25. Mai 2019
25.05.2019

Blind Date in Cala Ratjada

Keine Party, keine Discos: Wie 13 deutsche Studenten vor 60 Jahren fünf unbeschwerte Wochen im damals noch unbekannten Urlaubsort auf Mallorca verbrachten - obwohl sie sich vorher gar nicht kannten

25.05.2019 | 01:00
Die 13 Studenten kannten sich vorher nicht. Peter Wolf ist der Dritte von rechts

Als Peter Wolf zusammen mit anderen Studenten zum ersten Mal Urlaub in Cala Ratjada im Nordosten von Mallorca machte, gab es dort weder Diskotheken noch Nachtclubs. „Selbst Hotels waren rar", erinnert sich der 81-Jährige. Kein Wunder: Es ist 60 Jahre her, dass die Gruppe in dem Küstenort ankam und dort ganze fünf Wochen ihrer Semesterferien verbrachte. „Keine Spur von Langeweile, es war ein wahnsinnig tolles Erlebnis", sagt Wolf heute. „Auch wenn es natürlich überhaupt nicht mit dem heutigen Cala Ratjada zu vergleichen ist."

Noch immer sieht er das Dorf vor sich, wie es sich ihm und seinen Kommilitonen erschloss, als sie im Sommer 1959 nach langem Flug mit einer Propellermaschine und beschwerlicher Busfahrt ankamen. „Es war eine verlassene und menschenarme Gegend. Die Straßen waren leer, die Bewohner traf man nur auf dem Wochenmarkt oder im Hafen, wenn die Fischer mit ihrem Fang zurückkamen", erinnert sich der Schwarzwälder. Viele Seitenstraßen waren sandige Wege, auf denen Eselskarren verkehrten. Die Stimmung in der Gruppe war euphorisch: „Keiner von uns war zuvor auf Mallorca gewesen, auch für mich war es der erste Flug meines Lebens." 500 D-Mark habe die fünfwöchige Reise gekostet, Unterkunft, Flug und Verpflegung inklusive. Viel Geld für einen Studenten. „Die Hälfte sparte ich mir durch Studentenjobs zusammen, die andere Hälfte gaben meine Eltern dazu", sagt Wolf.


Und wer bist du?

Keiner der 13 Reisenden habe die anderen Gruppenmitglieder zuvor gekannt. „Alles war vom Bundesstudentenring organisiert. Wir waren eine bunte Mischung und stießen am Flughafen Düsseldorf erstmals aufeinander." Zum Glück stimmte die Chemie von Anfang an. „Ich kann mich an keinen Streit erinnern. Nicht einmal Eifersüchteleien gab es", so Wolf. Und dass, obwohl natürlich auch junge Frauen dabei waren. „Es hat alles wunderbar gepasst", sagt Wolf vieldeutig.

Untergebracht waren die Studenten in Häusern in der Nähe des Hafens, die Mahlzeiten fanden stets gemeinsam im Patio einer der Unterkünfte statt. „Viel mehr als den Hafen gab es damals auch nicht. Hinter der Kirche endete der Ort bereits." Der gut ein Kilometer lange Weg von dort zum großen Cala-Agulla-Strand, der heute entlang des Carrer de l'Agulla von zahlreichen Hotels, Modeläden, Wohnhäusern, Restaurants und Bars gespickt ist, führte damals durch verlassene Einöde. „Da war nichts außer trockener, staubiger Landschaft", so Wolf. Und ein Chiringuito auf
halbem Weg zum Strand. „Etwa auf der Höhe, wo heute das Can Emilio ist."

Wolf erinnert sich noch gut daran, dass die Gruppe Abend um Abend dort verbrachte, hervorragende Miesmuscheln serviert bekam und dann in vollkommener Dunkelheit den Heimweg fortsetzte. „Es gab keinerlei Wegbeleuchtung, wir mussten uns den Rückweg ertasten."

Models am Strand

Auch am Strand selbst sei es vor allem unter der Woche fast menschenleer gewesen. „An der gesamten Cala Agulla waren vielleicht 30 Leute, und das mitten im Sommer." Zum ersten Mal in seinem Leben sei er dort so richtig braun geworden. „Ich weiß noch, dass mich die Nachbarn meiner Eltern ansprachen, wo ich denn gewesen sei, als ich nach fünf Wochen braun gebrannt wieder zurückkam", sagt der 81-Jährige und lacht. Abwechslung am Strand gab es einmal in der Woche dank eines einheimischen Strandfotografen, der auch die Deutschen ablichtete. „Derweil habe ich mit meiner Zeiss-Ikon-Contaflex-Super-Kamera Dias gemacht."

Wolf erinnert sich noch an Tagesausflüge nach Palma und zu den Tropfsteinhöhlen in Canyamel. „Einmal sind wir nach Cala Mesquida gewandert, es war einfach nur ein verlassener Strand ohne jegliche Bebauung." Auch nach Capdepera lief die Gruppe, besuchte die Burganlage – die damals selbstverständlich keinen Eintritt kostete. „Der Tourismus war noch ganz am Anfang, es konnte auch niemand Deutsch und wir kein Spanisch. Aber irgendwie hat die Verständigung trotzdem geklappt."

47 Jahre sollte es dauern, bis Peter Wolf noch einmal nach Cala Ratjada kam. Im Jahr 2006 mit seiner Frau Gisela – mittlerweile als Rentner, und durch zahlreiche berufliche Auslandsaufenthalte flug- und abenteuererfahren. „Es war anfangs sehr schwer, sich im Ort zurechtzufinden. All die modernen Bauten und die vielen Hotels machten es nicht leicht, sich zu orientieren." Enttäuscht gewesen sei Wolf bei seiner Rückkehr aber nicht. „Dafür, dass Cala Ratjada heute ein Ort des Massentourismus ist, ist es dort immer noch schön und für uns Rentner sehr angenehm. Wir sprechen ja nicht vom Ballermann." Seine alten Fotos zeigte Wolf auch dem Wirt von Ses Àncores, einem Restaurant im Hafen. „Er war begeistert, hat mich später kontaktiert und jetzt hängen die Bilder im Großformat im Restaurant." Noch zwei weitere Male kam der Rentner seitdem, blieb zuletzt 2016 mehrere Wochen. „Noch bin ich munter und fidel und habe Lust, wieder hinzufliegen. Hoffentlich klappt das bald."

Nur seine Reisegefährten hat er nach dem Sommer 1959 nie wiedergesehen, zu weit entfernt seien die jeweiligen Wohnorte in Deutschland gewesen. „Schade eigentlich", findet Wolf. „Aber vielleicht liest ja einer von ihnen den Artikel und meldet sich bei mir. Ein Wiedersehen nach 60 Jahren könnte ­sicherlich nett werden."

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