Die "Aphrodite von Palma": Als der Flughafen Mallorca beinahe eine 36-Meter-Skulptur von einem deutschen Künstler bekommen hätte

Viele visionäre Projekte des berühmten Fluxus-Künstlers Wolf Vostell blieben auf Mallorca nur Ideen. Eine Schau in Palma macht sie jetzt dennoch sichtbar

Die Ausstellung verteilt sich über zwei Stockwerke im Stadtpalast Can Balaguer. Hier ein Modell der Skulptur für Palmas Flughafen.

Die Ausstellung verteilt sich über zwei Stockwerke im Stadtpalast Can Balaguer. Hier ein Modell der Skulptur für Palmas Flughafen. / Manu Mielniezuk

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Der Flughafen von Palma hat im Jahr 1994 eine historische Chance für ein unkonventionelles Markenzeichen verpasst. So sieht es jedenfalls Magdalena Aguiló, die Kuratorin der Ausstellung „Connexió Vostell. Berlín-Malpartida- Palma“ im Kulturzentrum Can Balaguer. Denn Wolf Vostell (1932–1998), der berühmte deutsche Vertreter der Fluxus-Bewegung, stand in den Startlöchern für ein einzigartiges Projekt: Aus einer im Hangar abgestellten, ausrangierten Maschine der spanischen Charterfluggesellschaft Spantax, die 1988 ihren Betrieb einstellte, wollte Vostell eine monumentale, 36 Meter hohe Skulptur kreieren – ein abstürzendes Flugzeug, das auf den Namen „Afrodita de Palma“ hören sollte. „Es war als Hommage an den Tourismus des 20. Jahrhunderts gedacht“, erklärt Aguiló bei der Präsentation der Schau.

Exponate wie erste Zeichnungen des Projekts auf Restaurant-Servietten, Briefwechsel mit Verantwortlichen des Flughafenbetreibers Aena, Fotografien oder kleine Modelle bezeugen die Entwicklung des kuriosen Projekts. Doch obwohl sich Pilar Ribal, Palmas heutige Generaldirektorin für Kulturerbe und Kulturvermittlung, damals mit Leidenschaft für das Vorhaben einsetzte, sollte am Ende nichts daraus werden: Das Flughafen-Projekt blieb ein Luftschloss. Wobei es bei der Kunstform Fluxus, die ab den 1960er-Jahren bekannt wurde, ohnehin weniger auf das Werk ankommt als auf die schöpferische Idee dahinter. Und sich mit Vostells Geistesblitzen auseinanderzusetzen, so wie es nun die aktuelle Schau anhand von rund 60 Ausstellungsstücken – hauptsächlich aus den 1990er-Jahren – leistet, ist allemal spannend.

Leuchttürme und ein Fluxus-Konzert

Die „Aphrodite von Palma“ war nicht das einzige Werk, das der große Künstler für die Balearen im Sinn hatte und das nie das Licht der Welt erblicken sollte. Ein weiteres Beispiel ist auch das ambitionierte Projekt „Fars“ (Leuchttürme) von 1992, an dem insgesamt vier Künstler beteiligt waren. Den Ausgangspunkt bildeten drei Leuchttürme auf Ibiza und einer auf Formentera – einer für jeden Künstler. Vostells Beitrag hieß „Ícaro y Tánit“ (Ikarus und die ibizenkische Göttin Tanit). Da die Behörden die Interventionen als Gefahr für die Schifffahrt einstuften, verweigerten sie schließlich die Genehmigung. „Als das Projekt nicht umgesetzt werden konnte, schuf Vostell aber trotzdem einige Variationen“, sagt die Kuratorin. Zu dieser Serie gehören Entwürfe, bei denen Vostell den Leuchtturm durch eine Cola-Flasche oder eine Gitarre ersetzte.

Variation eines Leuchtturms – mit Colaflasche.

Variation eines Leuchtturms – mit Colaflasche. / Manu Mielniezuk

In einem anderen Fall sollte dem Künstler, der sich immer wieder mit weltpolitischen Ereignissen beschäftigte, die Umsetzung glücken: Fotografien und ein Video erzählen von seinem Fluxus-Konzert „Sara-Jevo“, einer Auseinandersetzung mit dem Bosnienkrieg. Vostell inszenierte die Performance 1994 im Espai Cúbic in der Miró-Stiftung. Daran beteiligt waren unter anderem drei Klaviere, eine Sopranistin, ein nacktes Model und haufenweise Ensaimadas-Kartons auf dem Boden.

Ein Galerist, porträtiert als Rasierapparat

Insgesamt zeichnen Exponate von 15 Leihgebern die Verbindung zwischen Vostell, der mit der Spanierin Mercedes Guardado verheiratet war, und Mallorca nach. Etwa anhand von Werken aus der Sammlung des Galeristen Joan Guaita, der ihn dereinst vertrat: darunter auch ein originelles „Porträt“ von Guaita, nämlich in Gestalt eines Rasierapparats. „Vostell sagte dazu, dass Galeristen die Künstler ‚rasieren‘ würden, indem sie ihnen das Geld aus der Tasche ziehen“, erklärt Aguiló.

In anderen Fällen besteht die Beziehung zur Insel lediglich darin, dass das Werk von Privatsammlern auf der Insel bereitgestellt wurde. So ein Gemälde von Vostells „La tortuga“ – einer großen Raumplastik, die sich seit 1993 vor dem Theater in Marl im Ruhrgebiet befindet. Sie besteht aus einer umgedrehten Dampflokomotive, die eine hilflos auf dem Rücken liegende Schildkröte darstellt – eine Metapher für die Agonie der Juden im Dritten Reich. Für eine akustische Erfahrung sorgen Stimmen von Zeitzeugen, die aus dem Inneren des Tenders dringen und sich vor allem mit der Deportation beschäftigen. Auch wenn das Bild nicht den gleichen Eindruck erzeugt wie die Skulptur – die Idee, die nun hier in Palma repräsentiert ist, fesselt und bewegt.

Abonnieren, um zu lesen