Dieses poetische Fotobuch zeigt die Magie der Roma-Hexen
Feminismus am Rande der Gesellschaft: Die auf Mallorca lebende Fotografin Silvia Prió reiste nach Rumänien, um "weise Frauen" und ihre Riten zu porträtieren

Die Hexe Amalia bei einer Liebesbeschwörung. / Silvia Prió
Ein schwarzer Hahn wird im Dienste der Gesundheit geopfert und anschließend in einem Topf mit diversen Kräutern gekocht. Ein anderer heilender Zauber erfordert es, Arzneitränke im Wald zu deponieren. Für ein Liebesritual sind Kuhherzen vonnöten, gespickt mit Kerzen, die für die Dauer der Zeremonie herunterbrennen. Anschließend hängt man die Herzen in die Bäume. Und wenn eine Person verlassen wurde und den Geliebten zurückgewinnen will, weiß die Hexe Amalia Rat: Sie bindet zu diesem Zweck ein Liebespaar aus Keramik mit einer Schleife zusammen.

Im Namen der Liebe: Kuhherzen in einem Baum. / Silvia Prió
Die auf Mallorca lebende, katalanische Fotografin Silvia Prió wurde Zeugin verschiedenster Praktiken wie dieser. „Für mich ist die Fotografie ein Vorwand, um Neues zu lernen“, sagt Prió im Gespräch mit der MZ. In diesem Fall verfolgte sie ein anthropologisches Interesse an den Roma-Frauen (gitanas), über deren Kultur sie schon zwei dokumentarische Projekte umgesetzt hatte und eines rund um die Magie. Der Begriff „Hexe“ bedeutet für sie „weise Frau“. Die Fotografin wollte herausfinden, woher unser Bild von gitanas mit übersinnlichen Fähigkeiten kommt, die auf historischen Gemälden stets dargestellt sind, wie sie Karten legen oder die Hand lesen.
Vier Reisen nach Rumänien
Und sie begann zu recherchieren, wo auf der Welt noch Frauen existieren, die diese magischen Künste ausüben. „Früher sah man sie auch auf Mallorca noch, wie sie auf der Straße mit einem Rosmarinzweig in der Hand fragten: Möchtest du, dass ich in deine Zukunft schaue?‘ Aber das ist heute verschwunden“, sagt Prió. In Rumänien hingehen gebe es noch immer ein großes Kollektiv dieser Frauen – und Kunden aus allen Gesellschaftsschichten, die sie aufsuchen.

Zauber für die Gesundheit: Foto eines Heilrituals im Wald. / Silvia Prió
Insgesamt vier Reisen unternahm die Fotografin in das südosteuropäische Land, sie durchquerte es mit dem Zug von Bukarest bis nach Iași an der Grenze zur Republik Moldau. Über einen Roma-Verein vor Ort fand Prió eine Begleiterin, die Spanisch sprach und die mit ihr zusammen viele Häuser der Hexen und ihrer Familien besuchte. „Sie war sicher ein Schlüssel dafür, dass ich Zugang bekam“, sagt sie. „Ein weiterer war die Tatsache, dass ich eine Frau bin. Denn als ich in den Norden von Rumänien vorstieß und allein unterwegs war, hat mir das viele Türen geöffnet. Eine Frau wirkt nicht bedrohlich.“ Gerade in den ghettoartigen Randgebieten, wo die Roma-Frauen leben, sei dieser Aspekt entscheidend, um Vertrauen aufzubauen. Da Prió jedes Jahr zu denselben Familien zurückkehrte, knüpfte sie mit der Zeit freundschaftliche Bande.
Fotos voller Respekt und Würde
Die Aufnahme unten zeigt sie im Gespräch mit einer Hexe aus Iași. „Ich bat immer um das Fotoalbum der Familie, weil ich es liebe zu sehen, wie die Frauen früher aussahen. Und ich habe eine Obsession für das Verstreichen der Zeit“, sagt Prió. Die alten Bilder seien für sie eine wichtige Quelle gewesen, um die Frauen und ihr Leben besser zu verstehen. Sie selbst arbeitete vor Ort sowohl mit einer Analog- als auch mit einer Digitalkamera. Das Narrativ und ihre fotografische Vision kristallisierten sich erst heraus, als sie die Aufnahmen später auf dem Tisch hatte.

