27. August 2018
27.08.2018

Wo die Tomaten von Mercadona herkommen

Agromallorca ist dank der Lieferungen an die Supermarktkette der größte Gemüseproduzent der Insel. Auf ihren Plantagen herrscht jetzt Hochbetrieb.

27.08.2018 | 01:00
Handverlesen und täglich an 49 Supermarktfilialen geliefert: Tomaten von Agromallorca.

Die Tomaten lagern in blauen Gemüsekisten in einer Halle. In Kürze werden sie auf einen Lkw geladen, der sie von der zwischen Inca und Binissalem gelegenen Plantage Can Trujillo zum Großmarkt Mercapalma transportiert. Dort sortieren Mitarbeiter die besten aus und beliefern damit noch am selben Tag die 49 Insel-Filialen von Mercadona. Die Supermarktkette bezieht jährlich 2.000 Tonnen Tomaten von Agromallorca.

Das Unternehmen ist der größte Gemüseproduzent auf der Insel. Die Mitglieder der Kooperative gehören alle zur Familie Pou. „Insgesamt pflanzten wir dieses Jahr eine halbe Million Tomatenstauden", sagt Jaume Pou. Sein Großvater hat vor gut 50 Jahren die Finca erworben, 160 Personen arbeiten heute auf den fünf verschiedenen Anwesen, die Kooperative besitzt 100 Hektar Inselboden, Can Trujillo ist 40 Hektar groß. Seit die Generation des 33-jährigen Enkels Jaume Pou das Sagen hat, pflanzt man nach dem von der Landesregierung zertifizierten „Integral"-Anbausystem. Es sieht Nachhaltigkeit vor sowie die Vermeidung von Insektiziden gegen Schädlinge.

Es ist Montagmorgen in Can Trujillo, die Arbeiter pflücken heute Zucchini. Ihre Gesichter sind kaum zu erkennen, denn sie werden von Tüchern bedeckt, die sie unter ihren Hüten tragen. Noch ist es einigermaßen kühl, aber man kann sich vorstellen, wie mühsam es ist, hier in der Mittagshitze zu arbeiten. Doch die Erntearbeiter ziehen es vor, ihren Arbeitstag an einem Stück – ohne Mittagspause – hinter sich zu bringen. Tomaten pflückten sie gestern, am Sonntag. In der Hauptsaison wird täglich geerntet.

Die Eiertomaten, die jetzt lieferbereit in der Halle stehen, reiften auf einem riesigen überdachten Feld. Heute hängen hier überwiegend grüne Früchte an den Stauden. Es wird ein paar Tage dauern, bis die Früchte rot und reif sind und die Erntearbeiter sie pflücken werden. Jede Staude ist an einem weißen Band angebunden, sie alle sind an einer Dachkonstruktion aus Stahlrohren befestigt. Darüber liegen schwarze Gewebebahnen aus Kunststoff. Sie lassen die Wärme durch und halten die aggressiven Sonnenstrahlen ab.

Bei den Pflanzen mit den unreifen Eier­tomaten handelt es sich um Hybride. „Wir kaufen die Samen, ziehen Setzlinge und übergeben sie dann einem Spezialisten, der sie auf die Unterlage einer Wildtomate aufpfropft", sagt Pou. Das mache die Pflanze widerstandsfähiger. Der Veredler pfropft auf jede Unterlage zwei Setzlinge, so wachsen aus einer Wurzel zwei Stängel. Das spart Geld und Platz. Obendrein liefern die Hybridpflanzen eine dreimal höhere Ernte als herkömmliche Sorten.

