05. Mai 2019
05.05.2019

Zeitreise in Inca mit der Familie von Ministerpräsidentin Francina Armengol

Die Suche nach Franco-Opfern ist für die Politikerin auch ein persönliches Anliegen. Das Vermächtnis einer politischen Familie und ein Anruf im Regierungssitz

05.05.2019 | 01:00
Jaume und Antoni Armengol (v. li.), Vater und Onkel der balearischen Ministerpräsidentin, in der Familienapotheke in Inca.

Es herrscht donnerstägliches Markttreiben in Inca. Die Brüder Antoni und Jaume Armengol sitzen auf der Plaça Santa Maria la Major, unweit der Familienapotheke im Carrer Major, und erzählen von früher. Es ist nicht so leicht, sich Inca vor 80 Jahren vorzustellen – die Wochen nach dem 17. Juli 1936, als nach dem Militärputsch der Spanische Bürgerkrieg ausbrach und 1939 das Franco-Regime folgen sollte. Jaume Armengol zeigt zur Parteizentrale der Sozialisten am Platz. Damals befand sich das Lokal eine Straße weiter. „Auf die Sozialisten und die Anarchisten hatten sie es vor allem abgesehen", sagt der 81-Jährige über die aufständischen Franco-Schergen. Reihenweise wurden Republik-Treue festgenommen. Sie kamen in Haft – und verschwanden. Bis heute.

Antoni Armengol ist pensionierter Geschichtslehrer, Jaume Armengol pensionierter Apotheker. Zusammen haben sie mehrere Bücher über die Bürgerkriegszeit geschrieben, zuletzt „La Represió a Inca. Noves Aportacions" (Die Repression in Inca. Neue Beiträge). Die Brüder waren jahrelang in der Lokalpolitik aktiv – Jaume als Bürgermeister, so wie auch schon sein Großvater – und sorgten etwa dafür, dass nach dem Franco-Regime benannte Straßen aus dem Stadtbild verschwanden. Bereits 1981 wurde aus der Franco-Straße wieder der Carrer Major. „Damals gingen bei mir in der Apotheke Mord­drohungen ein", so Jaume Armengol.

Politik und Apotheke sind Familientradition: Auch Jaumes Tochter Francina studierte Pharmazie – bevor sie ebenfalls in die Politik ging und für die Sozialisten zunächst 2007 Inselratspräsidentin, im Jahr 2015 dann balearische Ministerpräsidentin wurde. „Die Partei hat gleich gemerkt, aus welchem Holz Francina geschnitzt ist, und hat sie nach Palma geholt", meint Jaume Armengol. Und so, wie Vater und Onkel den Bürgerkrieg historisch erforschen, ist die politische Aufarbeitung zentraler Bestandteil der Agenda der balearischen Linksregierung (2015–2019). Erstmals ließ sie offiziell nach den in knapp 50 Gräbern anonym verscharrten Franco-Opfern suchen. Die Dokumente, die die Armengol-Brüder zusammengetragen haben, erzählen so nicht nur von der Unterdrückung, die einen Teil Spaniens weiter nicht zur Ruhe kommen lässt, sondern auch vom Antrieb der derzeit mächtigsten Politikerin der Insel.

Sommer 1936 bis Frühjahr 1937

„Am 19. Juli strahlte das Blau des Himmels so stark und hell wie nie", heißt es in dem Buch über jenen Sonntag im Jahr 1936 – nichts habe in Inca auf den Kriegsbeginn und die folgende Repression hingedeutet. Es ist kein wissenschaftliches Buch, „es geht uns darum, die ermordeten und unterdrückten Opfer sowie ihre Familien zu ehren", erklärt Jaume Armengol. Es sei eine Verbeugung vor den Menschen, die auf der Verliererseite standen.

Zwei Tage nach dem Staatsstreich des Militärs am 17. Juli in Spanisch-Nordafrika nahmen die Falangisten auch auf Mallorca strategische Punkte ein und verhängten den Kriegszustand. In Inca zwangen die Aufständischen unter vorgehaltener Pistole Bürgermeister Pere Capó, sein Amt abzugeben und ersetzten die republikanische Fahne am Rathaus durch die monarchische. „Die falangistischen Führer hatten die Repression von langer Hand geplant", schreiben die Armengol-Brüder, „die Befehle sahen die sofortige Inhaftierung der Führer und Mitglieder der Parteien, Gewerkschaften und weiteren demokratischen Organisationen vor". Inca mit seinen Schuhfabriken war eine Arbeiterstadt, doch ein geplanter Generalstreik wurde im Keim erstickt. Tumulte waren dabei durchaus erwünscht, um unter diesem Vorwand „bestimmte Personen, Zentren und revolutionäre Organisationen zu eliminieren", wie es in den Befehlen hieß.

Im kollektiven Gedächtnis ist vor allem das Schicksal der Brüder Josep, Emili und Antoni Sancho haften geblieben. Die Arbeiter in den Schuhfabriken und Spieler des Fußballclubs Constància waren unter den im Parteilokal festgenommenen Sozialisten. In Fesseln wurden sie in den zum Gefängnis umfunktionierten Konvent von Santo Domingo gebracht, wegen Platzmangels dienten auch die Kaserne General Luque und das Kino Moderno für die Inhaftierung der mehr als 200 Gefangenen. „Aus unseren fast 30 mündlichen Quellen wissen wir auch von Folterungen in Santo Domingo. Die Gefangenen wurden geschlagen und mussten Rizinusöl trinken. Die Schreie waren im ganzen Viertel zu hören."

