20. Februar 2018
20.02.2018
40 Años

Kas - ein Stück deutscher Auswanderer-Geschichte

Die Marke kennt in Spanien jedes Kind. Auf den Markt brachte die Erfolgsbrause ein deutschstämmiger Baske

20.02.2018 | 13:22
Reklame für "Kas" in Palma in den 70ern.

Wer auf Mallorca einen Supermarkt betritt, bemerkt im Getränke­regal – meist neben Fanta und Coca-Cola – schnell diese anderen Brauseflaschen der Marke Kas. Viele von ihnen kamen bislang aus einer Abfüllanlage in Pont d'Inca bei Palma, die der Eigentümer, der Pepsico-Konzern, nun schließt. Kaum jemand dürfte dabei wissen, dass Kas ein Stück deutscher Auswanderer­geschichte ist – worauf schon das K im Namen hinweist.

Ende des 19. Jahrhunderts schlug im Baskenland ein Brauer namens Roman Knörr Streiff aus Neu-Ulm auf und gründete in Vitoria die Biermarke La Esperanza (Die Hoffnung). „Um 1880 hatte er in Deutschland regelrecht Hunger gelitten", erzählt Gorka Knörr (69), einer der Nachfahren des Stammvaters. „In jener Zeit zog es auch noch weitere Süddeutsche nach Spanien – in Katalonien gründeten sie etwa die Brauereien Moritz und Damm."

Weil das Bier nicht mehr genug Gewinn abwarf, versuchte sich der Sohn von Roman Knörr Streiff, Román Knörr Ortiz de Urbina, ab 1927 im Sprudel-Business. Unter dem Namen As verkaufte er auf regionaler Ebene in Nordostspanien mehr schlecht als recht Brause­getränke.


Orange und Zitrone

Das alles dümpelte vor sich hin, bis der Sohn des Sprudel­enthusiasten, der unternehmerisch besonders talentierte Luis Knörr Elorza, 1954 die Zügel des Familienunternehmens in die Hand nahm. Er setzte auf die Fanta-ähnlichen Geschmacksrichtungen Orange und Zitrone und stellt der Marke As das K seines Nachnamens voran. Kas verkaufte sich bestens in der vom Ausland scheel angesehenen und isolierten Franco-Diktatur und ist noch heute – wenn auch als Produkt des Getränkeriesen Pepsico – so weit verbreitet, dass es jedes Kind kennt.

Bis 1983 baute Luis Knörr ein kleines Getränkeimperium auf, mit spanienweit zwölf Abfüllanlagen – 1963 kam die in Pont d'Inca hinzu –, 59 eigenen Lagern und rund 1.000 Lieferwagen (einen in Vitoria der Familientradition geschuldeten Biergarten namens „Baden" schloss er hingegen).

„Luis war der Einzige von sechs Brüdern, der gute Bildungschancen hatte", so sein Neffe Gorka Knörr, ein Liedermacher, nationalistischer baskischer Politiker und ehemaliger Europaparlamentarier. „Die anderen mussten sich irgendwie durch den Bürgerkrieg und die Jahre der Franco-Diktatur durchkämpfen."

Aufs Rad geschwungen

Der Onkel Luis Knörr Elorza exportierte seine Kas-Getränke sogar nach Hongkong, Saudi-Arabien, Marokko und Nigeria. Und er vermochte das Geschäft auszuweiten, indem er gemeinsam mit seinen Brüdern José María und Román andere Unternehmen wie die Eisfirma Miko aufkaufte und neue Geschmäcker wie Bitter Kas (ein alkoholfreier, an Cinzano erinnernder Aperitif) auf den Markt brachte. Kas konnte sich in den 70er- und 80er-Jahren sogar ein eigenes Rennradteam leisten. Es nahm an etlichen Spanien-Rundfahrten, der Tour de France und dem Giro d'Italia teil. 1988 gewann der Ire Sean Kelly im gelben Kas-T-Shirt die Vuelta a España.

Am 15. Juli 1988 starb der umtriebige Brausespezialist Luis Knörr Elorza mit nur 64 Jahren. Kas begann zu schwächeln und geriet ins Visier von Pepsico. Der baskische Getränke­hersteller, der inzwischen bei mehreren Banken in der Kreide stand, musste es zulassen, dass der US-Getränkemulti mehr und mehr Aktien erwarb. Auf Betreiben mehrerer dieser Banken gelang es den solventen US-Amerikanern schlussendlich, sich Kas Ende 1992 ganz einzuverleiben. Heute hat man bei Pepsico Spanien keine Kontakte mehr zu der Familie Knörr. „Wir haben mit denen schon lange nichts mehr zu tun", so eine Sprecherin des Multis zur MZ.


Weit verzweigter Clan

Was aber nicht bedeutet, dass die Knörrs als solche ausgestorben sind. Im Gegenteil. „Weltweit zählen 300 Menschen zu unserer Familie", sagt Gorka Knörr, der auch auf Mallorca einen Bruder hat, Natxo. Die meisten („es sind etwa 200") leben in Spanien, einige auch in Nordamerika. In Deutschland sind es nach den Recherchen von Luis Knörrs Neffen derer nur noch etwa 50. Sie wohnen vor allem in der Eifel und in Köln, in und bei Tübingen und im Raum Neu-Ulm.

Bis vor einigen Jahren hielten die Knörrs auch Familientreffen ab. „Es gab eines in Deutschland und zwei in Vitoria", sagt Gorka Knörr. Bei dem Familientreffen im Jahr 2004 in Deutschland fanden im 18-Einwohner-Nest Niederkyll in der abgelegenen Eifel so viele Knörrs – nämlich 90 – zusammen, dass dies den örtlichen Zeitungen „Trierischer Volksfreund" und „Kölner Stadtanzeiger" ausführliche Artikel wert waren.

Diesen Berichten zufolge tauchte auch ein damals prominenter und inzwischen verstorbener Spross des baskischen Zweiges der Knörrs in dem Wald- und Wiesenweiler auf: Henrike Knörr (1947–2008), seines Zeichens baskischer Philologe und Vizepräsident der baskischen Sprachakademie, der sich um seine komplizierte Muttersprache mit wissenschaftlichen Publikationen verdient gemacht hatte.

„Knörr'sche Nadel"

Den Knörrs entsprangen nicht nur Limo-Magnaten, Politiker und Sprachforscher, sondern auch bedeutende Ärzte, wenn auch nicht im Baskenland, sondern in Deutschland: In den 50er-Jahren wurden Henriette Knörr-Gärtner und ihr Gatte Karl Knörr an der Universität Tübingen zu Pionieren der Pränataldiagnostik. Nach ihnen ist die „Knörr'sche Nadel" benannt, die bei Fruchtwasser­untersuchungen zum Einsatz kommt.

Doch zurück nach Spanien: Gorka Knörr ist hörbar stolz auf seine umtriebigen Vorfahren. „Ohne sie hätte es niemals so ein starkes industrielles Wachstum im Baskenland gegeben", davon ist er überzeugt.

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