Silvia Prió mit einer Hexe aus dem Grenzort Iași. / Silvia Prió
Ihr Material trug die Fotografin in dem September 2024 erschienenen Fotobuch „Gypsy Witches“ zusammen, dem ersten Teil einer geplanten Tetralogie mit dem Titel „Magia mujeres y ritos“ – ein Projekt, das vom balearischen Kulturinstitut IEB gefördert wird. Priós Fotografien der rumänischen Roma-Hexen und ihrer Traditionen sprechen eine Sprache des Respekts und der Würde. Sie sind dokumentarisch und zugleich poetisch, rücken die Frauen ins beste Licht, vermeiden dabei aber Klischees. Und sie fokussieren auch den Wandel der Riten, ihren Kontrast mit der modernen Welt: uraltes, überliefertes Wissen im Zusammenspiel mit den neuen Medien.
Frauen mit Stimme, aber ohne "Lautsprecher"
„Was mich fesselte, war die Art, wie sich die Hexen präsentierten: Ich kontaktierte sie über Instagram und Facebook“, sagt Prió. Auch die Technologien hätten durchaus etwas Magisches, da sie zwar keine Verbindung ins Jenseits oder in die Zukunft ermöglichen, aber in Echtzeit über Tausende Kilometer Distanz. Die Fusion dieser beiden Konzepte von Magie interessierte Prió besonders. „Es gibt zwei Fotografien, die das gut illustrieren: ein Handy auf einem Tisch und darauf die Social-Media- Visitenkarte einer der Hexen. Daneben, auf einem anderen Tisch, ein Bild von einer Tarotkarte – ein starker Parallelismus.“ Oft seien es die Töchter oder Enkelinnen, die die sozialen Netzwerke betreuen und mit Kunden aus dem Ausland kommunizieren – auf Englisch, obwohl sie nie eine Schule besuchten.
„Einmal habe ich zu einer Roma-Frau gesagt: Ich möchte gerne Personen eine Stimme geben, die ausgegrenzt werden. Und sie antwortete: Entschuldigung, aber wir haben eine Stimme (voz). Was wir nicht haben, ist einen Lautsprecher (altavoz), so wie du ihn hast“, erzählt Prió. „Diese Frauen sind Feministinnen, die arbeiten, über wertvolles Wissen verfügen und dieses mündlich weitergeben. Sie sorgen für den Unterhalt ihrer Familien und sind sehr ermächtigt.“
Ein Hexen-Diplom auf Facebook
Als bestes Beispiel nennt sie die Facebook-Seite einer Frau, die mit einem Abschluss in Hexerei wirbt. „Danach gefragt, sagte sie: Dieses Diplom habe ich mir selbst verliehen. Das sagt alles – ich fand es wunderbar“, so Prió. Wenn man am Rande der Gesellschaft lebe und keinen Zugang zu Universitäten habe, müsse man sich selbst helfen und sich selbst wertschätzen, wo andere es nicht tun.
Beeindruckt habe die Fotografin immer wieder der Mut dieser Roma-Frauen. So begegnete sie einer in Rumänien sehr berühmten und hochverehrten Hexe, die heute 70 Jahre alt ist. In ihrer Jugend, unter Diktator Ceaușescu, war ihr Gewerbe zeitweilig verboten gewesen. „Aber sie hätte um nichts in der Welt damit aufgehört, weil sie damit ihre Familie ernährte“, sagt Prió. „Sie landete sogar im Gefängnis, aber sie sagte den Wächtern: Ihr könnt mich einsperren, so viel ihr wollt. Meine Kräfte werden diese Zellen überwinden.“
Silvia Prió, „Gypsy Witches“, 2024, Editions Odyssée, 160 Seiten, mit Texten auf Englisch, 34 Euro. Zu bestellen auf der Website editionsodyssee.com

Buchcover "Gypsy Witches" / Editions Odyssee
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