20. Mai 2018
20.05.2018
Mallorca Zeitung

Im Ca na Jordi in Llucmajor auf Mallorca gibt's nichts von der Stange

In dem über hundert Jahre alten Ladenlokal wird jetzt Kunsthandwerk, Schmuck und Dekoration verkauft

20.05.2018 | 01:00

Objetario steht in großen Lettern über dem Eingang, ein Wort, das man in keinem Wörterbuch findet. Ein Laden für die schönen Dinge des Lebens, lässt sich die Wortschöpfung von Lucía Contreras frei übersetzen. Die Tanztheater-Produzentin aus Valencia und ihr Lebensgefährte Toni Fuster eröffneten vorletzte Woche das Geschäft für Einrichtung und Dekoration am Hauptplatz von Llucmajor. „Ob der Name Anklang finden würde, war unsere kleinste Sorge", erzählt Lucía Contreras. Viel wichtiger war die Frage, wie die Dorfbewohner den Laden aufnehmen würden.

Denn dieses Geschäft, in Llucmajor bekannt als Ca na Jordi, war eine Institution. Jorge Noguera Caldés und seine Frau Margalida eröffneten es 1888, der Geschäftsmann aus Llucmajor handelte mit allem, was ihm unter die Finger kam. Pulver, Tropfen und Pasten für verschiedene Wehwehchen, Drogerieartikel wie Parfüm, Färbemittel und Seife, trockene Lebensmittel, Konserven sowie Kaffee und Gewürze, die er in einer Mühle selbst mahlte.

Die Holzmühle ist ebenso erhalten wie mehrere deckenhohe Holzvitrinen mit durchnummerierten Schubladen, ein antiker Kassiertisch mit einem Schlitz in der Marmorplatte, durch den das Kleingeld in eine versteckte Kasse fiel oder der alte Vorführtisch aus Hydraulikfliesen, denn Jorge Noguera handelte auch mit Zementfliesen, die er selbst herstellte. Später übernahm Tochter Margalida Noguera das Geschäft, bis sie es 1989 altersbedingt schloss. Bis zu ihrem Tod vor vier Jahren saß die alte Dame noch jeden Tag in einem Sessel am Fenster, schaute, was auf der Plaza von Llucmajor passierte und vertrieb Schaulustige und Touristen, die fragten, ob sie ein Foto schießen dürften. Ca na Jordi wurde nach Margalidas Ableben eingemottet und höchstens mal tageweise für eine Ausstellung geöffnet.

Während solch einer Kunstausstellung entdeckten Lucía Con­treras und Toni Fuster die tienda de ultramarinos, wie man früher Geschäfte nannte, die Dinge von allen Kontinenten verkauften. Das Lokal war seit längerer Zeit zu vermieten, doch die Besitzerfamilie wollte keinesfalls ein Restaurant oder einen Supermarkt dort einziehen sehen. Das Innere sollte so gut es ging erhalten und unverändert bleiben. „Für unsere Laden-Idee war das perfekt", sagt Lucía Contreras. Beim Einrichten stießen sie und Toni auf die wundersamsten Dinge. Alte Holzkisten, in denen Anchovis geliefert wurden, mit kunstvollen Buchstaben bedruckt und mit einem Draht verschnürt. Original erhaltene Rechen- und Lesehefte, herausgegeben von Jorge Noguera, die er an seine Kunden verteilte und so etwas für die Allgemeinbildung tat. Sie fanden alte Holzleitern, die jetzt unverkäuflich den Laden zieren, entstaubten alten Waage und platzierten sie auf dem Tresen, jede für sich eine Antiquität. „Kein neues Holz ist hier eingezogen", betont Lucía Contreras, höchstens ein paar alte Dinge vom Flohmarkt wie eine Federkernmatratze, an der jetzt dekorativ Taschen und Körbe hängen, oder ein verrosteter Pflug, an dem Köpfe von Eseln, Elefanten und Einhörner stecken, gefertigt aus Espartogras. Die Kunstwerke stellt eine Familie aus Jaén in Andalusien her, die das Gras pflückt, trocknet und flicht – auch zu Tür- und Fenstervorhängen, die viel origineller sind als der übliche Fliegenvorhang aus Metall oder Plastik (Maßanfertigung möglich).

Zu entdecken gibt es im Objetario so wie früher Dinge aus der ganzen Welt. „Zu 70 Prozent handgefertigt, nichts kommt aus China", so Lucía Contreras. Es gibt Geschenke für 5 Euro (Keramikfische), Verlorengeglaubtes wie Garnrollen aus Holz oder ungewöhnliche Kleinmöbel wie Regale aus Drahtgeflecht (195 Euro). Die ausgefallenen Leuchten stammen aus der Werkstatt von Toni Fuster, der früher Dekorationen für Kinoproduktionen anfertigte (eta für Pedro Almodóvars „La mala educa­ción"). Bei seinen Lampenkreationen verarbeitet er Antiquitäten und Recyceltes wie alte Mehlsiebe, eine Deichsel oder Treibholz vom Strand, möglich sind auch Maßanfertigungen. Lucía Contreras kümmert sich um die Auswahl der Artikel, ist kunsthandwerklich aber ebenfalls begabt. Echte Hingucker sind ihre Statement-Ketten, klotzige, opulente Schmuckstücke aus Kristall-, Glas-, Stein- und Kunstperlen, die sie zu glitzernden Broschen verknüpft. Ihre Kollektion heißt „Orgullo de Quincalla", etwa „Trödelstolz", die Unikate bringen jedes noch so schlichte Outfit zum Glänzen (50–280 Euro).

Die Ketten hätten sicherlich auch Margalida Noguera gefallen. „Unverheiratet, kinderlos und elegant gekleidet war die Unternehmerin ihrer Zeit voraus", erzählt Lucía Contreras. Ihre Kleider ließ die Mallorquinerin von einem Schneider anfertigen. Am Wochenende brauste sie dann in ihrem Peugeot ins Sommerhaus nach s?Estanyol.

Objetario: Pl. Espanya, 8, Llucmajor, Tel.: 620-29 42 94, Di.–So. 10.30–14 Uhr, Di.–Sa. 17.30–21 Uhr, www.objetario.com

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