Kunst aus Schmerz: Wie Aïcha Khorchid auf Mallorca ihre Vergangenheit verarbeitet
Aïcha Khorchid macht mit der Verarbeitung ihrer traumatischen Kindheit bekannte Museen auf sich aufmerksam

Die Autodidaktin Aïcha Khorchid bearbeitet ihre Bilder am liebsten auf dem Boden. Hier im Salon ihrer Finca nahe Felanitx. / Nele Bendgens
Eine Badewanne, randvoll gefüllt mit Blut. Ein schneeweißer Duschvorhang ragt in die Wanne hinein, alles vor einem braunen, zerkratzten Hintergrund, der an die Mauer einer Gefängniszelle erinnert. „Je n’avais jamais dis je t’aime (à ma mère) – Ich habe (meiner Mutter) nie ich liebe Dich gesagt“ lautet der Titel dieses Bildes von Aïcha Khorchid. Die Malerin verarbeitet darin den Selbstmord ihrer Mutter, als sie diese im Alter von 14 Jahren gerade wiedergefunden hatte. Das Gemälde von 2021 gehört mittlerweile zur Privatsammlung des Albertina Museums in Wien, und das, obwohl Khorchid erst 2020 als Autodidaktin mit der Malerei begann. Die Künstlerin lebt umgeben von Grün auf einer abgelegenen Finca in der Nähe von Felanitx und arbeitet hier an einer Serie für eine Solo-Ausstellung zum Jahreswechsel 2026/2027 im Kunstmuseum Wolfsburg.

Das 2021 entstandene Bild „Ich habe (meiner Mutter) nie ich liebe Dich gesagt“. / Foto: Albertina Modern Wien
Malen inmitten von Grün
Beim MZ-Besuch steht ihre Haustür weit offen. Khorchid bittet mit französischem Akzent aus dem oberen Stockwerk, ruhig schon mal einzutreten. Der niedrige Raum ist ausgefüllt mit einer großen, auf dem Boden liegenden Holzplatte, auf der neben jeder Menge Farben und Pinseln, ein zugeklapptes Tablett und ein Sitzkissen liegen. In der Mitte der ansonsten leeren Fläche ein gemaltes Gesicht, noch ohne Haar, aber mit Augen, die einen eindringlich anblicken. Viele von Khorchids Motive wirken beklemmend, es ist das, was ihre Bilder so beeindruckend macht.
Die 44-Jährige lebt bereits seit 2002 auf der Insel, arbeitete hier erst als Choreografin und Tänzerin für verschiedene Ensembles und führte danach einen erfolgreichen Mode-Laden in Santanyí, aber darüber möchte sie heute nicht sprechen. „Das ist alles Vergangenheit und tut nichts zur Sache“, meint sie. Mit dem Malen begann sie vor knapp fünf Jahren in einem dunklen Moment. „Ich hatte Angst vorm Leben und musste einen Weg finden, um meine Glückseligkeit wiederzuerlangen. Malen ist lebenswichtig für mich“, erklärt sie.

Aïcha Khorchid malt viele ihrer Bilder auf 2 m x 2 m großen Holzplattem und beginnt hier mit den Augen. / Nele Bendgens
Ein bewegtes Leben
Durch die Kunst entdecke sie das Kind in sich wieder, das einerseits voller Freude, andererseits aber voller traumatischer Erinnerungen steckt. „Das Malen ist wie eine Therapie, aber es kostet Mut, dich deinem Inneren zu öffnen“, sagt sie. Aïcha Khorchid hat eine Kindheit und Jugend hinter sich, bei denen man sich fragt, wie sie sie überhaupt überleben konnte. „Ich wurde 1981 in Karatschi, der Hauptstadt Pakistans geboren, aber nur zwei Tage später flüchteten mein libanesischer Vater und meine palästinensische Mutter in den Libanon, wo Bürgerkrieg herrschte, und von dort weiter nach Paris, wo wir politisches Asyl bekamen“, erzählt sie zurückhaltend. Ihre Familie zerbrach in Frankreich, die Eltern konnten ihre acht Kinder nicht alle ernähren. Sie lebte im Waisenhaus, bis sie zweieinhalb Jahre alt war, und kam dann in ihre erste Pflegefamilie in der Normandie.
Mit 14 musste sie dort die Schule abbrechen, die französischen Sozialbehörden haben sie wieder mit ihrer leiblichen Familie in Paris vereint, sagt Aïcha Khorchid. Nur kurz darauf nahm sich ihre Mutter das Leben. Das Mädchen wuchs fortan alleine auf. „Mit 16 Jahren begann ich bereits im Cabaret in Paris zu tanzen. Aber das ist okay, denn so konnte ich später glücklicher sein“, sagt sie. Spätere Engagements führten Khorchid in die Karibik, bevor sie durch eine Freundin ihren Weg nach Mallorca fand.
In Aïchas Pflegefamilien sei es zu Gewalt und Missbrauch gekommen, heißt es in ihrem Kunstband „Le monde d’Aïcha“ (Aïchas Welt). Das Vorwort schrieb der Direktor des Albertina Museums in Wien, Klaus Albert Schroeder. Er nahm Khorchid 2024 in die Gruppenausstellung „The Beauty of Diversity“ mit auf und kaufte zudem fünf ihrer Bilder für die Privatsammlung des Museums. „Ein Freund hatte mich 2023 in die Stiftung ‚Culture without Borders‘ nach Düsseldorf eingeladen, um dort meine Kunst vorzustellen“, erzählt die autodidaktische Malerin. So machte sie ihre ersten Schritte als Künstlerin in Deutschland und fand dort auch die GNYP Gallery, mit der sie seither zusammenarbeitet.
Frieden in der Malerei gefunden
Durch die Malerei scheint sich der Kreis für Khorchid zu schließen. Mittlerweile malt sie – kniend über ihre großen Holzplatten gebeugt – auch Motive aus der Natur auf Mallorca und der Gegenwart, wie beispielsweise ihren Partner Christophe oder den mallorquinischen Freund Xisco.

"Xisco“ ist Aïcha Khorchids neuestes Bild und zeigt einen mallorquinischen Freund. / Nele Bendgens
Momentan arbeitet sie an zehn neuen Bilder für ihre Solo-Ausstellung „Das Meer ist nicht blau“, die vom 21. November 2026 bis zum 28. März im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen sein soll. „Es ist wichtig, Geduld, Disziplin und einen Fokus zu haben, dann ist alles möglich“, erzählt die mittlerweile dem Buddhismus zugewandte Künstlerin. „Ich habe durch das Malen meinen Frieden gefunden.“
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