15. Juli 2018
15.07.2018

Made in Mallorca: Buntes aus Afrika für Selbstbewusste

MZ-Besuch in der „Koluté"-Schneiderei in Palma de Mallorca. Hier wird in einem Sozialprojekt Traditionelles europäisch aufgepeppt

15.07.2018 | 01:00
Made in Mallorca: Buntes aus Afrika für Selbstbewusste

An den Wänden hängen Schnittmuster, auf den Schneidertischen liegen Scheren und Fingerhüte. Mbaye und Ibrahima sitzen an großen Nähmaschinen in den hellen Räumen der Caritas an der Calle Socorro in Palma de Mallorca. Wenige Meter entfernt bügelt Madu sorgfältig ein Kleid. Ainhoa de la Iglesia schaut ihm über die Schulter, rückt den Stoff zurecht. Die 28-jährige gelernte Designerin ist die Schöpferin der Kleidungsstücke, die unter den geschickten Händen der Afrikaner entstehen oder bereits fertig zum Verkauf auf langen Stangen hängen. Röcke, Kleider, T-Shirts, Tops, kurze und lange Hosen, Herrenhemden, Jacken, Jacketts, Blazer, Taschen, Schürzen und Stirnbänder sind da­runter. Sie sind modisch geschnitten und vor allem: knallbunt.

„Die Stoffe nennen sich Waxprints", sagt Mbaye und hält kurz inne. „In meiner Heimat trägt die fast jeder, im Alltag, auf der Arbeit, auf Feiern", erklärt er und deutet auf einen großen Haufen bisher unberührter Stoffe. Mbaye kommt aus dem Senegal, genau wie die Stoffe selbst. Wellenlinien sind zu erkennen, Blumenmuster, angedeutete Tiere, ausladende geometrische Formen und feine Zeichnungen. „Es ist schön, wenn man durch Palma läuft und sieht, dass ein Europäer unsere Stoffe trägt", sagt er.

Es war im Jahr 2012, als die Caritas das Projekt „Koluté" ins Leben rief. „Koluté", das bedeutet „Vertrauen" auf Wolof, der gängigen Landessprache im Senegal. Von Anfang an war die Mallorquinerin Ainhoa de la Iglesia federführend bei der Gestaltung. Das Prinzip ist simpel: Immigranten, meist selbst aus West- oder Zentralafrika, lernen unter ihrer Führung das Schneidern, um später auf dem freien Markt bessere Chancen zu haben. Die entstehenden Kleidungsstücke und Accessoires werden in den Läden der Caritas in Palma, Manacor, Artà, Santanyí und Ses Salines verkauft. Ein Teil des Geldes geht an die angehenden Schneider in Palma, ein anderer Teil an die Caritas im Senegal.

„Wir wollen natürlich verkaufen, deshalb benutzen wir zwar die originalen Stoffe, haben die Schnitte aber komplett an europäisches Publikum angepasst", erklärt die Designerin und deutet auf das hübsche Kleid in Gelb-Rot-Tönen, das sie trägt. „In meiner Heimat Guinea wäre es länger", sagt Madu. „Die Europäer zeigen gern mehr Haut."

Waxprints sind industriell gefertigte Baumwollstoffe mit feinem Batikdruck. Sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite ist die Farbintensität gleichermaßen ausgeprägt. „Diese Tasche hier kann man beispielsweise umkrempeln", sagt Ainhoa und zieht eine Strandtasche auf dem Tisch zu sich und stülpt sie um. Der Stoff leuchtet auf beiden Seiten, nur der Zusatz aufgenähter Kord- und Leinenstoffe in neutralem Beige ist innen und außen unterschiedlich.

Anders, als der Name vermuten lässt, weisen die Waxprints keine Wachsbeschichtung auf. Vielmehr deutet der Name auf den ursprünglichen Produktionsprozess der Textilien hin. Dabei werden Wachsschablonen genutzt, um Muster auf bereits gewebte Stoffe zu drucken und anschließend einzufärben. „In Guinea und auch im Senegal kann man sie täglich auf jedem Markt kaufen", berichtet Madu. Viele Menschen dort nutzten die erschwinglichen Preise. „Es ist meist günstiger, die Stoffe zu kaufen und sich selbst Kleidung zu fertigen, als bereits hergestellte Kleidung zu erwerben", erklärt er.

