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Mein Boss, der Zyklop: Mallorca-Autor erklärt, was die Odyssee mit unserem Leben zu tun hat

Der bekannte Schriftsteller, Musiker und Journalist Carlos Garrido ist auf den Odyssee-Hype aufgesprungen. Er nähert sich dem antiken Stoff auf ganz persönliche Art und Weise – mit einem vergnüglichen Bühnenevent

Matt Damon als Odysseus im aktuellen Kino-Blockbuster von Christopher Nolan. | FOTO: MELINDA SUE GORDON/UNIVERSAL PICTURES

Matt Damon als Odysseus im aktuellen Kino-Blockbuster von Christopher Nolan. | FOTO: MELINDA SUE GORDON/UNIVERSAL PICTURES

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Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Carlos Garrido (Barcelona, 1950) liebt gute Geschichten. Der spanische Schriftsteller und Mystik-Experte, der vielen Lesern durch das Buch „Mallorca Mágica“ (Magisches Mallorca) bekannt sein dürfte, hat sich nun – ganz trendbewusst – die Odyssee vorgenommen. Deren „Geheimnisse“ möchte er am 22. August bei einem Monolog im Cine Rívoli enthüllen.

Wie fanden Sie Christopher Nolans Film?

Ich habe ihn gar nicht gesehen.

Wie bitte? Das kann doch nicht sein ...

Die Sache ist die, dass ich mich mein ganzes Leben lang mit dem Thema beschäftigt habe. Bis jetzt hat sich niemand dafür interessiert, weil die Leute immer gesagt haben: Die Odyssee ist langweilig. Und klar: Als ich nun gesehen habe, dass sich im Internet alles nur noch um die Odyssee dreht, da dachte ich: Na gut, dann werde ich wohl etwas machen müssen. Jetzt ist der Moment gekommen! Aber nein, der Ansatz des Films interessiert mich überhaupt nicht, weil ich das Ganze auf mein eigenes Terrain übertrage. Das heißt: etwas Bescheideneres, eher eine Reflexion. Und ich wollte mich nicht beeinflussen lassen. Ich werde ihn mir vielleicht nach der Show ansehen.

"Es interessiert keinen, ob jemand der Sohn irgendeiner Nymphe ist"

Sie haben schon einmal einen Monolog zum Thema geschrieben: Das Stück „Yo, Odiseo“, das seit 2011 mit dem Schauspieler Rodo Gener an verschiedenen Orten der Insel aufgeführt wurde. Hat Ihre Passion da ihren Ursprung?

Bei der Arbeit zu meinem 2005 erschienenen Buch über die Ilias „Duermes y me olvidas. Viaje al interior de La Ilíada“ –, das ein riesiger Flop war – bin ich journalistisch vorgegangen und habe mich viel mit Homer beschäftigt. Ich fand ihn unglaublich interessant. Schon davor hatte ich die Odyssee viele Male gelesen. Die Aufführung des Theaterstücks mit Rodo Gener hat dann mehr oder weniger gut funktioniert. Wir hatten richtig tolle Gastspiele. Einmal haben wir „Yo, Odiseo“ an einem Strand auf Cabrera aufgeführt, dabei ist Odysseus ins Wasser gestiegen. Das war stark!

Wie lassen Sie die Zuschauer bei der Show im Cine Rívoli nun in die Geschichte eintauchen?

Das neue Programm ist ein ganz persönlicher Monolog in der ersten Person. Ich versuche die Leute dazu zu bringen, einige Episoden aus der Odyssee von ihrem eigenen Blickwinkel aus zu verstehen. Nicht als Geschichte von einem Helden gegen Monster, nein. Es interessiert keinen, ob jemand der Sohn irgendeiner Nymphe ist. Zum Beispiel erkläre ich die Sirenen. Und dabei erzähle ich von einem Jobangebot, das ich einmal bekommen habe. Das waren für mich die Sirenen, denn ich habe Nein gesagt, und derjenige, der den Job angenommen hat, war zwei Monate später wegen Depressionen krankgeschrieben. Ich möchte, dass die Leute sich in die Bedeutung der Episoden aus der Odyssee hineinversetzen können. Denn für mich ist sie – neben vielen anderen Dingen – ein Leitfaden für Schwierigkeiten. Sie lehrt dich, in bestimmten heiklen Momenten des Lebens das, was dir gerade passiert, so zu betrachten, als wäre es ein Kapitel der Odyssee. Und dadurch liefert sie dir gewissermaßen auch eine Lösung.