Für die am gefährlichsten eingestuften Gefangenen, die nicht sofort auf dem Friedhof von Inca hingerichtet wurden, ging es weiter nach Palma, vor allem ins Gefängnis Can Mir, am Ort des heutigen Kinos Augusta. „Die große Tragödie waren die Freilassungen in den Nächten Anfang 1937", zitieren die Armengols den Mitinsassen Llorenç Maria. Am 12. März verlasen die Wärter eine Liste mit den Namen der Häftlinge, die freikommen sollten, darunter die Sancho-Brüder. „Von niemanden von ihnen sollte man je wieder etwas hören. In Can Mir breitete sich beim Verlesen der Namen eine angstvolle Stille aus, in der man das Surren einer Fliege trotz tausend Häftlingen hören konnte." Nur der jüngste Bruder, der 21-jährige Antoni, verkannte die Lage. „Mach' dir keine falschen Hoffnungen, Antoni", sagte ihm sein Bruder Josep, „sie werden uns umbringen."

Zwei Tage später schickte ihre Mutter noch ein Paket mit sauberer Wäsche. Zu diesem Zeitpunkt waren die Brüder wohl schon längst hingerichtet – so wie auch die anderen Häftlinge aus Inca vor dem Kreuz des Friedhofs von Porreres. Ihre Leichen werden in einem dortigen Massengrab vermutet.

80 Jahre später

Bei einer Gedenkstunde im November 2016 steht Francina Armengol am geöffneten Massengrab von Porreres. Skelette der Opfer liegen durcheinander in einem Meter Tiefe. Es ist das erste Grab, nachdem das Balearen-Parlament ein Gesetz zur Exhumierung der Franco-Opfer verabschiedet hat. Die Wissenschaftler können in Porreres 14 Tote identifizieren. Die Vermissten von Inca sind nicht darunter – ihre sterblichen Überreste werden in einem anderen Teil des Friedhofs vermutet, wo bislang nicht gegraben werden konnte. Ein Bau mit Nischengräbern aus den 50er-Jahren steht darüber, die rechtliche Lage ist unklar.

Auch die Brüder Antoni und Jaume haben 2016 das offene Grab besucht. In der Familie Armengol gibt es zwar keine Todesopfer aus der Franco-Zeit. Francinas Großvater Jaume verlor seine Anstellung als Chemielehrer, der Großonkel Francesc, der auf dem Festland im republikanischen Lager kämpfte, kam vor ein Kriegsgericht und ins Gefängnis. Und dennoch haben die Armengol-Brüder stellvertretend für andere, bereits verstorbene Nachkommen in Porreres der Opfer gedacht.

„Es war ein bewegender Moment, als ich mit meiner Familie auf dem Friedhof stand", erzählt Ministerpräsidentin Francina Armengol am Telefon. Weil es bei dem Treffen mit ihrem Vater und Onkel auf dem Platz so laut ist, darf der MZ-Reporter in einem Hinterzimmer der Familien-Apotheke in Ruhe mit dem Regierungssitz Consolat de Mar telefonieren. „Die Exhumierung von Porreres war einer der intensivsten und emotionalsten Augenblicke meiner Amtszeit", erzählt die Sozialistin. „Ich hatte ein Treffen mit Angehörigen hier im Consolat de Mar, am Ende haben wir alle geweint."

Francina Armengol ist mit der unbewältigten Vergangenheit aufgewachsen. Während in vielen anderen Familien Schweigen über die Zeit der Repression herrschte, hörte sie von klein auf etwa die tragische Geschichte der Sancho-Brüder, an sie erinnere sie sich besonders. „Ich habe das Glück, in einer sehr politischen Familie aufgewachsen zu sein. Ich wusste von klein auf, wer in Inca ermordet und irgendwo verscharrt worden war. Mir wurde klar, dass ich in einem Land lebe, in dem viele Menschen ihr Leben im Kampf für die Demokratie verloren haben. Diese Gespräche haben mich in die Politik geführt. Es sind zu viele Menschen gestorben, ohne zu wissen, wo ihr Vater, ihr Bruder oder ihr Onkel verscharrt wurde. Ich will die Verbindung zu ihren Vorfahren wiederherstellen. Wenn wir ein Grab öffnen, schließen wir eine Wunde."

Nach der Exhumierung in Porreres bat Armengol stellvertretend für die Regierung um Entschuldigung – dafür, dass es so lange gedauert hat, dass erst 80 Jahre vergehen mussten. Und noch immer ist der Verbleib der Todesopfer aus Inca unklar. „Die Angehörigen haben mir versichert: Dass überhaupt Opfer exhumiert wurden, hat auch uns getröstet."

Und es sei Ansporn, die Politik nach den Wahlen vom Mai fortzusetzen – gerade auch in Zeiten, in denen die Rechts-Außen-Partei Vox in Spanien auf dem Vormarsch sei (S. 4–5). „Es ist offensichtlich, dass das Franco-Regime in 40 Jahren Demokratie in einigen Winkeln überlebt hat", meint Armengol. „Es ist schlimm, dass sich die Menschen der Geschichte nicht bewusst sind. Spanien braucht keine Aufwiegelung, sondern Balsam. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns."

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