21. Mai 2019
21.05.2019

Wie ein Mallorquiner per Anhalter über Atlantik und Pazifik segelte

Boots-Trampen – auch das ist eine Art, die Welt kennenzulernen. Nur zimperlich sollten man dafür nicht sein. Miguel Ángel Vicente de Vera hat es ausprobiert

21.05.2019 | 01:00
Prost auf die Südsee: Vicente de Vera (rechts) und ein norwegischer Skipper vor einer der Marquesas-Inseln.

Miguel Ángel Vicente de Vera hat weder ein Boot noch einen Bootsführerschein und geschweige denn ein großes Budget. Trotzdem hat er der Mann aus Mallorca mehr als 15 Länder bereist und dabei mehrere Tausend Seemeilen zurückgelegt – und zwar per Anhalter.

Trampen per Boot ist auch auf Mallorca noch wenig bekannt. Vicente de Vera aus Palma de Mallorca hatte 2009 davon gehört – und seitdem reichlich davon profitiert. Sein persönliches Highlight: Er legte auch schon die 5.500 Kilometer zurück, die die Galapagos-Inseln von den zu Französisch-Polynesien gehörenden Marquesas-Inseln trennen, und überquerte den Pazifik. „Es ist die längste Strecke, die man auf der Erde zwischen zwei Landmassen zurücklegen kann", erzählt der Mallorquiner von Ecuador aus, wo er sich vor einigen Jahren niedergelassen hat, um als Reisejournalist zu arbeiten. „Ich wollte etwas Besonderes machen und ohne Zwischenstopp während 23 Tagen auf hoher See den Pazifik überqueren", sagt er. Das war im Jahr 2017.

Acht Jahre zuvor war Vicente de Vera noch ein Anfänger im Trampen per Boot gewesen. Mit einem Eimer und einem Schwamm fuhr er mit dem Fahrrad zum Yachtclub von Palma, um den Bootsbesitzern einen originellen Deal zu unterbreiten: Er putzt an Bord, als Gegenleistung darf er kostenlos mitfahren. „Natürlich sagen auch viele 'nein'. Aber am Ende findest du immer jemanden, der dich mitnimmt", sagt der 38-Jährige. Viele der Skipper seien Männer im Alter zwischen 50 und 70, die im Ruhestand sind. „Sie mögen es, wenn man ihnen Gesellschaft leistet und hilft. Die Tage auf dem Meer können einem schließlich sehr lang vorkommen."

Seit es Portale wie www.findacrew.net gibt, hat es Miguel Ángel Vicente de Vera deutlich leichter. Auf der Website können Bootsbesitzer mit Trampern in Kontakt treten. Über die Jahre hinweg hat sich der Anhalter sein eigenes Bild von den Skippern gemacht: „Die meisten von ihnen haben nicht viel Geld. Ich habe Segler getroffen, die sich ein einfach ausgestattetes Boot gekauft haben, weil sie sich keine Wohnung leisten konnten, und nun mit all ihren Sachen dort leben. Man trifft sie in Dakar genauso wie in anderen afrikanischen Häfen", sagt der Reisejournalist. „Die meisten von ihnen sind Europäer."

Raues Gewässer Atlantik

Was sich erst einmal vor allem spannend anhört, ist nicht immer nur eine angenehme Erfahrung: Das hat Vicente de Vera auf seiner ersten Reise, die ihn quer über den Atlantik führte, zu spüren bekommen. „Ich wollte zusammen mit meiner Freundin nach Brasilien – das war mein Traum – und hatte einen neuseeländischen Schiffsbesitzer kennengelernt, der dorthin fahren wollte. Wir haben uns in Port d'Andratx getroffen. Die Chemie stimmte, und er willigte ein", erinnert sich Vicente de Vera. „In Almería schlossen sich zwei Belgier und ein Israeli an. Es war ein buntes Sprachwirrwarr an Bord. Als wir auf den Kanaren ankamen, zerstritten sich die Belgier mit dem Rest der Crew und schauten sich daraufhin nach einem anderen Boot um."

Wenn Fremde wochenlang auf engem Raum aufeinandersitzen, führt das oft zu Problemen. Und der Chef hat eben das letzte Wort. „Als wir in Dakar ankamen, stieg auch der Israeli aus. Ich bin durch den Hafen spaziert und traf dort auf Menschen aus aller Welt, Justizflüchtlinge, Prostituierte... Wer auf herkömmliche Weise reist, erlebt so etwas normalerweise nicht", sagt der Mallorquiner.

