12. August 2018
12.08.2018

Auf Mallorca Steine schleudern wie der Andalusier

Mallorca ist stolz auf die wackeren Balearen-Krieger, die mit ihren „fonas" einst die Feinde das Fürchten lehrten. Dabei musste erst ein Festlandspanier kommen, um diese Tradition wiederzubeleben.

12.08.2018 | 01:00
Auf Mallorca Steine schleudern wie der Andalusier

Nicht wenige Sportarten haben ihren Ursprung in antiker Kriegsführung. Fechten, Speerwurf und Dressurreiten sind nur einige davon. Eine auf den Balearen zunehmend verbreitete Sportart, die sich nun sogar bis nach Nordeuropa auszubreiten beginnt, ist das Schleudern von Steinen. Die Geschichte ist bekannt: Bereits vor 6.000 Jahren besaßen die Balearen ein potentes Heer, dessen Waffen eben diese fonas waren. Die Steinschleudern wurden damals aus Leder gefertigt und zur Verteidigung der Insel gegen Eindringlinge eingesetzt. Wegen ihrer Geschicklichkeit im Umgang mit der Schleuder erwarben die Mallorquiner großen Ruhm als furchtlose Krieger. Sowohl die Römer als auch die Karthager rekrutierten sie in den Punischen Kriegen. Dann geschah erst einmal lange gar nichts. Andere Formen der Kriegsführung erwiesen sich als tödlicher.


AUF DEN HINTERN DER ZIEGE

Dass seit einigen Jahren wieder von balearischen Steinschleuderern die Rede ist und die
Geschichte von den wackeren Kriegern von anno dazumal so gerne und häufig erzählt wird, hat viel mit einem Mann zu tun, der gar nicht von den Inseln stammt. Diego Camuñas Diez zog als junger Mann in den 60er-Jahren aus Villanueva de la Concepción, einem kleinen Dorf in der Nähe von Málaga, nach Campanet im Norden der Insel. Mit Steinschleudern kannte er sich aus: Sein Vater, ein Hirte, hatte ihm schon als Kind beigebracht, wie man damit die Herde beisammen hält. „Ich konnte auf fünfzig Meter Entfernung eine Ziege genau auf den Hintern treffen", erzählt der heute 76-Jährige stolz.

Aus Spaß an der Freude behielt Camuñas, von Beruf Bauarbeiter, die Schleuderei als Hobby bei. So kam es, dass ihn eines Tages Anfang der 70er-Jahre zwei Rentner dabei beobachteten, wie er mit einer aus Sisal geflochtenen Schleuder mit großer Treff­genauigkeit Steine in der Landschaft verteilte. Die beiden waren beeindruckt und erzählten ihm, dass es im Nachbardorf noch jemand anderes gebe, der sich ebenfalls auf den Umgang mit der Schleuder verstand: Pedro d'Ullaró.

So entstand der Kontakt des jungen Andalusiers zur fast vergessenen Kultur der balearischen foners und zu einem der wenigen noch existierenden Steinschleuderer der Insel. Die beiden beschlossen, einen ersten Wettbewerb ins Leben zu rufen. Wegen des Mangels an potenziellen Teilnehmern schalteten sie eine Anzeige in der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca". Und tatsächlich: Am Wettkampftag erschienen noch fünf weitere Kandidaten, die zur großen Verblüffung der Veranstalter ebenfalls aus der Heimatregion von Diego Camuñas stammten.

So konnte dann 1977 in Llubí der erste Wettkampf mit sieben Teilnehmern stattfinden. Bewertet wurden Treffsicherheit, Wurfweite, Machart der Schleuder – und Beliebtheit beim Publikum. „Alle vier Kategorien habe ich damals gewonnen", sagt Camuñas und zeigt als Beweis die Trophäen von damals.

Im Laufe der Jahre sind Hunderte weitere hinzugekommen. In seinem Haus in Campanet füllen sie zwei Räume. Ebenfalls zu bewundern sind ein ganzer Sack voller Medaillen und Unmengen an verschiedensten Schlingen und Wurfsteinen. „Von jedem Wettkampf habe ich meine Schleuder aufbewahrt und manchmal auch die meiner Gegner als Souvenir behalten", sagt er. Auch französischen, englische, italienische und deutsche sind darunter – seit einigen Jahren gibt es auch ein Turnier mit Teilnehmern aus acht europäischen Ländern.