Seit vielen Jahren Odyssee Fan: Autor Carlos Garrido.

Seit vielen Jahren Odyssee Fan: Autor Carlos Garrido. / Brigitte Rohm

"Odysseus ist zunächst einmal ein Pirat"

In welchen Episoden liegt für Sie das größte Identifikationspotenzial?

Es sind neun Kapitel, und ich versuche, dass man sich mit allen identifizieren kann. Ich spreche etwa über Circe. Aber nicht über Hexen, sondern über verhängnisvolle Leidenschaft. Auch nach Carl Gustav Jung; ich bin sehr jungianisch und beschäftige mich oft mit seinen Ideen. Niemand erklärt dir, warum sich eine leidenschaftliche Beziehung in einem bestimmten Moment in eine Bombe verwandelt, die dein ganzes Leben verändert, dich leiden lässt und dich ins vollkommene Unglück stürzen kann. Da gibt es psychologische Elemente, die man nicht kontrollieren kann und die einen beeinflussen. Ich nehme auch viele Anekdoten aus meinem journalistischen Leben. Der Zyklop Polyphem war ein Chef von mir.

Was ziehen Sie aus der Figur des Odysseus?

Er ist eine sehr interessante Figur – in gewisser Weise ein Antiheld. Wenn man die Odyssee aufmerksam liest, wird man sehen, dass er zunächst einmal ein Pirat ist. Dann ist er ein absoluter Lügner, der sogar die Göttin Athene anlügt. Und er hat eine attraktive Seite: Odysseus ist auch ein Frauenheld. Zudem ist er listig, aktiv und ein Reisender. Aber auf der anderen Seite auch gewalttätig und rachsüchtig. Odysseus hat viele Gesichter. Das macht es so schwierig, ihn ins Kino oder auf die Bühne zu bringen. Etwas anderes, das bei der Odyssee enorm wichtig ist: Sie ist eine Grundlage der griechischen Kultur. Denn sie zeigt eine Figur, die sich in einem bestimmten Moment dagegen entscheidet, unsterblich zu sein. Er verkörpert ein Stück weit den westlichen Menschen, der sich seiner Grenzen bewusst ist, der frei sein will, der sich nicht einfach fügt, sondern gegen das Schicksal kämpft und in gewisser Weise auch gegen die Götter. Er will dorthin gelangen, wohin er selbst will. Und deshalb ist er so lange ein Vorbild gewesen.

Zusammenhang mit der Talaiot-Kultur

Gibt es etwas in der mallorquinischen Mythologie, das sich mit dem Stoff vergleichen lässt?

Volkstümliche Erzählungen eigentlich nicht. Es gibt natürlich die Legende von Nuredduna (1900 von dem Dichter Miquel Costa i Llobera verfasst, Anm. d. Red.) ...

... wo griechische Seefahrer auf einer Insel landen und dabei recht wenig Glück erfahren.

Ja, und dazu kommt dort noch eine Höhle vor. Auch gibt es auf Mallorca und Menorca Überlieferungen von Riesen. Aber was tatsächlich interessant ist: Homer lebte, als es hier die talaiotische Kultur gab. Das, wovon er erzählt, ist der Trojanische Krieg, und der war ungefähr 300 oder 400 Jahre früher. In gewisser Weise hängen also die verborgenen Grundlagen der Talaiot-Kultur damit zusammen. Wir kennen kaum mehr als einige materielle Zeugnisse: Fresken, Gegenstände und natürlich Monumente. Es gibt keine Literatur und dergleichen. Und genau das steht durchaus in Beziehung zur Welt von Homer. Zum Beispiel erwähnt er Heldenbestattungen in einem Turm, einem Grabhügel – wie hier in der Totenstadt Son Real. Aber man muss bedenken, dass dann die Römer der Insel ihre Kultur auferlegt haben, ohne sich mit der ursprünglichen mallorquinischen Kultur zu vermischen. Die meisten Mythen, die es hier auf Mallorca gibt, stammen aus deutlich späterer Zeit.

Das Geheimnis der Odyssee: Carlos Garrido, „El Secreto de la Odisea“ (Spanischer Monolog mit Musik), 22. August, 22 Uhr, Rívoli Aficine, C. d’Antoni Marquès, 25, Palma. Eintritt: 16 Euro, Karten: ticketib.com / carlosgarridotorres.com

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