Eine Künstlerresidenz namens "Saufausreden" unterwandert gerade den Ballermann
Am Samstag (29.11.) eröffnet im Rahmen der Initiative die Ausstellung "Dreamland" von Llorenç Garrit. Bei seinem Kunstprojekt an der Playa de Palma projizierte er Bilder zwischen Gruppen betrunkener Urlauber

Llorenç Garrit bei seinem Kunstprojekt am Ballermann. / Llorenç Garrit / Honest
Kann es einen schöneren Namen für eine Künstlerresidenz geben? "Saufausreden" heißt eine neue Initiative, die eine Mariage – oder vielmehr einen Fronalzusammenstoß – zwischen zeitgenössischer Kunst und Sauftourismus herbeiführt. Und tatsächlich kommt sie nicht von Deutschen, sondern von einer Gruppe Mallorquiner, die sich an der Playa de Palma, also im Epizentrum der Partyurlauber auf Mallorca, niedergelassen hat.
Der kreative Leiter der "Saufausreden", Manuel Bauzà Ramis, erklärt der MZ am Telefon, dass dahinter eigentlich ein Kreativstudio namens Honest steckt, das im Bereich soziale Innovation und Technologie tätig ist. "Wir sind zu dritt: ein Informatikingenieur, eine Sozialarbeiterin und ich als Designer", erklärt er. "Unser Raum liegt nur 100 Meter vom Megapark entfernt. So sind wir auf die Idee gekommen, eine Residenz zu organisieren, bei der wir Künstler einladen, zum Territorium des Ballermann zu arbeiten." Beim Wort "Ballermann" spricht er das doppelte L so aus, wie es im spanischen "Mallorca" ausgesprochen gehört – ein umgekehrtes "Malle", in gewisser Weise.
Europäische Perspektive auf das "Szenario"
Die Künstler sind völlig frei, den Ort auf sich wirken zu lassen und künstlerisch zu interpretieren. "Gerade arbeiten wir etwa mit einer Gruppe Architekten, einem Maler und einem Konzeptkünstler zusammen", sagt Bauza. Das Studio stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung, wo die Künstler arbeiten können. Wie lange sie das tun und was sie dafür benötigen, sei ganz verschieden. "Es gibt Künstler, die aus der Distanz heraus arbeiten, andere direkt hier. Dann gibt es welche, die einmal im Monat vorbeischauen." Momentan seien es noch hauptsächlich lokale Künstler, die keinen Übernachtungsplatz benötigten, aber die Möglichkeiten für eine solche Vollzeit-Residenz seien vorhanden. Und bald sollen auch Teilnehmer aus Deutschland, Irland oder Schweden dabei sein – "damit wir eine europäischere Perspektive auf das Szenario bekommen."
Jeden Monat oder alle anderthalb Monate steht eine Vernissage an. Die Ausstellung zu den Projekten finden im Cube Experimental Art Space statt, der ebenfalls dem Studio gehört. "Er liegt im Herzen von Palma, mitten im Galerienviertel. Es ist spannend, dort Dinge auszustellen, die etwas außerhalb dieser Kreise entstanden sind – wir holen sie vom Randgebiet ins Zentrum", sagt Bauza. Die allererste Schau hat dort im September eröffnet, nach einer Sommerresidenz des Fotografen Margarito De La Guetto. Nun eröffnet am Samstagabend (29.11.) um 20 Uhr die nächste Ausstellung: "Dreamland" von Llorenç Garrit, kuratiert von Maria Mesquida.
Eine "verwüstete emotionale Landschaft"
Der Künstler hatte zuvor zwei Monate lang am Ballermann gearbeitet: Er projizierte eigene, animierte Bilder und Illustrationen mit einem tragbaren Projektor auf Wände, Mauern, Hotels oder Restaurantfassaden von El Arenal. Dabei ging es um Interaktion mit der Umgebung und darum, eine "verwüstete emotionale Landschaft" anzuprangern, "gesättigt von Besäufnis, Lärm und zwanghaftem Konsum", wie Garrit es gegenüber der MZ-Schwesterzeitung Diario de Mallorca ausdrückte. Er suchte nach charakteristischen Stellen, um hier "einen Raum zu besetzen, den sie den Mallorquinern gestohlen haben" – eine direkte Intervention im Herzen des Massentourismus, die die dunklen Seiten des Ortes dokumentiert und anprangert.
Garrit besuchte El Arenal mehrere Male, bevor er das Projekt begann. Was er vorfand, war ein Szenario, das er als "schäbig und klischeehaft" beschreibt. Der emotionale und soziale Niedergang sei ihm auf Schritt und Tritt erschienen: Müll, Fast Food, ständiger Exzess… "Es ist das Epizentrum des libertärsten Kapitalismus, des ekelhaftesten Anarchokapitalismus. Alles ist darauf ausgelegt, das Maximum an Geld herauszuholen und das Minimum auszugeben", erklärt er. Der Künstler geht mit den Dynamiken, die dieses Tourismusmodell aufrechterhalten, und seinem Mangel an wirklichem Nutzen für die lokale Bevölkerung hart ins Gericht: "Für die Leute, die dort leben, bringt es nichts Positives. Es lässt keine Einnahmen zurück, nur Zerstörung. Die einzigen Begünstigten sind vier Hoteliers und vier Airbnb."

Eine Projektion von Llorenç Garrit am Ballermann. / Llorenç Garrit / Honest
Angespannte und surreale Situationen
Er weist auch auf die Kosten für die Allgemeinheit hin, die dieser Tourismus mit sich bringe: von Alkoholkoma bis zu Rettungen in Risikogebieten. "Jeder Deutsche, der jede Nacht ins Krankenhaus geht, kostet uns mehr Geld als 17 Araber, aber es scheint, dass nur das Migrantenboot interessiert", kritisiert er. Sein "Dreamland" ist in diesem Kontext ironiegetränkt: "Ich nenne es ‘Traumland’, aber das dort ist ein Desaster. Sehr ekelhaft." Gleichzeitig sucht Garrit nicht nach Lösungen durch die Kunst, sondern strebt nach Reflexion: "Die Kunst hat nicht die Verantwortung, irgendetwas zu ändern. Sie kann beeinflussen, Ideen wecken, aber das Gewicht tragen diejenigen, die regieren, und die multinationalen Konzerne."
Die Aktion, mitten auf der Straße zwischen Gruppen betrunkener Urlauber Bilder zu projizieren, erzeugte manchmal angespannte und surreale Situationen. "Es war eine sehr seltsame Interaktion, völlig besoffene Leute kamen zu mir, um zu reden", erzählt er. Aber dieser Zusammenstoß sei Teil des Sinns des Projekts gewesen: Es ging darum, eine kritische Geste in einer vom Exzess dominierten Umgebung zu setzen. Die Ausstellung im Cube beinhaltet einen Dokumentarfilm über den Prozess, mit Aufnahmen der Projektionen und Interviews, die Garrit während der Residenz durchführte. Mit seinem Werk wolle er eine andere Perspektive auf ein Phänomen bieten, das alle kennen: "Ich glaube, wir alle sind uns bewusst, was in El Arenal passiert. Einige schauen hin, andere wenden sich ab, aber es ist da. Ich bringe nur eine künstlerische Sicht mit ein."
Vernissage: 29. November, 20 Uhr, bis 27. Dezember, Cube Experimental Art Space, Carrer Sant Llorenç, 8 baixos, Palma, Öffnungszeiten: Do.–So. 16–20 Uhr, weitere Infos unter saufausreden.xyz und Instagram: cube.qb.cub / saufausreden
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