Besonders ins Auge sticht eine verkohlte Schlinge mit einem schwarz gebrannten Stein. „Mit diesem Stein habe ich das Eröffnungsfeuer der Universiade 1999 in Palma entzündet", sagt Camuñas . 85 Meter musste er bei der Eröffnung der Weltsportspiele der Studenten den brennenden Stein hoch in sein Ziel schleudern. Es gelang gleich beim ersten Versuch.

Nach und nach gründeten sich mehrere Vereine. Seit 1984 gibt es zudem den Verband Federació Balear de Tir de Fona. Die zunehmende Verbreitung dieser Sportart hat viel dem unermüdlichen Wirken Camuñas zu verdanken. Fast an jedem Wochenende gibt es irgendwo einen Wettbewerb oder eine Vorführung. Bei den häufigen Schulbesuchen dürfen dann auch die Kinder unter seiner Anleitung ihr Geschick ausprobieren – aus Sicherheitsgründen nur mit Tennisbällen – und ihre eigenen Schleudern herstellen.


BEI ABNEHMENDEN MOND

Camuñas ist es wohl auch zu verdanken, dass sich die in Andalusien übliche Herstellungsart der Schleudern durchgesetzt hat. Im Gegensatz zu den balearischen fonas aus Leder werden die andalusischen ausschließlich aus Naturfasern gefertigt, die aus Schilfgras, Sisal, Hanf, Agaven, Mais- oder Palmblätter gewonnen werden. Der MZ zeigt Camuñas die Herstellung mit Agavenblättern: „Man muss sie bei abnehmendem Mond schneiden, damit beim Flachklopfen der Blätter der herausspritzende Saft nicht auf der Haut brennt", sagt er. Danach schlitzt Camuñas die Blätter mit einer Art Drahtbürste auf. Die so gewonnen Fasern müssen dann erst einmal trocknen, um dann vor dem Flechten wieder aufgeweicht zu werden. Fünf bis sechs Blätter benötigt man für eine Schleuder, die Herstellung nimmt circa acht Stunden in Anspruch. Von der Ernte der Blätter an macht Camuñas jeden einzelnen Handgriff selbst – wahrlich noch echte Handarbeit. Der Rentner ist mit seinen Schleudern auch auf Märkten anzutreffen. Das ist sowohl Werbemaßnahme als auch Nebenverdienst: 15 Euro kostet die aus drei Schnüren geflochtene Schleuder, 30 Euro die aus fünf.

Um selbst in der Übung zu bleiben, hat sich Camuñas daheim ein „Trainingsgelände" eingerichtet: ein großer, von Mauern umgebener Hof hinter seinem Haus. Auf eine Mauer hat er mit Kreide eine Zielscheibe gemalt, hier übt er seine Treffgenauigkeit mit Tennisbällen. Eine andere weist zahlreiche Einschusslöcher von Steinen auf und sieht aus wie nach einer Schießübung.

Camuñas legt den Tennisball in die Schleuder, schlingt ein Ende um den Daumen, hält das andere Ende locker mit zwei Fingern fest, und lässt sie im Uhrzeigersinn aus dem Handgelenk heraus drehen. „Am vordersten Punkt muss man das eine Ende loslassen", sagt er, „es ist ganz einfach." Schon fliegt der Tennisball ein ums andere Mal genau auf den Mittelpunkt der Zielscheibe. Jeder Schuss ein Treffer.

Der Selbstversuch zeigt dann schnell, dass es ganz so einfach dann doch nicht ist. Aber Camuñas hat ja auch 70 Jahre Erfahrung. Die nächste Gelegenheit, ihn in Aktion zu sehen, ist voraussichtlich am 18. August in Sóller bei einem Turnier, das für die mallorquinische Meisterschaft punktet. Auch Antònia Reinés Pons, die Frau von Camuñas, wird dann wohl zugegen sein. Die heute 72-Jährige begleitet ihren Mann seit dessem ersten Turnier – und wurde das Zuschauen schnell leid. So griff sie kurzerhand selbst zur Schleuder und hatte zunehmend Erfolg. Heute noch ist sie Balearen- und Europameisterin, und auch Sohn Diego (46) und Tochter Antònia (42) sind geschickt im Umgang mit der Schleuder und haben an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen.

Werden wir Diego Camuñas womöglich sogar als ältesten Olympiateilnehmer oder -Sieger aller Zeiten sehen ?

Hier gibt´s Steinschleudern
Diego Camuñas verkauft die „fonas" auch bei ihm zu Hause: Carrer Bernat Sales, 2, Campanet, Tel.: 971-
51 65 65. Turnier- und weitere Informationen gibt es auf der Website des Verbands: tirdefona.org

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