Nóe Martínez lässt sanft eine Kette aus Kristallen rascheln. Dann erzeugt er Töne mit einem Schrapinstrument aus Knochen, das bei Zeremonien einen Trancezustand erzeugen soll. Der Klang scheint nach Ende der Berührung nachzuhallen. „Die Welt der Toten ist für uns stärker mit Klängen als mit Bildern verbunden“, erklärt der Künstler, der 1986 in Morelia im mexikanischen Bundesstaat Michoacán geboren wurde. Was er ab dem 19. Januar in der Galerie Kewenig in Palma de Mallorca zeigt, ist keine gewöhnliche Ausstellung, sondern vielmehr ein Ritual. Eine Gedenkstätte für seine Vorfahren vom Volk der Huasteken, dessen Ursprünge im präkolumbischen Mesoamerika liegen.

„Ich möchte den Kreislauf von Leben und Tod mit einigen meiner Ahnen schließen, deren Versklavung vor fünf Jahrhunderten begann“, sagt Martínez. Die Huasteken seien am stärksten von einem wenig bekannten, dunklen Kapitel der Vergangenheit betroffen gewesen: Die spanischen Eroberer versklavten Menschen indigener Völker, entrissen sie ihrer Heimat und verschifften sie vor allem in die Karibik, auf die Zuckerrohrplantagen.

Eisen und Tabak

„Ich spreche von einem Moment der Geschichte, von dem keine Bilder existieren. Diese hier sind die ersten“, betont der Künstler. Deshalb sei seine Bildsprache auch mit immensem Bedacht gewählt. Jedes Material, jedes Element hat Aussagekraft und Bedeutung. Die fünf Werke für die Ausstellung „El hierro y el tabaco“ schuf Martínez während einer Künstlerresidenz im CCA Andratx – neben der Galerie Llano in Mexiko-Stadt einer der Kooperationspartner von Kewenig für das Projekt.

Die Farbe Rot steht für die Huasteken und ist damit Teil der Identität des Künstlers. Nele Bendgens

Die Arbeiten bewegen sich zwischen Malerei auf Stoff, Installation und konzeptueller Collage und repräsentieren die Himmelsrichtungen, denen in Mesoamerika bestimmte Farben zugeordnet sind. Sie basieren auf den dort angebauten Maissorten: Gelb, Weiß, Schwarz und Rot. Letzteres entspricht dem Gebiet der Huasteken und erscheint deshalb zweimal: Martínez hat mit der Farbe die stärkste persönliche Verbindung, sie steht für ihn am Anfang und am Ende des Kreises. Die Werke in Rot – Herzstücke – hängen direkt beim ehemaligen Altar des Oratori de Sant Feliu. Für den Künstler passend: „Dieser Ort war für den katholischen Glauben gemacht. Ich nehme nun etwas von diesem Beiklang des Heiligen, widme es aber meinen Ahnen.“

Transformation des Leids

Jedes Detail ist inhaltlich aufgeladen, mit Referenzen an seinen Körper – streckt er im Liegen die Arme aus, ergibt das zum Beispiel genau die Maße der Baumwolltücher – und mit Symbolen aus seiner Kultur. Die an die Bilder gehängte Kleidung ist seine eigene, bestickt mit Symbolen, die sein Volk für Tätowierungen verwendete, für ihn eine „verloren gegangene Schrift“. Die Kristalle an den Ketten spielen auf das Glas aus den Haciendas und Kirchen der europäischen Eroberer an, das nach dem Fall des Kolonialreichs in alle Winde verstreut wurde. „Schamanen der Huasteken träumen, wo genau sich diese Bruchstücke befinden, und sie verwenden sie, um zu heilen und um die Zukunft vorauszusagen“, erklärt Martínez.

Mit Heilplanzen bedruckter Stoff schmückt eines der Werke. Nele Bendgens

Auch er will in seinem Werk durchlebtes Leid transformieren. So ist an einer Arbeit ein Stück Stoff befestigt, das mit Heilpflanzen bedruckt ist: Ringelblume oder Rosmarin, vor allem aber mit dem titelgebenden Tabak, der mächtigsten und wichtigsten Heilpflanze. Auch nutzt er den schwarzen Halbedelstein Obsidian, der das Meer symbolisiert – einen dunklen und zugleich glänzenden Ort, der in seiner Kultur Sitz der Götter ist. Martínez schmückt mit den Obsidianen europäische Zeichen, mit denen einst Sklaven gebrandmarkt wurden – um die Eisen damit zu heilen. „Auch Objekte und Orte können in unserer Vorstellung krank werden“, sagt er.

Brandeisen und Poesie

Die metallenen Brandeisen bilden ein weiteres zentrales Element der Ausstellung. Wie eine Reihe aneinandergeketteter Sklaven schlängeln sich die Reproduktionen durch den Raum. Sie tragen den Buchstaben „G“ für „guerra“, also Kriegsgefangene, oder „R“ für „rescate“, also für Sklaven, deren Seelen vermeintlich durch das Christentum „gerettet“ wurden. Es sind genau zwanzig, weil diese Zahl für die Gliedmaßen und damit für den Körper steht.

Brandeisen für indigene Sklaven bekommen in der Schau eine neue Bestimmung. Nele Bendgens

Beschriftet sind sie mit Zeilen aus Martínez’ Gedicht „El sudor de las plantas.“ Es sind Fragmente, so wie die Geschichte, die nur bruchstückhaft überliefert wurde. Mit dem Text fasste Martínez eindrucksvoll einen Albtraum in Worte, der ihn vor einigen Jahren heimsuchte: Dieser versetzte ihn auf den Weg vom Hafen zu einem Sklavenmarkt. „Im Archivo General de Indias in Sevilla fand ich Dokumente, die nahezu jedes Detail aus meinem Traum beschrieben. Das war schockierend für mich“, sagt der Künstler, der seine Arbeit auch auf sorgfältige Recherchen stützt. Was einmal Zeichen der Versklavung waren, gebrannt auf die Haut der Huasteken, sind nun Eisen, die, mit Worten versetzt, in unserer Gegenwart vom erlittenen Schmerz erzählen.

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"El sudor de las plantas" (Textauszug und Übersetzung)

Caminar en el tiempo es desolador

Hay respuestas, pero se abren heridas

coloniales, profundas, recién descubiertas

Las voy pisando cuando camino en la ciudad.


Ein Gang durch die Zeit ist trostlos

Es gibt Antworten, aber es tun sich Wunden auf

kolonial, tief, neu entdeckt

Ich trete darauf, wenn ich durch die Stadt gehe.