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Radfahrer, Raubvögel, Baustellen: Wie ein deutscher Zeichner das Treiben in Sineu porträtiert hat

Nach dem Motto "früh aufstehen, losgehen, gucken" bannte Matthias Beckmann einen Monat lang das Dorf in der Inselmitte auf Papier

In raschen, geübten Strichen entsteht eine Ansicht von Sineu.

In raschen, geübten Strichen entsteht eine Ansicht von Sineu. / Nele Bendgens

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Wie ein Fels in der Brandung sitzt er da, auf dem schmalen Stück Bürgersteig in der Ecke, wo die viel befahrenen Straßen Carrer de Son Sabater und Carrer de Tramuntana aufeinandertreffen. Matthias Beckmann braucht nicht viel Platz. Nur seinen kleinen Klapphocker und Schatten – auch die blaue Schirmmütze hat ihn nicht vor einem leichten Sonnenbrand im Gesicht bewahren können.

All den lärmenden Autos und dem Benzingeruch schenkt der hoch konzentrierte Zeichner keinerlei Beachtung. Für zwei Sekunden huscht der Blick in Richtung der Pfarrkirche Santa Maria de Sineu, dann wieder für zwei Sekunden aufs Papier, wo der Straßenzug mit zügigen, präzisen Strichen Gestalt annimmt. Einer Anwohnerin, die gerade mit Karton unterm Arm aus einer Garage tritt und diskret hinüberlinst, entfährt ein begeistertes „ay, qué bonito …!“

Matthias Beckmann lässt sich beim Zeichnen und Aquarellieren durch nichts aus der Ruhe bringen.

Matthias Beckmann lässt sich beim Zeichnen und Aquarellieren durch nichts aus der Ruhe bringen. / Nele Bendgens

Einmonatige künstlerische Residenz

Dass der 60-jährige Wahlberliner an diesem Freitag Ende Mai eine unscheinbare Kreuzung in den Ausläufern von Sineu so virtuos verewigt, ist einem Kooperationsprojekt von den Lichtenberg Studios in Berlin und Marcos Vidals Künstler-Quartier Espai Sant Marc in Sineu zu verdanken. Die einmonatige künstlerische Residenz brachte Beckmann zum allerersten Mal nach Mallorca. „Meine Erwartung war: Ich wollte in Ruhe zeichnen, ein bisschen wie die deutschen Romantiker in Italien. So habe ich mir das eigentlich gedacht“, erzählt der bodenständig und besonnen wirkende Künstler beim MZ-Besuch.

Enttäuscht worden sei er nicht, Beckmann preist das besondere und interessante Licht. Dass er sich, angestoßen von seinem Gastgeber Marcos Vidal, bei dem Projekt auf das Dorf in der Inselmitte konzentrieren würde, stand von Anfang an fest. Und es kam dem Zeichner und Grafiker sehr gelegen: Viel herumreisen habe er ohnehin nicht gewollt. „Früh aufstehen, losgehen, gucken“, so beschreibt er seinen Tagesablauf auf Mallorca. „Ich finde es gut, an einem Ort zu sein. Das ist einfach besser zum Arbeiten“. In seinen Zeichenserien beschäftigt sich Beckmann häufig mit Orten und Institutionen, vom Deutschen Bundestag bis hin zu Kölns romanischen Kirchen.

"Es geht um Alltag, um typische Situationen"

In Sineu malte er aber freilich nicht nur Gebäude mit Wiedererkennungswert wie die Kirche oder das Rathaus. Seine Werke leben davon, dass er bestimmte Orte oft besucht und ohne Vorbehalte immer wieder neu beobachtet. „Es geht um Alltag, um typische Situationen“, erklärt er. Etwa um die Art, wie die Kabel auf spanische Art an den Häusern verlegt sind. Um die vielen Verkehrsschilder, für die er ein Faible zu haben scheint. Um die derzeit wie Geschwüre im Ort wuchernden Baustellen. Oder um das Café, das um 10 Uhr morgens zur mallorquinischen Snackzeit berenar brechend voll ist und sich um 1 1 Uhr schlagartig leert.