Mehrere Hundert Kilo Stoff lässt die Caritas Mallorca pro Jahr aus dem Senegal auf die Insel bringen. „In den Niederlanden gibt es ­beispielsweise auch eine große Produktionsstätte, aber uns ist es wichtig, die Händler im Senegal zu unterstützen." Schon seit dem Jahr 2006 kooperiert die Caritas Mallorca mit der Partnerorganisation vor Ort. Damals brachten sie einen Comic heraus, der Senegalesen darüber informieren sollte, wie schwer es als Immigrant in Spanien ist. Vertrauen war schon damals die Basis der Zusammenarbeit.

„Alle Farben in den Stoffen haben eine Bedeutung", erklärt Madu. Das immer wieder auftauchende Lila stehe für Liebe, Gelb sei die Farbe, die in vielen afrikanischen Flaggen auftaucht, Orange stehe für Familie, Grün und Weiß für den Islam. „Das wissen die meisten Kunden hier in Europa natürlich nicht, sie wählen danach aus, was ihnen optisch am besten gefällt."

„Viele Käufer sind zwischen 30 und 50 Jahren alt", sagt Ainhoa de la Iglesia. Jüngere gingen eher mit der gängigen Mode. „Und nicht jeder traut sich, so knallige Farben zu tragen." Deshalb setzt sie bei ihren Kreationen auch auf Kombinationen. Einfarbige Stücke aus schlichtem Baumwollstoff aus Europa beispielsweise, die nur auf der Brust oder am Saum mit kleinen Stücken der Waxprints bestickt sind. „Mein T-Shirt zum Beispiel", sagt Mbaye und blickt an sich herunter. Er trägt ein schlichtes weißes Shirt, auf das ein in warmen Gelb- und Orangetönen gehaltener Waxprint-Fetzen in Form des afrikanischen Kontinents aufgenäht ist.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Mode den Geschmack auf Mallorca trifft", sagt die deutsch-spanische Textildesignerin Irene Peukes auf MZ-Anfrage. Sie ­arbeitet mit traditionellen Stoffen, allerdings aus Mittelamerika, und verkauft sie in Sineu. „Es dürfte vor allem selbstbewusste Menschen ansprechen, die Afrika gut finden und es auch als Statement sehen, so etwas zu tragen. Es ist eine gute Sache, andere Kulturen auf diese Weise sichtbar zu machen."

Tatsächlich hat „Koluté" mittlerweile schon eine feste Stammkundschaft, die nur darauf wartet, wenn jedes Jahr im Frühjahr eine neue Kollektion he­rauskommt. Die Preise sind angesichts des Arbeitsaufwands und des sozialen Charakters mehr als akzeptabel. Rund 45 Euro für ein Kleid, 38 für eine Tasche, 18 für eine Schürze, 47 für eine Bomberjacke und 18 für ein Stirnband. „Die Kunden sind vor allem dann bereit, dafür zu zahlen, wenn sie verstehen, was dahintersteckt", so de la Iglesia. Denn letztlich ginge es auch darum, zu zeigen, welche kulturellen Reichtümer die afrikanischen Länder aufweisen. Zusätzlich zu den festen Caritas-Läden fährt mittlerweile auch ein mobiler Verkaufsbulli der Caritas zu den Wochenmärkten der Insel. Dort nähmen sich die Kunden besonders Zeit, den Erklärungen zu lauschen.

Der Stoff ist nicht fließend, sondern eher steif, dennoch kann er dank der luftigen Schnitte auch im Sommer getragen werden. „Bei uns machen das die Menschen schließlich auch und da ist es noch wärmer", so Madu.

In wenigen Wochen eröffnet „Koluté" auch einen Online-Shop unter www.kolute.org

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