulente Pracht mit Gold und rotem Samt: Der historische Charme des Teatre Principal ist nirgends so greifbar wie im großen Saal. Aber seine Eingeweide sind die eines Theaters aus dem 21. Jahrhundert mit moderner Bühnentechnik. Die unsichtbare Grenze dazwischen markieren große, dicke Vorhänge. „Ich erkläre Kindern gerne, dass diese schwarz sein müssen, damit man die Arbeit mit dem Licht nicht sieht. Die Vorhänge verstecken all das, was die Magie des Theaters ausmacht“, sagt Bea Solivellas, die im Teatre Principal unter anderem für die Führungen durchs Gebäude zuständig ist – vor allem für Schulklassen und spezielle Gruppen. Private Rundgänge gibt es nur zu besonderen Gelegenheiten.
Heute darf die MZ mitkommen. Und als Erstes betrachten, was Solivellas als „Kronjuwel“ bezeichnet: Die Deckenkonstruktion – der Bühnenturm –, von wo aus Kulissenteile, Scheinwerfer oder Vorhänge hinuntergelassen oder heraufgezogen werden, erhebt sich in 23 schwindelerregende Höhenmeter. Zugstangen mit eigenem Motorantrieb befördern Elemente dahin, wo sie gebraucht werden. „Sie halten viel Gewicht aus und werden über einen Computer gesteuert“, erklärt Solivellas.

Moderne Technik im Bühnenturm. / Teatre Principal
Ein Blick hinauf und ein Weg hinab
Eine recht neue Errungenschaft: Die letzte große Intervention im Theater fand zwischen 2001 und 2007 statt. Bis dahin endete der Bühnenturm knapp zwei Meter über der Öffnung zum Zuschauerraum. „Er war aus Holz, begehbar und alles funktionierte noch auf Grundlage des Hebens mit Gewichten und Flaschenzügen“, sagt die Mitarbeiterin. Nach dem Blick hinauf geht es hinab: unter die Bühne – mit geheimen „Türen“ in der Decke für Darsteller, die plötzlich auftauchen oder verschwinden müssen – und zum Orchestergraben. Ein Hubpodium, das auf acht Säulen ruht, macht die Höhe verstellbar: Bei Opern spielen die Musiker in der Vertiefung, sonst befindet sich der Boden meist auf der Höhe des Parketts.

Höhenverstellbar: der Orchestergraben. / B. Rohm
War die Orientierung beim Rundgang bis hierher unproblematisch, wird es jetzt verwirrend: Bea Solivellas und ihr Kollege Tomeu Homar führen treppauf und treppab zu den Korridoren für die Technik mit dicken, feuerfesten Betonsäulen, durch ein Labyrinth aus schmalen Gängen, Probenräumen und einer großen Garderobe mit beleuchteten Hollywood-Spiegeln, deren Glühbirnen den Raum schon in wenigen Minuten aufheizen. Wir dürfen einen Blick hinter die massive Uhr werfen, deren Schokoladenseite das Publikum im Saal bewundern kann, und verlieren in dieser verborgenen Zwischenetage selbst jedes Gefühl von Zeit und Raum. Befinden wir uns wirklich in unmittelbarer Nähe des kleinen Saals, der im Zuge des Umbaus unterm Dach ergänzt wurde und auch für Aufführungen herhält?
Hinter der Fassade des Teatre Principal
Tomeu Homar hat noch ein weiteres Ass im Ärmel: „Hier sehen wir die Rückseite des neoklassizistischen Giebels“, sagt er, als er hinaus ins Freie führt. Das dreieckige architektonische Element im Stil antiker Tempel, das ein Relief mit mythologischen Motiven ziert, krönt die dreistöckige Fassade, die wie losgelöst vom Grundriss des Gebäudes erscheint und schlichter ist als das neobarocke Innere.

Auf der Rückseite des Giebels, der die Fassade schmückt. / B. Rohm
Der Eklektizismus (also Stilmix) des Baus, der erst seit 1868 Teatre Principal heißt, ist seiner bewegten Geschichte geschuldet: Zuerst gab es an diesem Ort seit 1667 die sogenannte Casa de les Comèdies (Komödienhaus). Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) verfiel das Gebäude. 1854 begannen die Bauarbeiten für ein neues Theater, das durch den Erwerb des Nachbargrundstücks über eine größere Fläche verfügte und 1857 erstmals als Teatro de la Princesa eröffnete. Nach wenigen Monaten brannte es nieder, dann baute es derselbe Architekt – Antoni Sureda i Villalonga – wieder auf. 1860 ging es dann erneut in Betrieb.
Aufstieg ins "Paradies" und ein Geheimtipp
Der Glanz vergangener Zeiten, der im hufeisenförmigen Hauptsaal weiterlebt, lässt sich am Besten erfassen, wenn man bis zum „Paradies“ emporsteigt. So heißt die oberste Loge, die so nah am Himmel ist wie keine andere – und direkt unter dem eindrucksvollen historischen Deckengemälde, einem Werk von Felix Cagé. Der Gott Helios ist dabei auf einer Quadriga aus weißen Pferden umgeben von allegorischen Darstellungen der Künste gezeigt.
„Opernkenner wissen genau, dass man von hier aus besonders gut hört und von den mittleren Plätzen aus auch alles gut sieht. Außerdem kosten diese Karten nur 20 Euro – sie sind immer als Erstes weg“, verrät Homar.

Tomeu Homar und Bea Solivellas, hier in der Sala Cors, kennen den Bau wie ihre Westentasche. / B. Rohm
Für jeden etwas dabei: Das Programm für 2026
Dass Palmas Teatre Principal weit mehr ist als ein Tempel für Hochkultur, liegt aber nicht nur an erschwinglichen Eintrittspreisen. Maßgeblicher Faktor ist das vielfältige Programm, mit dem der Leiter Miquel Martorell ein breites Publikum anspricht. „In dieser Spielzeit haben wir tolle Highlights aus dem Bereich Tanz“, sagt er beim Gespräch. Dazu zählten „Cantar de gesta“ von Mucha Muchacha und „La Quijá“ von Paloma Muñoz.
Bei den Theaterstücken setzt Martorell auf bekannte spanische Namen und eine große Eigenproduktion, die auf Ibsens „Ein Volksfeind“ basiert. Zum Mix gehören natürlich auch Oper (Poulencs „La voix humaine“ und Verdis „Rigoletto“), Familienprogramm und Musik, die beweist: Ob klassisches Osterkonzert mit Donizettis „Messa di Requiem“ oder Flamenco mit María Terremoto und Mala Rodríguez – in diesem Juwel von Theater klingt alles einmalig. Denn das Auge hört hier definitiv mit.
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