Meeresungeheuer und Migration: Sechs Künstler zeigen im Studio Weil in Port d’Andratx ihren Blick auf den Mittelmeerraum
Die Ausstellung "Porus" ist das zweite Projekt im Rahmen der Reihe "Art per al canvi" (Kunst für den Wandel)

Die Werke von Sara Regal (Mitte) und Nieves Guri (rechts) sind für die Schau kreiert worden. / Nele Bendgens
Ein Themenspektrum von Nachhaltigkeit über Massentourismus bis hin zu Migrationsrouten erwartet die Besucher bei der Schau der zweiten Ausgabe der Reihe „Art per al canvi“ (Kunst für den Wandel). Im Rahmen des Kunstpreises „Premio Barbara H. Weil“ darf das Publikum abstimmen, welcher der sechs Künstler gewinnt und mit einer Solo-Ausstellung im Studio Weil belohnt wird.
Zuvor hatte eine Jury die Auswahl getroffen, nun zeichnet die Kuratorin Aina Pomar dafür verantwortlich. „Dieses Jahr wollte ich den Fokus auf Aspekte legen, die uns hier womöglich näher betreffen“, erklärt Pomar. So ist den Künstlern gemein, dass sie auf einer Insel im Mittelmeer geboren sind oder leben. „Einige konzentrieren sich in ihrer Praxis mehr auf die Erde, andere auf das Meer. Der Verbindungspunkt ist das Ufer, eine verschwommene und poröse Grenze, wie ein Schwamm, der Dinge abgibt und absorbiert – daher der Titel Porus.“
Diogenes und Riesenkraken
Zu den Künstlern, die sich in diesen Zwischenräumen an den Küsten verorten, zählt der Mallorquiner Julià Panadès, dessen Skulptur dem Besucher sofort ins Auge springt: ein „Monument für Diogenes“. Das Gebilde aus Sand umfasst – wie so oft bei Panadès – recycelte Fundsachen, die er am Strand sammelt. Der Philosoph Diogenes, ein Vertreter der Strömung des Kynismus, verteidigte die Bedürfnislosigkeit. Daher betrachte ihn der Künstler als den „ersten Wachstumskritiker“, sagt Pomar. Der Hundekopf der Figur erinnert einerseits an den etymologischen Ursprung der Kyniker und ihrer „hündischen Lebensweise“, zum anderen an ein bekanntes Meme im Netz.

Diogenes gewidmet: die Skulptur von Julià Panadès. / Nele Bendgens
Das gegenüber hängende Diptychon von Irene de Andrés stammt aus einer Serie, bei der die ibizenkische Künstlerin historische Bilder von Erholungsorten wie römischen Bädern und von aktuellen Attraktionen wie Wasserrutschen übereinander lagert. Ein drittes Werk mit dem Titel „The Kraken“ empfängt die Besucher schon an der Balustrade der Terrasse: „Es zeigt zwei Meeresungeheuer: ein Detail des Riesenkraken, dem legendären Monster aus der Antike, und die monströsen Kreuzfahrtschiffe von heute“, so Pomar.
Fragmentierung des Ozeans und Poesie
Bei Fabrizio Contarino verwandelt sich das Meer in wellenförmige Keramikarbeiten. „Er arbeitet viel mit der Materialität des Meeres und dem Thema der Wiederholung, der Serialisierung eines Bildes“, erklärt die Kuratorin. So zeigt der aus Sizilien stammende Künstler hier Kacheln an der Wand, die von antiken Mosaiken im Musée du Bardo in Tunesien inspiriert sind, daher auch der Titel „Bardo“. Während dieses Ensemble das für gewöhnlich horizontale Kontinuum des Ozeans fragmentiert, rückt Contarino das Meer bei einer Serigrafie hinten im Raum in eine vertikale Perspektive: „The Opposite Sea“ richtet den Blick auf das 145 Kilometer schmale Stück See bei Sizilien, das Europa und Afrika trennt. Zum Einsatz kamen dabei Archivbilder von Nachrichten, die mit Migration zu tun hatten.

Korrespondiert mit der Architektur im Hintergrund: „The Kraken“ von Irene de Andrés. / Nele Bendgens
Auch Poesie ist in der Schau vertreten: Das Gedicht „I take of places“ des zyprischen Künstlers Yorgus Petrou. Bei ihm geht es laut Pomar häufig um die Beziehung zwischen seinem queeren Körper und dem Land – Zypern und dem Mittelmeerraum mit dessen historischer und politischer Prägung: „Es ist eine Art Rückforderung eines Landes, das auch ihm gehört, das ihn bei sich aufnimmt, ihn aber auch verletzt.“ Eine zweite Arbeit mit demselben Titel besteht aus Knieschonern, die auf den engen Kontakt mit der Erde anspielen – dem respektvollen Hinknien, aber mit einer Schutzvorrichtung.
Recycelte Materialien
Die auf Mallorca lebende Künstlerin Sara Regal hat mit „Blanquejat“ eigens für diese Ausstellung eine anmutige Skulptur kreiert. Ihre Basis ist die traditionelle Flechtkunst mit Palmzweigen (llatra). „Die Materialien, die Regal verwendet, sind nie gekauft. Sie bekommen ein zweites Leben“, so Pomar. In diesem Fall nutzte die Künstlerin Pflanzenfasern aus alten und kaputten Körben, die sie mit verschiedenen Techniken bearbeitete und härtete.
Auch die Mallorquinerin Nieves Guri nutzt mit Vorliebe recycelte Materialien, und auch sie kreierte zwei Arbeiten speziell für den Raum im Studio Weil. Ihr Beitrag umfasst einerseits einen monumentalen Stoff, der in Dimension und Beschaffenheit an eine Kreuzung aus Berg und Theatervorhang denken lässt. Dazu schnitt Guri Teile des Textils aus, bemalte sie mit Eisengallustinte aus endemischen Pflanzen und fügte sie dann wieder neu zusammen. Hinzu kommt eine weitere Arbeit auf handgeschöpftem Papier. „Die Künstlerin hat eine starke Verbindung zur Erde“, sagt die Kuratorin. „In diesem Fall interessierte mich aber auch ihre Verwendung der Fragmentierung, die mit der Idee der Insel zu tun hat – der Formung unseres eigenen, kleinen Fleckchens Land.“
Kunst für den Wandel Gruppenausstellung „Porus“ (Reihe „Art per al canvi“), bis 27. Oktober, Studio Weil, Carrer Valleluz, 1, Port d’Andratx, geöffnet Sa.–So. 11–14 Uhr und mit Termin unter Tel.: 642-84 00 73.
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