"Die Party ist aus dem Ruder gelaufen": Musikerin Sheela Gathright über Mallorca, Livekonzerte und ein Leben im Hier und Jetzt
Von New York über Köln und Berlin nach Mallorca: Die Sängerin Sheela Gathright lebt nach langjähriger Bühnenpräsenz zurückgezogen in Biniali. Ein Besuch

Nele Bendgens
Sie lebt am liebsten bewusst im Moment. Wer der 66-jährigen Sheela Gathright persönlich begegnet, spürt das an ihrer charismatischen Präsenz. „Ich kann nicht ständig online sein, wer etwas von mir will, muss auf meine Antwort warten können“, sagt die gebürtige New Yorkerin gelassen, während sie Tee in die von ihrer Lebenspartnerin Teresa handgetöpferten Tontassen einschenkt. „Die Menschen sollten viel mehr digitales Detox betreiben und darauf achten, was sie mental konsumieren. Man versucht uns zu kontrollieren“, sinniert sie. Ihre Katze springt ihr schnurrend auf den Schoß. Hier in der Frühlingssonne im Patio von Gathwrights Haus im 220-Seelen-Dorf von Biniali scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.
Bereits seit über 25 Jahren wohnt die Musikerin auf Mallorca. Vom vorherigen Großstadtleben in Berlin hat sie Abstand genommen, auch wenn sie dort weiterhin ein Zimmer bei einer Freundin hat. „Wenn du mich heute fragst, waren das die besten Entscheidungen meines Lebens: erst nach Deutschland zu ziehen und danach hierherzukommen. Schau dich um, es ist einfach fantastisch hier“, sagt sie.
Ein Kind des Gospels
Gathrights Wurzeln liegen in New York, wo sie in einer Musikerfamilie in der South Bronx aufwuchs. Schon als Kind sang sie im Gospelchor, später schlug sie eine Modelkarriere ein und begann zu reisen. Ende der 80er-Jahre kam sie nach Deutschland und startete ihre Karriere als Sängerin in Köln. Bekannt wurde sie mit der RTL-All-Stars-Band, die unter anderem als Vorgruppe von Herbert Grönemeyer auftrat. Seit 1993 ist sie Teil der Kölner Band Szenario, mit der sie über 2.000 Auftritte bestritten hat, vor allem auf Firmenevents. Ihr erstes Solo-Album erschien im Jahr 2000. Der Titel „Go with the Flow“ passt zu ihrer Lebenseinstellung.

Sängerin Sheela Gathright / Nele Bendgens
„Mittlerweile verstehe ich, warum ich so weit weg von meiner Familie ein neues Zuhause finden musste. Anfangs machte mich der große Abstand sehr traurig“, sagt Gathright. Aber jetzt, wo sie „an einem der schönsten Plätze der Welt“ lebe, komme ihre Familie oft zu Besuch und erkunde von hier aus Europa. Wie auf Kommando beginnt einer von Sheelas Hunden zu bellen, und ihr Bruder, ebenfalls Musiker, winkt vom Dach des Hauses hinunter in den Patio. Er diskutiert dort gerade mit Olga, einer von Sheelas Mitbewohnerinnen, neben der vollen Wäscheleine über Kunst. Später kommt noch eine zweite Mitbewohnerin dazu, eine Qigong-Trainerin. „Ich finde es wichtig, in Gemeinschaft zu leben. Die Menschen können die angespannte Wohnungssituation auf der Insel dazu nutzen, um wieder mehr zusammenzurücken und einander zu helfen“, sagt Gathright. Sie selbst ist gut integriert, hat ihren festen Platz in der lokalen Musikszene und ist mit vielen Künstlern vernetzt.
Verwurzelt im Hier und Jetzt
Auch im Dorf hat sie ihren Platz gefunden. Seit zwei Jahren tanzt Sheela jeden Montag den mallorquinischen Volkstanz Ball de Bot. Ihr Mallorquinisch sei noch nicht so ausgereift, wie sie gerne hätte, doch sie probiere es weiterhin, und das würden die Menschen schätzen. Mallorca sei für sie ein Mittelding zwischen Europa und Afrika, ein Schmelztiegel vieler Kulturen, und genau das schätze sie so an der Insel. Sie habe weiterhin eine Wohnung in Palma, fühle sich aber mittlerweile auf dem Land wohler. „Palma ist eine tolle Stadt, sie atmet so viel Kultur, aber in der Saison ist es mir dort einfach zu voll“, meint sie.
Gathright tritt mittlerweile weniger auf und möchte auch nicht mehr so viel reisen. Stattdessen gibt sie Gesangsunterricht und teilt so ihre Erfahrungen. Oder sie organisiert Singkreise und Konzerte für andere Künstler. „Alles geht darum, wie ich für die Menschen um mich herum nützlich sein kann. Was kann ich tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?“, sagt die bekennende Optimistin, die davon überzeugt ist, dass es viel mehr gute Menschen auf der Welt gibt: „Es ist nur eine sehr kleine Gruppe, die so viel Lärm in den Medien macht, man sollte ihr keine Aufmerksamkeit schenken.“

