Farb- und Gefühlsrausch, der Lust auf mehr macht: Was vom Art Palma Summer bleibt

Der Art Palma Summer mag die jüngste Schwester der Kunstevents Nit de l’Art und Art Palma Brunch sein. Doch das diesjährige Aufgebot der Galerien am 6. Juni konnte sich daneben sehen lassen. Eindrücke von der neunten Edition der sommerlichen Kunstnacht auf Mallorca

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Hitze ist ein steter Begleiter an diesem Donnerstagabend: angefangen bei den schweißtreibenden Temperaturen, die passend zum Namen des Events den Art Palma Summer anheizen, über die sommerlichen Outfits der überschaubaren, aber interessierten Schar Besucher bis hin zu einem frisch flambierten Kunstwerk. Denn das Herzstück der Schau von Joan Costa bei Aba Art Lab ist der schwarz verkohlte Baumstamm einer Eiche. Rundherum scharen sich Inselpolitiker wie Jaime Martínez, Javier Bonet oder Antònia Roca, als hätten sie sich zu einer Beerdigung versammelt. Sie blicken sichtlich betroffen auf dieses Stück zerstörte Natur, lauschen dem Geräusch knisternder Flammen aus einem Lautsprecher und den erklärenden Worten des Künstlers.

Joan Costa sorgt sich seit jeher um die Wasserressourcen unseres Planeten. In der aktuellen Ausstellung schlägt er eine Brücke zum Element Feuer und zu den bedrohten Wäldern. Skulpturen von Baobabs – meisterliche natürliche Wasserspeicher – und schwarz-weiße Gemälde von totem Holz sollen unser Bewusstsein für die Verwundbarkeit der Erde schärfen. Doch die Installation ist hier das eindringlichste Mahnmal: Der Feuergeruch geht in die Nase, die Kohle bleibt schon nach einer sachten Berührung an den Fingern haften.

Joan Costa nutzt Feuer für seine bewegende Installation im Aba Art Lab.

Joan Costa nutzt Feuer für seine bewegende Installation im Aba Art Lab. / DM

Zahlreiche Eindrücke, die sich einbrennen

Obgleich dieser Schau in Sachen Tiefgang wohl die Krone gebührt, liefern auch die anderen Galerien an diesem Abend zahlreiche Eindrücke, die sich einbrennen – und erfrischend viel Kunst abseits klassischer Malerei. Im Untergeschoss bei Fran Reus erteilt uns Julià Panadès eine Lektion in Sachen Genügsamkeit und setzt mit fantasievollen Arbeiten aus Fundstücken – inklusive einer schlafenden Snoopy-Figur in einem Strandsetting mit Sonnenuntergang – ein Statement gegen die Auswüchse der Konsumgesellschaft. Im Raum The Vault trifft man indes Maite und Manuel. Das Künstler-Duo hat die kleine Kammer in eine Art Jugendzimmer verwandelt, in dem offenbar ein kreativer Kopf explodiert ist.

Maite und Manuel in ihrem kreativen Chaos bei Fran Reus.

Maite und Manuel in ihrem kreativen Chaos bei Fran Reus. / B. Rohm

Bei der Galería Pelaires ballt sich das Gros der Besucher im ersten Stock in der Ausstellung von Diego Delas – der Titel „Una fascinación“ scheint Programm zu sein. „Prämoderne“ volkstümliche Symbole und Bezüge zu Ritualen, Magie, Talismanen oder Tarotkarten inspirierten den Künstler. Wer genau hinsieht, entdeckt in einem der Gemälde eine Anspielung auf den kleinen Prinzen und die Schlange, die einen Elefanten verschluckt hat.

Delas erzählt beim Rundgang, dass er selbst aus einem 18-Seelen-Ort stammt. Woraufhin David Barro, neuer Direktor des Es Baluard, die Anwesenden mit der Bemerkung zum Lachen bringt, dass Delas heute der berühmteste Künstler seines Dorfes ist. Spaß beiseite, sind die Besucher spürbar angetan von den Werken, die viele Interpretationen offenhalten.

Werkdetail von Diego Delas.

Werkdetail von Diego Delas. / B. Rohm

Abstecher raus aus dem Zentrum lohnen sich

Als „sehr frei“ beschreibt auch Antoni Ferrer Mayol das Konzept der Schau „Space In Between“ in seiner Galería Fermay. Die drei ausgewählten Künstler Julia da Mota, Evi Vingerling und Sebastien Pauwels zeigen ihr jeweiliges Verständnis von Malerei und Raum. Die Ausstellung ist ein gutes Beispiel dafür, dass Kunst auf verschiedenen Ebenen funktionieren kann: Wem die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Konzepten zu späterer Stunde zu viel ist, der erfreut sich vordergründig an den leuchtenden Farben.

Als hätte die Besucherin links ihr Outfit auf die sommerlich farbenfrohe Kunst der Galería Fermay abgestimmt.

Als hätte die Besucherin links ihr Outfit auf die sommerlich farbenfrohe Kunst der Galería Fermay abgestimmt. / B. Rohm

Ebenso wie der Schlenker zu Fermay lohnt sich ein Extra-Fußweg zur L21 Gallery: Die drei Projekte auf drei Etagen könnten unterschiedlicher nicht sein und entfalten genau durch diesen Kontrast ihren Reiz. Nach der Gruppenschau im Erdgeschoss, wo der in Schottland lebende Künstler Joe Cheetham stoisch der Wärme im Hausinneren trotzt, empfängt einem beim Aufstieg in den ersten Stock Dunkelheit. Igor Jesus kreierte hier einen Parcours aus Fernsehgeräten, die mit Videos und Fotos eine Art Observatorium für diverse Phänomene entstehen lassen. Im lichtdurchfluteten Obergeschoss dann die in Erdtönen gehaltenen Bilder von Lydia Gifford, die eine Symbiose mit den Wänden zu bilden scheinen.

Einen zweiten oder dritten Blick wert

Kontraste finden sich auch bei Baró: Hineingezogen von den überwältigenden Textil-Skulptur-Ungetümen von Joana Vasconcelos entdeckt man im hinteren Teil einige viel diskretere, doch nicht minder faszinierende Arbeiten, die einen zweiten Blick wert sind. Oder auch einen dritten. Zum Glück sind die Ausstellungen gerade erst gestartet und noch den ganzen (Kunst-)Sommer über zu sehen.

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