Im Rahmen des integralen Anbausystems werden gegen Schädlinge umweltverträgliche Methoden eingesetzt. Vor ein paar Jahren investierte die Kooperative 50.000 Euro in die Fressfeinde der Tomatenminiermotte (Tuta absoluta), ein Schädling, der in der Lage ist, ganze Ernten zu ruinieren. Pou zeigt auf ein winziges Insekt, das auf einem der Stängel sitzt, dicht daneben sind Larven erkennbar. Die Investi­tion hat sich ausgezahlt, die Raubwanze (Nesidiocoris tenuis) hat sich zahlreich weitervermehrt, und auch die Nachkommen ernähren sich von Schädlingseiern und -larven. Als zusätzlichen Schutz sind in regelmäßigen Abständen am Anfang der Pflanzreihen schwarze Klebetaschen befestigt. Ein Pheromon lockt sie an – am Besuchstag sind ihm schon viele Schädlinge auf den Leim gegangen. Die Tomaten mit natürlichen Fressfeinden zu schützen, will Pou künftig noch verstärken.

Der Agraringenieur macht derzeit seinen Master in Almería. Eine seiner Arbeiten dreht sich um aromatische Kräuter, die bei ihm in Töpfen wachsen. Sie sollen noch mehr Insekten in die Gewächshäuser und überdachten Plantagen locken. „Setzt man chemische Mittel ein, vertreibt man alle Insekten. Ich will sie zu den Pflanzen locken", sagt der Gemüsezüchter. Bei den Bienen hat er damit allerdings keinen Erfolg, sie ängstigen sich vor überdachten Plantagen. Für die Bestäubung der Blüten sorgen Hummeln, die in Kartons inmitten der Stauden ihr zu Hause haben.

Durch einen schmalen Gang sind die verschiedenen Sorten voneinander getrennt. Gegenüber der Eiertomaten wachsen nach der gleichen Art aufgebundene Ramallet-Hybriden, allerdings nicht so zahlreich. „Sie sind im Sommer nicht so gefragt" , sagt der Mallorquiner. Der Verbraucher bevorzuge jetzt die saftigeren Ochsenherz- oder Salattomaten, die Agromallorca ebenfalls anbaut. Im Winter sind bei den Inselbewohnern dann wieder die ramallets für das pa amb oli gefragt.

Wenn an den Ramallet-Stauden zu viele tomatigues reif werden, werden sie zu ristas (Zöpfen) verarbeitet. Kleine Mengen knüpft man im Mercapalma , große verarbeiten Frauen in Ariany, die dafür bekannt sind, versierte Knüpferinnen zu sein. Womit sich sogleich die Frage stellt: Sind die Hybriden nicht ungeeignet für Zöpfe und die monatelange Lagerung im Winter? Es liege nicht an der Sorte, antwortet der Züchter, sondern an der Wasservergabe. Hybriden, die nur zum Anwachsen gegossen werden und im Sommer ohne Wasser auskommen, wären an Lagerfähigkeit mit den herkömmlichen Sorten durchaus konkurrenzfähig. „Wir wollten gemeinsam mit den Produzenten alter Sorten das Herkunftssiegel Denominación de Origen (DO) für die Ramalletzöpfe durchsetzen", sagt Pou. Dieses Vorhaben sei gescheitert, weil die Vertreter der alten Sorten nicht zugelassen hätten, dass es das Herkunftsiegel sowohl für die alten Sorten als auch für die Hybriden gibt.

Doch auch die alten Sorten pflegt man auf Can Trujillo. Die Stauden wachsen niedrig, auch sie sind an weißen Bändern befestigt. Aus den reifen Tomaten sucht man diejenigen aus, die den Charakter der Sorte am besten repräsentieren und lagert die Samen, um sie in den Folgejahren neu auszusäen. Die ramallet enthält mehr Säure als andere Sorten, deren Zuckergehalt höher ist. Doch die Säure ist nicht entscheidend für die Haltbarkeit. Dafür ist die dicke Haut und das nur spärlich saftige Fruchtfleisch verantwortlich.

Wenn viele Tomaten auf einmal reifen, beliefert Agromallorca auch direkt Restaurants und Einzelhandel. Oder aber sie werden in der hauseigenen Manufaktur zu naturreinen Marmeladen oder Säften verarbeitet. Der Renner ist ein Brotaufstrich aus Tomaten, Knoblauch und Öl für das pa amb oli, wenn gerade keine ramallets zur Hand sind. Der Tomaten-Mix wird sogar aus Deutschland geordert.

http://agromallorca.com

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