Eine Ausstellung in Palma zeigt intime Werke von Louise Bourgeois – aus einer ganz besonderen Sammlung
Maria de Lluc Fluxà präsentiert in ihrem Kunstraum zum ersten Mal vollständig ihre außergewöhnliche Privatsammlung mit Werken der französischen Künstlerin. Die intime Schau entspringt einer langjährigen tiefen menschlichen und kreativen Verbindung

Die Ausstellung ist eine Hommage an die französisch-US-amerikanische Künstlerin Louise Bourgeois. / Maria de Lluc Fluxà
Es gibt Begegnungen, die man schicksalshaft nennen mag. Eine solche widerfuhr einst Maria de Lluc Fluxà (84) mit der berühmten französischen Künstlerin Louise Bourgeois (1911–2010). Die Faszination begann, als sie in den 80er-Jahren im MoMA in New York ein Werk aus der Serie „Femme Maison“ (Haus-Frau) betrachtete – nackte Frauen, die statt eines Kopfes ein Haus auf den Schultern haben. Die Mallorquinerin gehört zu einer der wichtigsten und wohlhabendsten Unternehmerfamilien der Insel, ihre Brüder stehen hinter der Schuhmarke Camper und dem Tourismus-Imperium Iberostar. Doch die für sie als Frau vorgesehene, traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter empfand Fluxà als Bürde und „geistiges Gefängnis“. In „Femme Maison“ erkannte sie sich wieder und fühlte sich verstanden.
Fluxà wollte Bourgeois nach einem ersten kurzen Treffen im Rahmen einer Miró-Vernissage 1993 näher kennenlernen. „Nachdem ich bei ihren Managern und Sekretären insistiert hatte, schlugen sie mir ein Gespräch vor, das sich statt der fünf Minuten, die sie mir ursprünglich gewährt hatten, über Stunden erstreckte. So begann ein freundschaftlicher Kontakt, der bis zu ihrem Tod andauerte“, erzählte die heute renommierte Sammlerin und Galeristin dem „Diario de Mallorca“. Beide Frauen erkannten viele Gemeinsamkeiten, wie etwa die großbürgerliche Herkunft und das Aufwachsen mit einem autoritären Vater und einer kranken Mutter. Die Begegnung wies Fluxà den Weg in ihre persönliche Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben. „Louise ermutigte mich, meine Erlebnisse auszudrücken, Ängste zu verlieren“, erinnert sich die Mallorquinerin, die sich scheut, sich selbst als Künstlerin zu bezeichnen.

Maria de Lluc Fluxà, hier bei einem MZ-Termin 2023. / Nele Bendgens
Das Buch „Metamorfosis“
Das wichtigste Manifest dieser besonderen, intellektuell anregenden Freundschaft: ein gemeinsames Buch namens „Metamorfosis“, das 1999 bei Lelong Éditions erschien. Die Bilder stammen von Bourgeois, die Texte von Fluxà. Die gemeinsamen Arbeiten, die in dem Buch gedruckt sind, entstanden während der zahlreichen Besuche, die die Mallorquinerin der Künstlerin abstattete. „Sie spielte permanent mit Bewusstem und Unbewusstem, und ich durfte an diesen Spielen teilnehmen“, erzählte Fluxà der MZ bei einem Gespräch im Jahr 2016. „Sie war meine Meisterin, meine Psychoanalytikerin, die Hebamme meiner Wiedergeburt in der Kunst.“ Beide Frauen tobten sich bei dem Projekt kreativ mit ihren Identitäten aus, sie veränderten Informationen, malten auf Familienfotos oder beschrieben Fotos von Kunstwerken – ihre Erinnerung verschmolzen untrennbar miteinander. Fluxà nannte dieses Buch einmal das Beste, was ihr im Leben passiert sei.
Sammlung mit rund 50 Werken
Auch ihre Privatsammlung mit Werken der Französin sind etwas Besonderes: Sie umfasst neben dem Künstlerbuch etwa fünfzig Druckgrafiken, zwei Zeichnungen, eine Gouache und zwei kleine Skulpturen. Manche der Werke erwarb die Galeristin, andere bekam sie geschenkt oder sie entstanden eigens für ihr gemeinsames Projekt. Fluxà taufte die Sammlung auf den Namen „La Sage Femme“ – inspiriert von einem Buch, das Bourgeois ihr einmal zeigte: eine medizinische Abhandlung, die sich an gebärende Frauen richtete, kurioserweise verfasst von einer Frau mit dem selben Namen wie die Künstlerin. Das französische Wort „sage-femme“ bezeichnet eine weise Frau, aber auch die Frau, die dabei hilft, die Kinder zur Welt zu bringen. Das gefiel Fluxà. In der Galerie an der Plaça Ca’n Cavalleria in Palma ist diese Sammlung nun unter demselben Titel erstmals in ihrer Gesamtheit zu sehen – und leider wohl auch zum letzten Mal, denn die Galeristin möchte sie nun verkaufen und geschlossen in private Hände abgeben.

Ein Werk in der Schau. / Galerie Lluc Fluxà
Auf die Frage, was Besucher bei der Ausstellung erwarten dürften, verglich Fluxà die Schau mit einem Kammermusikkonzert: Wer Bourgeois eher für ihre majestätischen Werke wie die berühmten Spinnen kennt, werde hier einen intimen Teil ihres Schaffens kleineren Formats kennenlernen. Die Auswahl der delikaten, tiefgründigen Arbeiten spiegelt nicht nur die künstlerische Qualität von Bourgeois wider, sondern auch eine einmalige menschliche und kreative Verbindung. Aus Sicht der Sammlerin ist ihre alte Freundin „eine der faszinierendsten Frauen des 20. Jahrhunderts“ und „wie eine Philosophin der Kunst“, erklärte sie im Interview: „Für sie war Zeichnen, Bildhauern, kreatives Schaffen wie ein Heilungsprozess“, so die Galeristin.
Louise Bourgeois: „La Sage Femme“, bis 5. Juni, Lluc Fluxà Espai H.C., Plaça Ca’n Cavalleria, 4, Palma, Di.–Fr. 17.30–20.30 Uhr und mit Termin
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