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Aus Liebe zum Handwerk: 6A in Palma de Mallorca ist Galerie und Werkstatt zugleich

Seit mehr als 40 Jahren wird hier die Kunst alter Druckverfahren wie Lithografie weitergegeben

Die Leiterin der Galerie, Bel Font, mit Werken der aktuellen Ausstellung „Flobis Enlaire“ des Bildhauers Joan Cortés. | FOTO: NELE BENDGENS

Wenn Bel Font spricht, könnte man jeden ihrer geschliffenen Sätze direkt drucken. Und sie wüsste sogar, wie das funktioniert: Seit 24 Jahren arbeitet sie in der Galerie 6A in Palma – eine Institution, die auf der Insel und in ganz Spanien einmalig ist. Denn anfangs – wir schreiben das Jahr 1982 – war sie gar keine Galerie, sondern eine Werkstatt. Inzwischen geht beides Hand in Hand.

„Die Gründer waren die Künstler Maria Carbonero und Ramon Canet sowie einige weitere Mitstreiter. Sie haben diese Geschichte auf vollkommen romantische Weise ohne kommerzielle Interessen begonnen“, erzählt die heutige Leiterin der Galerie. „Ihr klares Ziel war, traditionelle Druckverfahren zu erhalten und sie in den Dienst der zeitgenössischen Kunst zu stellen.“

Gründer von 6A: Lluís Roca, Pep Sitjar, Ramon Canet und Maria Carbonero. DM

Kein Museum, sondern lebendige Geschichte

Für diese Idealisten sei 6A nichts gewesen, wovon sie lebten, sondern vielmehr ein Kleinod, mit dem sie ihrer Liebe zu diesen Techniken frönten. Die Initiative sei auf natürliche Weise immer größer geworden. Im vergangenen Jahr wurde die „Werkstatt-Galerie“ zu ihrem 40-jährigen Bestehen mit dem Premi Ramon Llull der Balearen-Regierung geehrt. Ihren Namen verdankt 6A übrigens der Hausnummer im Carrer Pont i Vic, wo sich ehemals der Eingang befand. Heute betritt man durch zwei gegenüberliegende Eingänge im Carrer de la Puresa den Ausstellungsraum oder die vor drei Jahren frisch renovierte Werkstatt.

Beim Blick durch die großen Fenster wird man schon von der Straße aus neugierig auf die altehrwürdigen Druckpressen, Lithografiesteine, Farbtiegel und Werkzeuge. Die Idee von 6A sei schon immer gewesen, den Stadtbewohnern Einblicke in die handwerkliche Arbeit zu ermöglichen. „Viele Passanten, darunter viele Ausländer, schauen herein und fragen, ob das hier ein Museum ist“, sagt Font. „Aber nein, man muss keinen Eintritt bezahlen, weil es lebendige Geschichte ist. Wir haben all diese Maschinen nicht hier, weil sie schön aussehen – sie werden tatsächlich alle noch verwendet.“ Fonts Kollege Francesc Campins leitet den Bereich der Werkstatt und arbeitet dort direkt mit den Künstlern zusammen. Es sei stets Teamwork auf Augenhöhe.

Kein Museum, sondern „lebendige Geschichte“: die Werkstatt mit Druckpressen von 6A. Nele Bendgens

Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Mehr als hundert Künstler nutzten in diesen 41 Jahren die Werkstatt, um mit Verfahren wie Xylografie (mit hölzernen Druckstöcken), Kupferstechkunst oder Lithografie zu arbeiten, bei der Steinzeichnungen auf einen Lithografiestein übertragen werden – Letztere sei zwar die anspruchsvollste Technik, aber bei den Künstlern zweifellos die beliebteste.

Das Archiv umfasst inzwischen rund 1.800 Original-Kunstwerke. Ein reicher Schatz, den 6A gerne für Kollektivausstellungen nutzt, um ältere Lithografien, zum Beispiel des 2009 verstorbenen katalanischen Künstlers Albert Ràfols-Casamada, zusammen mit aktuellen Werken zu präsentieren. „Der Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist bei uns immer allgegenwärtig, weil hier mit Techniken von damals Ausstellungen zeitgenössischer Kunst entstehen“, sagt die Galeristin.

Ausstellung des Bildhauers Joan Cortés

Ein Markenzeichen, auch der Einzelausstellungen: Immer liegt ihnen eine vorherige Arbeit in der Werkstatt zugrunde. Zu den „Künstlern des Hauses“, die hier mit für sie teils neuen Verfahren experimentieren, gehört seit 2012 der Bildhauer Joan Cortés aus Pollença, der aktuell mit der Schau „Flobis Enlaire“ repräsentiert ist. Der Titel spielt auf die Partikel an, die durch die Luft schweben, nachdem etwas verbrannt wurde. Cortés’ Arbeiten untersuchen das Verhältnis zwischen Volumen und Raum, sie sind zugleich poetisch, elegant und kraftvoll. „Durch sein technisches Können und sein Talent werden selbst bescheidene Materialien zu etwas Edlem“, sagt Font.

Die Ausstellung "Flobis Enlaire" von Joan Cortés in der Galeria 6A. Nele Bendgens

In diesem Fall liegt den geschwungenen Skulpturen ein Drahtskelett zugrunde, doch auf den ersten Blick könnte man meinen, sie seien aus Marmor. Ihr Gewicht ruht nur auf wenigen Punkten, die sie mit den Holzsockeln verbinden. In der Ausstellung stellt der Bildhauer den dreidimensionalen Werken filigrane Radierungen zur Seite: Sie zeigen gewissermaßen das Innenleben, das sich in den Skulpturen verbirgt. Die Schau beschränkt sich nicht nur auf den Galerie-Bereich – auch auf der anderen Straßenseite sind Arbeiten des Künstlers ausgestellt. Das sendet die klare Botschaft: Kunst und ihr Entstehungsprozess sind keine getrennten Bereiche.

Souvenir mit Seele und Charakter

6A setzt sich für die Anerkennung von grafischer Kunst als vollwertige künstlerische Ausdrucksform ein. Manch ein junger Künstler mag die traditionellen Verfahren für antiquiert halten. Für Bel Font ist das aber nicht das Thema: „Letztlich geht es nicht um Kategorien wie alt oder modern, sondern darum, ob das Ergebnis eine eigene Seele hat. Das ist bei Originalgrafiken absolut der Fall“, sagt sie.

Im Eingangsbereich der Werkstatt können Besucher sich ein Souvenir mit Seele und Charakter auf einer handbetriebenen Boston-Tiegelpresse drucken. Nach etwas Krafteinsatz ist auf daumenschmeichelndem, dickem Papier zu lesen: „Ich habe die Galerie und Werkstatt 6A besucht, um 41 Jahre der Liebe zu Geschichte, Kunst, Technik und Kultur zu feiern.“

6A Galeria d’art i taller, Ausstellung „Flobis Enlaire“ von Joan Cortés: bis 5. Mai, Mo-Fr. 10-14 Uhr und 17-19.45 Uhr, Carrer de la Puresa, 8 und 3A, Palma

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