Sheela Gathright im Garten ihres Hauses in Biniali, wo sie sich mit der MZ zum Interview traf. / Nele Bendgens
Für ihre Auftritte sucht Sheela Gathright gerne Songs aus, die selten gesungen werden. „Es gibt so viele tolle Lieder, die in Vergessenheit zu geraten drohen“, sagt sie. Keines ihrer Konzerte sei wie ein anderes. „Ich wiederhole nie, was ich tue, und singe nie zweimal dasselbe Lied, da ich mich jeden Tag anders fühle.“ Videoaufzeichnungen ihrer Konzerte guckt sie sich aus Prinzip nicht an. „Ich war dort, ich war dabei. Ich will nicht in der Vergangenheit leben“, sagt sie bestimmt.
Heilsame Livekonzerte
Für Gathright sind Livekonzerte gerade deshalb in Zeiten von KI umso wichtiger: „Man muss die Musik am Leben erhalten. Echte Musik, mit echten Künstlern.“ In der Musik drehe sich alles um Harmonie, die Band müsse aufeinander eingehen, das sei auch für das Publikum spürbar und lasse die Menschen zusammenwachsen. „Deshalb sind Livekonzerte so heilsam. Es spielt keine Rolle, ob wir die gesungene Sprache verstehen oder nicht. Es ist etwas an der Seele des Musikers, an dem Geist, der einen berührt“, sagt sie.
Viele junge Künstler würden heutzutage dank Autotune fantastisch klingen. Aber sie könnten nicht performen, weil sie alles nur am Computer produzieren. „Sie haben keine Bühnenpräsenz und können sich nicht mal ihre Texte auswendig merken. Alles ist so schnelllebig“, sagt Sheela Gathright. Umso glücklicher schätze sie sich, zur alten Schule zu gehören. Die neue Generation wisse nicht einmal mehr, wie man richtig Musik höre. „Früher haben wir uns ein Album gekauft und es von Anfang bis Ende angehört. Heute hat man Glück, wenn man 30 Sekunden eines Songs schafft. Die Party ist aus dem Ruder gelaufen“, sagt sie und summt auf dem Weg zur Tür einen alten Jazz-Song. Sheela Gathrights Musik ist auf iTunes und Amazon Prime zu finden.
Die nächsten Auftritte von Sheela Gathwright
Samstag, 18. April um 22 Uhr:
Blue Jazz Club im Hotel Saratoga, Passeig de Mallorca, 6, Palma, Eintritt: 15 Euro.
Sonntag, 19. April um 9.30 Uhr:
TV-Gottesdienst des ZDF in der Porciúncula-Kirche, Avinguda de Fra Joan Llabrés, 1, Playa de Palma.
Live vor Ort zuschauen, Anmeldung unter: kirche-balearen.net
oder live im ZDF sowie später in der Mediathek des Senders (zdf.de)
Abonnieren, um zu lesen
- Nach Gerichtsbeschluss auf Mallorca: Warum der Fall Fernandes gegen Ulmen in einer Hinsicht auf jeden Fall nach Deutschland gehört
- Kein König Pilsener mehr: Bierkönig an der Playa de Palma wechselt das Bier
- Jan Ullrich nur einer von vielen: Das Radrennen Mallorca 312 rollt den roten Teppich für die Stars aus
- „Ist das wirklich noch mein Bierkönig?“: Was im Partytempel am Ballermann jetzt alles anders ist
- Wetter: Mallorca steuert schon wieder auf die 30-Grad-Marke zu
- Die Ballermann-Saison ist gerettet: Die Playa de Palma bekommt ihr Mäuerchen zurück
- MZ-Exklusiv: Gericht auf Mallorca gibt Anzeige von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen an Deutschland ab
- Britt und Ralph Hagedorn machen ihre Villa auf Mallorca zur exklusivsten Galerie der Insel
