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Hexenkraft und Bienenkot: Im CCA Andratx sehen Sie die wohl wundersamste Ausstellung des Jahres

Der deutsche Künstler Klaus Weber bespielt die Kunsthalle mit einem Parcours aus originellen Werken voller Tiefgang und Humor

Blick in den Ausstellungsraum mit Webers auf Mallorca entstandenen „Hunger Rocks“ und Aquarellen im Hintergrund.

Blick in den Ausstellungsraum mit Webers auf Mallorca entstandenen „Hunger Rocks“ und Aquarellen im Hintergrund. / Klaus Weber

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Falls Sie unter Verfolgungswahn leiden, müssen wir Ihnen von dieser Ausstellung abraten. Denn bei der ersten Solo-Schau von Klaus Weber (Sigmaringen, 1967) im CCA Andratx heißt es „Sehen und Gesehenwerden“. Zunächst sind da immer wieder als „Augäpfel“ mit gläsernen Linsen präparierte Golfbälle. Wie kleine Überwachungskameras stecken sie an den Wänden, „beobachten“ die Besucher.

Beim Rundgang erzählt der Künstler, dass er den ersten Golfball während seiner Residenz im September auf Mallorca fand. „Pinnacle“ stand daraufgeschrieben – der Gipfel, die Spitze. „In der Evolutionstheorie heißt es, dass das, was uns zum Menschen gemacht hat, der aufrechte Gang war“, sagt Weber. Dieser wiederum ermöglichte uns einst den Weitblick – so kam der Gedankensprung zum Auge.

Überall Gesichter

Doch damit nicht genug: Der konzeptuell arbeitende Bildhauer – den manchmal auch die Lust am Malen packt – entdeckte in Andratx auch zwei Bruchstücke von Palmen, die ihn regelrecht „anstarrten“. Er arbeitete sie um und baute ihre figurative Seite aus. Einer dieser Pflanzenköpfe, auf den er ausgeschnittene Augen klebte, wirkt nun wie ein Naturgeist im Raum. Der Mensch neige dazu, sich selbst auf alles Mögliche zu projizieren, so Weber. Und je einsamer Menschen seien, desto mehr Gesichter sähen sie überall. Ist er selbst einsam? Der Künstler verneint. „Ich absorbiere die Grundstimmung der Gesellschaft.“

Klaus Weber.

Klaus Weber. / Rosenblutand Friedmann

Die Ausstellung in der Kunsthalle versammelt Arbeiten, die zwischen 1990 und heute entstanden. Über jede davon könnte man eine ganze Seite schreiben. Der Künstler bedient sich gern einer Methode aus dem Strukturalismus: Dinge wie einen Motor in ihre Einzelteile zu zerlegen und so spielerisch eine alternative Realität zu erschaffen. Webers Werke sind pfiffig, haben einen surrealistischen Touch und sind gespickt mit Referenzen aus Kunstgeschichte, Philosophie, Soziologie und Psychologie.

Glasskulpturen und Bienenkot

So sei etwa die Skulptur „Mechanics of Youth“ aus mundgeblasenem Glas „ein Psychogramm junger Menschen mit ihrem Gefühl von Unsterblichkeit, obwohl sie eigentlich sehr fragil sind“. Formal erkennt man eine Mischung aus männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen: Eierstöcke, Brüste, Phallus. Ein anderes gläsernes Trio bildet eine „Aufstellung“ mit Vater, Mutter, Kind. Ein toxisches Kleinfamilienkonstrukt.

"Triade", 2024. Aus der Serie “Morphosen & Constellations”.

"Triade", 2024. Aus der Serie “Morphosen & Constellations”. / Klaus Weber

Wer es nicht besser weiß, sieht in einer Reihe von Bildern Drip Paintings mit kleinen Klecksen dunkelgelber und brauner Farbe. Doch es ist Bienenkot. Die Insekten hielten im Winter ihre Ausscheidungen zurück, so der Künstler. „Im Frühling gibt es dann den Reinigungsflug: Sie entleeren ihre Därme auf allem, was unnatürlich weiß ist.“

Dass Weber den Bienen für ihr „großes Geschäft“ Leinwände zur Verfügung stellte, hat auch mit menschlicher Geschäftemacherei zu tun. Genauer gesagt mit Adam Smith, dem Apostel der freien Marktwirtschaft, und mit seiner Metapher vom Staat, der wie ein Bienenstaat funktionieren müsse. Der Imker werde jedoch stets als der Freund der Bienen dargestellt, obwohl er sie eigentlich ausbeutet, ihnen den Honig wegnimmt und durch Zuckerwasser austauscht. In diesem Kontext bekommt der Flug, bei dem die Insekten „auf alles menschlich Weiße scheißen“ die Dimension eines „Rachezugs“.

Interventionen in das Visuelle

Immer wieder lässt Weber Natur und Kultur aufeinandertreffen. Denn die Gesellschaft leide unter deren „extremer Trennung“, sagt er. „Ich verstehe Skulptur natürlich auch als ‚Kultur‘ und wollte sie immer unterlaufen mit etwas, das lebendig ist.“ Das kann eine echte Wassermelone sein, wie in der Keramikskulptur „Eve“, die an Füllhörner und heidnische Motive von Fruchtbarkeit und Erntedank denken lässt, aber auch eine Theorie oder ein Narrativ als Intervention in das Visuelle.

Webers „Hunger Rocks“ bestehen aus Messer und Gabel, montiert auf einen Stein. Auch das ist durch Bezüge zur Kulturgeschichte gehaltvollere Kost: Man denke an den Teufel, der Jesus in der Wüste auffordert, einen Stein in Brot zu verwandeln. An König Artus. Oder an die „Hungersteine“, die nur bei Niedrigwasser im Flussbett sichtbar waren und auf die Gefahr einer Hungersnot bei Dürre verwiesen.

Poetisch im Raum schwebt die „Witch Ladder“ (Hexenleiter) – inspiriert von britischen Hexen, die Federn in eine Schnur steckten, wenn sie Geister ins Haus locken wollten. „Die Repräsentation von Hexen in unserer Kultur ist so negativ. Eigentlich waren sie eng verbunden mit der Natur und hatten wahnsinnig viel Wissen. Deswegen sehe ich die Hexenkraft als Gegenkultur zum Kapitalismus“, sagt Weber. Ist er, der nun auf seine Art versucht, den Riss zwischen Mensch und Natur zu kitten, nicht auch eine Art Hexer? Der Künstler schmunzelt. „Ja, das bin ich tatsächlich.“

Klaus Weber, „Two Birds and a Stone“, bis 14. März 2026, CCA Andratx, Carrer S’Estanyera, 2, Andratx, Di.–Sa. 11–18 Uhr, Führungen auf Deutsch möglich (vorherige Anmeldung nötig), Teilnahme: 15 Euro pro Person, Infos und Kontakt: ccandratx.eu

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