„New York war mal, Berlin ist noch halbwegs, und jetzt kommt Mallorca“: Wie die Insel mit der Art Cologne ein Kunst-Hotspot werden könnte
In der wilden Anfangszeit im DDR-Untergrund begrüßte Gerd Harry Lybke seine Besucher nackt. Heute ist seine Galerie Eigen + Art international zum „Mega-Player“ geworden - und nun auch auf der Art Cologne Palma Mallorca präsent

Gerd Harry "Judy" Lybke. / Nele Bendgens
Die Galerie Eigen + Art in Leipzig und Berlin ist heute ein „Mega-Player“ – und die einzige aus der ehemaligen DDR, die international agiert. Ihr sympathisch-exzentrischer Gründer Gerd Harry Lybke (65) spricht im Hotel Can Bordoy über die Anfänge als illegaler Treffpunkt und Mallorcas Potenzial auf dem Kunstmarkt.
Warum ist für Sie die Teilnahme bei der Art Cologne Palma Mallorca wichtig?
Erstens: weil so viele interessante Leute auf Mallorca sind, die man hier viel leichter ansprechen kann. Es ist der richtige Zeitpunkt, Urlaubszeit in Deutschland. Viele haben auch ihre Häuser auf der Insel und vielleicht noch eine Wand frei. Sie sind in guter Laune und wollen Kunst kaufen. Zweitens: Ich will damit auch gucken: Was gibt’s hier für Künstler? Bessere Möglichkeiten, um das schnell zu sehen und einen guten Überblick zu haben als auf einer Messe, gibt es nicht. Der dritte Punkt ist: Ich glaube, dass viele Galerien, die in derselben Liga spielen wie ich und die bis jetzt nicht herkommen, einen Fehler machen. Und den nutze ich aus. Wir haben jetzt schon vor der Messe sechs Arbeiten verkauft.
Welche Künstler haben Sie dabei?
Kai Schiemenz mit Glasarbeiten, kleine Arbeiten auf Holz von Maja Behrmann, Marc Desgrandchamps, Neo Rauch mit Papierarbeiten, Rauchs Schüler Titus Schade, Ryan Mosley, Stefan Guggisberg, Tim Eitel und Uwe Kowski. Der gehört zu den Künstlern der ersten Stunde.
"Am Anfang waren das mehr Partys"
Machen Sie mal eine Zeitreise zu den wilden Wurzeln der Galerie im Jahr 1983 ...
Ich hatte in der DDR Berufsverbot. Dann gab es ein neues Gesetz: Du musstest nachweisen, woher du dein Geld hast. Da konnte ich nur Modell werden oder Totengräber – und das war nichts für mich. Deswegen bin ich Aktmodell geworden. Ich habe für Leute in der Abendschule Akt gestanden – das waren die Loser, die den sozialistischen Realismus noch nicht draufhatten. Mit denen habe ich dann begonnen, eine Galerie bei uns in der Wohnung zu machen. Am Anfang waren das mehr Partys. Die erste Ausstellung hieß „Die neuen Unkonkreten“, weil wir nicht wussten, was wir wollten. Ich habe in Arbeitskleidung – also nackt – in der Tür gestanden. Später dann im Bademantel. Das hat auch die Stasi abgeschreckt, weil sie dachte, es sei eine private Veranstaltung. Ich musste mir immer alle Namen merken und konnte dann sagen: Ich kenne jeden, die interessieren sich für Kunst, und wir machen ein Fest.

Der Galerist Gerd Harry Lybke im Gespräch mit der MZ. / Nele Bendgens
Wäre so ein Weg heute noch möglich?
Kaum. Als die DDR vorbei war, da war das Verrückteste, dass zwischen zwei Menschen eine dritte reale Person ins Leben trat: das Geld. Vorher ging’s um Freundschaft, dass man sich vertrauen konnte, zur selben Clique gehörte. Ich habe das erste Geld nicht angehäuft, sondern wieder in die Galerie investiert.
"Wir bauen Karrieren auf, das macht uns mehr Spaß"
Was ist von diesen Anfängen geblieben?
Das Besondere ist, dass die Künstler von damals noch alle dabei sind. Das gibt’s in kaum einer Galerie. Es war eine Zeit, in der wir aus der Not heraus zusammenhalten mussten – das hält dann länger. Wir nehmen keine Blue Chips, wenn sie ganz weit oben sind. Wir bauen Karrieren auf, das macht uns mehr Spaß.
Sie sind zum ersten Mal auf Mallorca. Wie ist Ihr Eindruck von der Insel?
Ich war schon bei ein paar Leuten von hier eingeladen. Die sind nett und stolz darauf, was sie hier machen. Ich glaube, dass sie positiver in Bezug auf Internationalität gestimmt sind, als man so liest. Die sagen sich: New York war mal, Berlin ist noch halbwegs, jetzt kommt Mallorca. Ich sehe nur eine Sache, die nicht so ist wie in den Metropolen: Leute unter 55 haben hier weniger Möglichkeiten, aktiv und erfolgreich zu sein. Wenn man mehr für die junge Generation machen würde, könnte es richtig knallen.
Was genau schwebt Ihnen dabei vor?
Kunst könnte eine Industrie sein, die hier funktioniert. Das ist ein richtiges Geschäft. Es gibt das internationale Level und es gibt das lokale Level. Das haben wir in Leipzig auch. Aber dort haben wir es durchlässiger gemacht, indem wir Studioprogramme eingerichtet haben, wo Künstler eingeladen werden und wo Galerien mal ein Jahr lang für nichts einen Raum mieten können. So etwas kann der Staat hier machen. Schönen Gruß an Marga Prohens, ne? Das wäre eine Investition in die Zukunft. Künstler, die nicht von der Insel sind, sollten sich mit den Leuten von hier vernetzen können. Und es gibt so viele Leute, die hierherkommen und die alle schon ihr Geld gemacht haben. Sie wollen es nicht nur noch für Wein, Essen und Fincas ausgeben. Denn wie viele Fincas kann man bewohnen? Denen muss man die Möglichkeit bieten, das sinnvoll abzugeben.
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