09. Juli 2018
09.07.2018

Ein Monat auf Mallorca in zehn Szenen

Brigitte Rohm hospitierte vier Wochen in Palma und hielt immer die Augen auf

09.07.2018 | 01:00
Man muss nur hinschauen, und schon sprudeln die Geschichten. Brigitte Rohm (re.) auf dem Carrer Sant Miquel.

Reizüberflutung, ein buntes Rauschen. Wer zu den vielen Touristen gehört, die einen Tagesausflug nach Palma unternehmen, erlebt die Stadt in ihrer Fülle, und am Abend verschmilzt alles im Kopf zu einem einzigen Bild: die Menschenströme in den Einkaufsstraßen, das Farbspektrum der Eiscremes in den Cafés, die üppig belegten pintxos in den Vitrinen der Tapas-Bars, das Blau des Meeres im Kontrast zum leuchtenden Gelb der von Scheinwerfern angestrahlten Kathedrale.

Wer aber das Glück hat, längere Zeit an diesem Ort bleiben zu dürfen, stellt nach einer Weile den eigenen Blick scharf. Fokussiert die Sinne und bemerkt eine Fülle von Details im alltäglichen Treiben, die sich lohnen, in der Erinnerung bewahrt zu werden.


Zwei Damen mit Kopftuch

Nur wer jeden Morgen um die gleiche Zeit an der Plaça de la Mare de Déu de la Salut vorbeigeht, wird die alte Dame mit Kopftuch bemerken. Sie sitzt dort stets in der gleichen Pose mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl und schaut gedankenverloren zur Kirche von Sant Miquel. Neben ihr in der kleinen Grünfläche blickt die unscheinbare Skulptur der „Pagesa" (Bauersfrau) in dieselbe Richtung. Es ist, als säße die alte Dame neben einem Porträt ihres jüngeren Selbst, als seien es ihre Züge, die der Bildhauer Tomás Vila (1893–1963) einmal in Marmor gemeißelt hatte.


Die Katalogfamilie

Auf der Terrasse des Lizarrán an der Plaça Major lohnt es sich, statt im Reiseführer zu blättern, eine spanische Familie am Nebentisch zu beobachten. Sie bestellt Tortilla und sieht aus wie einem Katalog entsprungen: die Eltern elegant gekleidet, die zwei artigen kleinen Töchter mit rosa Seidenschleifen im Haar.


Das Kind und der Teufel

Etwas abseits vom feurigen Spektakel der Johannisnacht am Parc de la Mar weint ein Junge und hat schreckliche Angst vor den Teufeln. Bis sich einer der dimonis zu ihm hinunterkniet. Er nimmt seine Maske ab, drückt sie ihm in die Hand und redet dem Kleinen so lange beruhigend zu, bis dessen Tränen getrocknet sind und der Junge sich nicht mehr fürchtet.


Barfrau mit Engelsgeduld

In der Bar España erklärt eine Thekenkraft mit Engelsgeduld einem Paar vom spanischen Festland, welche mallorquinischen Tapas sie gerade verzehren. Darüber hinaus gibt sie ihnen ungefragt jede Menge Insidertipps für Ausflüge. Die beiden Touristen aber erwidern kaum ein Wort und schlingen vollkommen gleichgültig eine Köstlichkeit nach der anderen hinunter.


Der Fels in der Brandung

Wer die Bar del Peix im Mercat de l'Olivar aufsucht, um sich an frisch zubereiteten raciones zu erfreuen, ist bei seinem ersten Besuch wahrscheinlich ausschließlich damit beschäftigt, sich zwischen Muscheln, frittiertem Fisch, Kroketten, Gemüse a la plancha und Gambas zu entscheiden. Dabei wäre es eigentlich ein Mitarbeiter des Lokals, der besondere Aufmerksamkeit verdient hätte: Als einzige an der zweiten Verkaufstheke abgestellte Servicekraft schafft er es auf beeindruckende Art und Weise, gleichzeitig Bier auszuschenken, seinen Kollegen Bestellungen zuzurufen und Ruhe zu bewahren, obwohl er von einer hungrigen Menschentraube bedrängt wird.


Der telefonierende Tänzer

Vor der Markthalle steht ein ­älterer Herr, der gerade lautstark auf Mallorquinisch mit seiner Frau telefoniert. Dabei ist alles an ihm in Bewegung: Seine ausladenden Gesten muten an wie eine Mischung aus Tanz und Gebet. Es scheint eher Liebesschwur als Streitgespräch zu sein.


Der verirrte Busfahrer

Eine Fahrt mit der Linie 15 Richtung Playa de Palma nimmt eine überraschende Wendung. Der Busfahrer vergisst, nach Portixol abzubiegen, fährt stattdessen auf die Autobahn. Er wendet sich betroffen an seine Fahrgäste: „Es ist das erste Mal in den zwölf Jahren, in denen ich hier schon arbeite, dass mir das passiert", entschuldigt er sich. Niemand regt sich auf. „Wir können uns doch alle mal irren", sagt eine Frau verständnisvoll.


Der Aufpasser

Ein solcher Fehler wäre dem ernsten, dunkelhaarigen Herrn mit der markanten Nase im Kulturzentrum S'Escorxador mit Sicherheit nicht passiert: Mit prüfendem Blick mustert er alles um sich herum, die speisenden Gäste, die spielenden Kinder, die Kinobesucher vor den Filmplakaten, als sei er persönlich dafür verantwortlich. Wer sich die Muße nimmt, längere Zeit auf der Terrasse im Innenhof zu sitzen, wird ihn zweifellos bemerken, wie er mit bedächtigen Schritten seine Runde macht, und unter seinem strengen Blick unweigerlich das Gefühl bekommen, etwas Verbotenes zu tun.


Die Kinogang

Grund für ein schlechtes Gewissen hätten dabei eigentlich nur die drei Männer im Kinosaal, die sich den Film „Camarón: Flamenco y revolución" im CineCiutat ansehen. Offenbar sind sie große Fans des legendären Flamenco­sängers, denn sie machen mit ihren Handys Dutzende Schnappschüsse und kommentieren, beflügelt von regelmäßigem Biernachschub, angeregt das Geschehen des Films. Am Ende versuchen sie sogar mitzusingen.


Die drei Badenixen

An Ausgelassenheit übertroffen werden die Herren nur noch von drei erwachsenen Frauen an der Playa Can Pere Antoni, dem Stadtstrand von Palma. Sie wälzen sich mit kindlicher Begeisterung in der Brandung, dass es eine Wonne ist, und bewerfen sich gegenseitig mit Büscheln des angeschwemmten Seegrases. Vielleicht hatten sie nur diesen einen Tag am Meer, waren glücklich und dankbar für den Moment. Ich selbst hatte einen ganzen Monat.

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