Zeichnung eines Marktstands in Sineu.

Zeichnung eines Marktstands in Sineu. / Nele Bendgens

Hinzu kommen auffällige Szenerien, die es unter die Motive von Beckmanns mehr als 70 Zeichnungen geschafft haben – wie die große Messe Sa Fira de Sineu Anfang Mai: „Raubvögel habe ich wirklich noch nie auf einem Markt gesehen. Das ist natürlich irre“, sagt der Zeichner. Auch den Wochenmarkt am Mittwoch fand er spannend. Ein Standbesitzer sei entzückt gewesen, dass er „seine Taschen so schön gemalt“ habe, erzählt Beckmann beim Durchsehen der bisher entstandenen Zeichnungen im Espai Sant Marc. Einmal zeichnete er sich auch selbst im Spiegel über einem Kaminsims in dem Künstlerquartier. „Das ist ein Running Gag, ein bisschen wie bei Hitchcock“, sagt er über sein Selbstporträt.

Ein Selbstporträt von Matthias Beckmann.

Ein Selbstporträt von Matthias Beckmann. / Nele Bendgens

Menschen tummeln sich eher wenige auf den Zeichnungen, was vor allem daran liegt, dass sie meist nicht lange genug in dem für das Bild gewählten Ausschnitt verweilen. „Man muss schnell sein“, sagt Beckmann. Bei einem US-amerikanischen Radfahrer sei eigentlich gar nicht geplant gewesen, ihn in die Zeichnung von einem Café zu integrieren. Doch dann war er einfach da. Und amüsierte den Künstler dadurch, dass er seinen Helm aufbehielt. „Er wollte das Bild am Ende sogar kaufen, aber es war noch nicht fertig“, erzählt der Zeichner. Das geschehe ab und an.

Verwunderung über die Zurückhaltung der Mallorquiner

Abgesehen davon habe ihn aber die Zurückhaltung der Mallorquiner verwundert. „Ich hätte damit gerechnet, dass ich mehr angesprochen werde“, sagt Beckmann. Nicht etwa, weil er die Aufmerksamkeit suche. Doch der Kontrast zu einer anderen Residenz, die er 2022 absolvierte, könnte wohl nicht größer sein – sie fand im südindischen Bangalore statt. „Da setzt man sich hin, und es kommt sofort jemand und fragt: What is the purpose of your work?“, erinnert sich der Künstler.

Sein charakteristischer Zeichenstil ist sachlich, verwendet nahezu gleich starke Konturlinien und verzichtet auf Hierarchien zwischen den Bildelementen – er unterscheidet nicht zwischen bedeutend und unbedeutend. „Das hat damit zu tun, dass man an der Akademie nicht richtig zeichnen lernt. Also muss man sich selbst eine Methode überlegen“, scherzt Beckmann. Seit dem Aufenthalt in Indien setzt er auch Akzente mit Wasserfarben. Dazu wählt er oft Stellen im Hintergrund aus. Das sorgt für optische „Kippeffekte“, weil das Auge daran gewöhnt ist, dass der Vordergrund im Fokus ist. Im Falle des Radfahrers sind statt der Person ein Auto und eine Palme koloriert.

Ein Radfahrer im Café.

Ein Radfahrer im Café. / Nele Bendgens

Keine Postkartenmotive

Bei seiner neuen, kleinteiligen Zeichnung an der verkehrsreichen Straßenecke braucht es etwa 40 Minuten, bis der kleine, handliche Aquarellkasten ins Spiel kommt. In dezentem Grau betont Beckmann die Bögen der Kirche und die hinteren Häuser, lenkt damit den Blick. Eine persönliche Ansicht von Sineu, die sicher nicht als Postkartenmotiv taugt – doch sie ist mitten aus dem Dorfleben gegriffen.

Austauschprogramm Berlin-Mallorca: Mehr Infos zu Matthias Beckmann finden Sie auf matthiasbeckmann.com, zur Künstlerresidenz auf santmarcair.com. Die Werke sollen in Sineu ausgestellt werden, der Termin dafür steht noch nicht fest.

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