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Geheimtipp für Gründonnerstag auf Mallorca: In diesem Ort freut man sich bei den Passionsspielen auch über auswärtige Besucher

Im vergangenen Jahr hatte es bei dem großen Osterspektakel von Jesu' Kreuzabnahme in Felanitx Missstimmung gegen deutsche Zuschauer gegeben. Ein anderes Dorf dagegen heißt Gäste bei den Passionsspielen herzlich willkommen

Pep Toni Butler und Pedro Font, der neue und der alte Vorsitzende der Bruderschaft, die die Passionsspiele in Artà organisiert

Pep Toni Butler und Pedro Font, der neue und der alte Vorsitzende der Bruderschaft, die die Passionsspiele in Artà organisiert / Nele Bendgens

Sophie Mono

Sophie Mono

Langsam werden die Fackeln angezündet. Eine nach der anderen. Musik erklingt, die Scheinwerfer gehen an, das Spektakel beginnt. Seit mehr als 50 Jahren stets mit der gleichen Dramaturgie, am selben Ort, am selben Tag. Auch dieses Jahr starten die Passionsspiele in Artà am Gründonnerstag (2.4.) am Fuß der Franziskanerkirche Església dels Pares Franciscans. Auf religiöser Ebene sind sie für die meisten Dorfbewohner schon lange nicht mehr so bedeutend. Auf kultureller dafür umso mehr. „Artà wäre ohne die Osterbräuche ein Stück weniger Artà. Und das will ich verhindern“, sagt Pep Toni Butler.

Keine Nachwuchsprobleme

Erst 25 Jahre ist er jung, dennoch fühlt er sich mit dem Brauchtum seines Heimatstädtchens tief verbunden. Seit vergangenem Jahr ist er der Vorsitzende der Bruderschaft Confraria de s’Endavallament (Bruderschaft der Kreuzabnahme), die seit Anfang der 1970er-Jahren die Passionsspiele in Artà organisiert. Klingt einschüchternd, sei aber ganz locker, beteuert Butler. „Es machen Männer und Frauen mit, Mallorquiner aus dem Dorf. Viele ältere, aber seit ein paar Jahren auch mehrere Leute in meinem Alter“, berichtet Butler.

Nicht, dass ihm der katholische Glaube vollkommen fremd wäre. Mit religiöser Inbrunst, wie sie auf Osterveranstaltungen in Andalusien noch heute zu spüren sind, hätten die Events in Artà aber wenig zu tun. Vielmehr gehe es um Zusammenhalt und die Erinnerung an frühere Zeiten, als die Kirche noch eine entscheidende Rolle in der mallorquinischen Gemeinschaft spielte.

Seit vielen Jahren ist die Dramaturgie der Passionsspiele in Artà die selbe

Seit vielen Jahren ist die Dramaturgie der Passionsspiele in Artà die selbe / privat

Besondere Kulisse

„Es ist noch nicht allzu lange her, da war der sonntägliche Messgang hier praktisch Pflicht“, weiß Pedro Font. Der 61-Jährige war jahrzehntelang selbst der Vorsitzende der Bruderschaft, bis er das Zepter im vergangenen Jahr an den jüngeren Pep Toni Butler weitergab. „Die Passionsspiele und die anschließenden Prozessionen bedeuten den meisten Teilnehmern viel, aber der Glauben ist dabei in den Hintergrund gerückt“, beteuert Font. Auch er selbst verspüre keine religiöse Bindung. „Vor gut 40 Jahren bekam ich durch Zufall mit, dass sie noch einen Darsteller brauchten, und sprang ein.“ Wenig später wurde er der Vorsitzende der Bruderschaft – und blieb es fast 30 Jahre lang. Mittlerweile ist er nur noch im Hintergrund aktiv. „Schon meine Großeltern waren in den Bruderschaften von Artà“, berichtet derweil Pep Toni Butler. Er selbst kam in seiner Kindheit Jahr für Jahr als Zuschauer zur Kreuzabnahme. Seit 2015 ist er als römischer Zenturio einer der Darsteller.

So bescheiden sich die Veranstalter geben: Artà ist eine der wenigen Inselgemeinden, in denen die Darbietung noch Bestand hat. In vielen anderen Orten starb das Brauchtum mit der Zeit aus. „Es ist aber auch wirklich beeindruckend hier, vor allem vor dieser Kulisse“, sagt Pedro Font und deutet auf die alte Franziskaner-Kirche. In all den Jahren sei das Spektakel nie wegen Teilnehmermangels ausgefallen. „Nur in der Pandemie mussten wir es absagen, und zweimal wegen Sturms“, betont Pedro Font. Man spürt, dass ihm viel an der Tradition liegt – auch ohne religiösen Enthusiasmus.

Fackeln, Musik und alte Gemäuer

Beeindruckende Kulisse auch am Karfreitag bei der Kreuzigung vor den Mauern von Sant Salvador

Beeindruckende Kulisse auch am Karfreitag bei der Kreuzigung vor den Mauern von Sant Salvador / privat

Mit offensichtlichem Stolz blättert er beim Treffen mit der MZ durch ein Fotobuch, das ihm vor vielen Jahren ein österreichischer Fotograf geschenkt hat. Alle Szenen des Leidenswegs Jesu in Artà sind dort abgebildet: Das letzte Abendmahl, der Verrat durch Judas und die Verhaftung Jesu vor der Franziskaner-Kirche. Und dann – stets am Karfreitag – die Verurteilung und Kreuzigung oben auf dem Klosterberg. „Das Besondere ist die Atmosphäre“, schwärmt Font und hat recht: Wer einmal zwischen alten Gemäuern dem Musik- und Lichtspektakel zugeschaut hat, erinnert sich noch Jahre später daran. Auch wegen der Hunderten von Fackeln. „Schon vor Monaten haben wir uns getroffen, um sie selbst zu bauen. So wie jedes Jahr“, berichtet Font.

Die Aufführung am Gründonnerstag sei bei Auswärtigen wenig bekannt, berichtet Font. „Am Karfreitag ist es dagegen immer recht voll. Schon seit Jahren kommen auch viele Urlauber und schauen zu. Manche Hotels in Cala Ratjada und Cala Millor organisieren Busse, die die Leute herbringen.“ Tatsächlich hätten einige Hotels sogar Eintritt von ihren Gästen verlangt. „Dabei ist die Darbietung kostenlos“, betont Font.

Froh über die Urlauber

Anders als in Felanitx, wo die bekanntesten Passionsspiele Mallorcas stattfinden und es vergangenes Jahr zu einem Pfeifkonzert wegen einer deutschen Übersetzung kam, sei man in Artà froh über das Interesse der Urlauber. „Je mehr Leute die Aufführung sehen, desto besser. Und die Dorfbewohner finden schon ihr Plätzchen“, beteuert Pep Toni Butler.

Auch die an beiden Tagen an die Passionsspiele anschließenden Osterprozessionen sind sehenswert. „Neben unserer Bruderschaft nehmen daran noch zwei weitere teil“, so Butler. Auch hier: Alles sei gemäßigt; Büßer, die sich zur Selbstkasteiung verletzten, gebe es nicht. „Aber es herrscht eine besondere Stimmung. Und die kann man nur erfassen, wenn man es selbst erlebt“, sagt Pedro Font.

Passionsspiele Teil 1:Gründonnerstag, 21.30 Uhr, Església dels Pares Franciscans. Passionsspiele Teil 2: Karfreitag, 21.30 Uhr, Santuari de Sant Salvador

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