In Dakar stieß dann ein neues Paar hinzu, und die Gruppe brach weiter nach Brasilien auf. „Zwölf Reisetage standen uns bevor. Wir füllten das Boot mit Konservendosen, Eiern, Reis und Mehl, um Brot zu backen. Der Atlantik ist ein raues Gewässer. Stürmt es, hört der Spaß auf. Die Zeit vergeht langsam. Die Auf- und Ab-Bewegungen der Wellen machen schläfrig. Auf Bootsreisen schläft man sehr viel", sagt Vicente de Vera. „Als wir auf der zu Brasilien gehörenden Inselgruppe Fernando de Noronha ankamen, trennten auch ich und meine damalige Freundin uns vom neuseeländischen Schiffsbesitzer", sagt der Mann aus Palma. „Er war am Ende sehr anstrengend."

Die Tage auf der Inselgruppe waren zunächst idyllisch. Da es sich bei dem Ort, an dem die Segler angelegt hatten, jedoch nicht um einen autorisierten Einreisehafen handelte, kam es bald zum Streit mit den Beamten. „Wir hatten das Schiff verlassen und unsere Pässe nicht bei uns. Deshalb verhafteten uns die Polizisten und drohten damit, uns abzuschieben. Sie steckten uns in eine Herberge, wo wir die Nacht verbrachten. Zum Glück ließen sie uns am nächsten Tag wieder ziehen. Sie haben sogar die Ökosteuer für die Übernachtung für uns bezahlt", erinnert sich der 38-Jährige, der seine Erfahrungen auf der Website www.laculturaviajera.com zusammenträgt.

Sehnsucht nach Authentizität

Das Boots-Trampen sei im Gegensatz zum Massentourismus eine sehr authentische Art zu reisen. „Auf Instagram sieht man doch sonst immer dieselben Fotos von denselben Orten", so Vicente de Vera. Dank barco-stop, wie die Reiseart im Spanischen genannt wird, konnte er 15 Länder bereisen – darunter Mauretanien, Senegal, Trinidad, Tobago, Kuba und Französisch-Polynesien. „Ich habe mit dem Boot den Atlantik und den Pazifik überquert. Das können nicht viele von sich sagen."

2017 nahm sich der Tramper schließlich vor, auf direktem Weg von Ecuador in das französische Überseeterritorium Französisch-Polynesien zu reisen. „Ich lebte bereits in Ecuador und verabredete mich mit einem deutschen Schiffsbesitzer auf den Galapagos-Inseln. Für 10 Euro pro Tag nahm er meine Freundin und mich mit, unter der Bedingung, dass wir an Bord für ihn arbeiten", erzählt Vicente de Vera. „Es ging noch ein weiteres Paar an Bord des modernen Katamarans. Auf den Galapagos-Inseln packten wir reichlich Vorräte ein und zogen los. Dabei wurde mir etwas mulmig. Wir hatten ausgerechnet, dass die Reise zwischen 20 und 35 Tage dauern würde. Wenn du einmal in See gestochen bist, gibt es kein Zurück mehr", sagt der Mallorquiner.

Der Pazifik kann sich ziehen

Die Reise zog sich denn auch über 23 Tage hin – und die Stimmung an Bord drohte zu kippen. Auch Miguel Ángels Freundin wurde es zu viel. „Man sieht viele Tage lang nur Wasser, und wenn man Glück hat, ein paar Delfine oder Wale." Am Ende der Reise gab es aber eine Entschädigung: Die paradiesischen Marquesas-Inseln und einen norwegischen Schiffsbesitzer, der dem Paar anbot, es auf eine einmonatige Reise durch das polynesische Archipel mitzunehmen. „Jedes Mal, wenn wir vor einer Insel ankerten, stießen wir mit einem Glas Rum an", erinnert sich der mallorquinische Weltenbummler.

Nach so mancher längerer Überfahrt war der Hobbysegler froh, endlich wieder an Land gehen zu können, wie er sagt: „Ein paar Mal hatte ich echt Angst. Wir Menschen sind fürs Land gemacht. Und ab und an meint es das Meer nicht gut mit dir. Wenn du auf hoher See bist, merkst du, dass du nur ein Sandkorn bist. Man sollte immer Respekt vor der Natur haben. Wenn nicht, wird sie dich schnell wieder in deine Schranken weisen."

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