25. Juni 2019
25.06.2019

Hier wachsen die ältesten Mallorca-Orangen

Sie sind saftig, lecker, und traditionell von der Insel: Auf den Feldern von Raixa veredeln Profis auf kräftigen Unterlagen alte lokale Sorten von Orangenbäumen – Wissenschaftler begleiten das Wachstum und verhindern ihr Aussterben

25.06.2019 | 01:00
Im Vordergrund die neuen Plantagen, im Hintergrund die alten

Die "cantoneta" gilt als Königin unter den Saftorangen auf Mallorca. Sie zählt zu den alten Sorten unter den Orangen, und ihr ist es gelungen, sich erfolgreich gegen neuere Züchtungen zu behaupten. Bei dieser einzigen alten lokalen Sorte soll es heute jedoch nicht bleiben. „Es passt zum historisch-kulturellen Charakter des Landguts Raixa, dass wir uns um einheimische Orangenbäume kümmern", sagt Toni Colom, Koordinator der verschiedenen Arbeitsgruppen, die in den Gärten von Raixa aktiv sind.


Die Unterlagen

Auf einem rechteckigen Feld wachsen rund hundert Zitrusbäumchen. Es handelt sich um die Hybriden Citrus volkameriana, die aus der Region Valencia, Spaniens Zentrum für die Zucht von Zitrusgewächsen, stammen. Die kräftigen Jungbäume wurden so entwickelt, dass sie gegen Schädlinge und die Pilzkrankheit, die tristeza de los cítricos, resistent sind. Derzeit stehen die Bäumchen hüfthoch, an ihren fünf Zentimeter dicken Stämmen führen Bewässerungsrohre vorbei.

In Zusammenarbeit mit der Balearen-­Regierung soll nun auf dem einstigen Gemüsebeet Raixas eine banco de germoplasmo entstehen, eine Sammlung alter lokaler Sorten von Orangenbäumen (Citrus aurantium bot., naranjo span., taronger kat.). „Wir begleiten das Gedeihen der alten Obstbäume wissenschaftlich, verhindern ihr Aussterben und legen eine Sortenbank für weitere Vermehrungen an", sagt Pep Rosselló, Agraringenieur im Institut de Recerca Agrària i Pesquera (Irfab), das dem Landwirtschaftsministerium unterstellt ist.


Die Veredelung

Für die neuen Züchtungen hat man Bernat Canyelles mit ins Boot geholt. Der erfahrene Obstbaumexperte hat ab 2007, gemeinsam mit Maria Solivellas und Laura Buades, für die Slow-Food-Bewegung auf den Balearen rund 150 alte Obstsorten wiederentdeckt. Viele von ihnen sind mittlerweile bei Baumschulen oder in Kooperativen erhältlich.
Gemeinsam mit Rosselló hatte sich Can­yelles Jahre später bei Orangenbauern nach alten Sorten umgeschaut. Die beiden nahmen von ihren Besuchen die Namen der Sorten sowie junge Zweige von alten Bäumen mit, die man Edelreisig nennt. „Die Züchter waren payeses", berichtet Rosselló.

Wenn einer ihrer Bäume herausragende Früchte gebildet hatte, veredelten sie früher mit einem jungen Zweig die Unterlage einer Zitrone oder die einer Bitterorange. Die Fruchtkerne dieser Ursorten verfügten über eine hohe Keimfähigkeit und bildeten fleißig Wurzeln.

Wie von den Mandelsorten bekannt, wurden Orangenbäume manchmal nach ihren Züchtern benannt: Die peret beispielsweise hat zwar die Form einer Birne, ihr Name geht jedoch auf einen payés namens Pere zurück. Eine weitere wurde „Joan poteta" benannt. Auch die Zeit der Reife verhalf zu Namen: So reift die primerenc als Erste im Jahr. Die Form gab der cul d'ou den Namen, sie ist flach wie das Hinterteil eines Eis. Insgesamt ist die Veredelung von 15 verschiedenen Orangensorten geplant, welchen genau, ist im Internet unter www.­varietatslocalsib.com zu sehen.

Immer wenn Canyelles und Rosselló auf einer Orangenfinca fündig geworden waren, brachten sie Edelreisig mit nach Hause. Die jungen Zweige wurden auf Orangenbäume aufgepfropft, die bereits auf dem sechs Hektar großen Versuchsgelände von Sa Granja in der Nähe von Palmas Carrer Eusebi Estada Wurzeln gefasst hatten. Hier befindet sich der Sitz der Irfab, die Laboratorien und eine Baumschule. Vor zwei Jahren war die Sammlung dann komplett, die jungen Zweige sind gut angewachsen und haben weitere ausgetrieben. In wenigen Tagen wird Canyelles mit ihnen die Zitronenhybriden in Raixa veredeln.


Wasser und Klima

Wenn aus ihnen 15 verschiedene Orangenbäumchen geworden sind, werden die Techniker von Irfab den Wasserverbrauch genau beobachten. „Zum Anwachsen brauchen alle Zitrusarten viel Wasser und große Mengen Nährstoffe", sagt Colom. Im Alter könnten sie dann so einiges vertragen, unter anderem den durch Dürre verursachten Stress.

Wegen des Wassereichtums entstanden ursprünglich im Sóllertal Orangenplantagen, weil dort das Wasser aus den Bergen direkt zu den Feldern geführt werden konnte. Erst mit der Erfindung des Motors war es möglich geworden, auch auf der Ebene Orangenplantagen anzulegen. Mit der Folge, dass dort der Salzgehalt im Wasser zunimmt und es auch diesen Sommer wieder auf der ganzen Insel knapp werden kann. In Anbetracht der Klimaerwärmung könnten wieder Sorten aktuell werden, die weniger Wasser brauchen.

Gegenstand der Forschung soll auch sein, die Widerstandsfähigkeit alter lokaler Sorten zu testen. Denn bei Mandelbäumen vermutet man, dass die herkömmlichen, auf trockenem Boden wachsenden Arten für den Xylella-Virus anfälliger sind. „Es gibt aber bisher keine relevanten Zahlen hierfür", sagt Rosselló. Die Zahl der kranken alten einheimischen Mandelbäume wäre deshalb so hoch, weil diese auf der Insel am meisten vertreten sind und obendrein noch häufig auf verwahrlosten Feldern wachsen. Sich gegen die alten Sorten und für neue zu entscheiden, die bewässert werden müssen, hält er noch für zu früh.


Raixas Orangengarten

Wenn Besucher heute vom Parkplatz aus den Garten betreten, sehen sie linker Hand auf einem ebenen Feld eine Orangenplantage. Historiker hatten bestätigt, dass hier ursprünglich Orangenbäume gepflanzt waren und auch, dass es üblich war, in den feudalen Gärten des 19. Jahrhunderts eine höhere Zahl von Orangenbäumen anzupflanzen, als für den Bedarf der Possesió-Bewohner benötigt worden war. Denn Orangen versprachen zu der Zeit gute Einnahmen. Sortenvielfalt gab es allerdings noch nicht. „Der mallorquinische Autor Rullan beschreibt damals in seinem Handbuch über die Kultivierung von Orangenbäumen nur eine einzige Sorte", sagt Rosselló.

Als das Landgut 2004 in den Besitz des Inselrats überging, wuchs dort kein einziger Orangenbaum. „Allzu viele Exemplare wird es hier wohl nie gegeben haben, denn dafür fehlte das Wasser", sagt der Koordinator von Raixa. Der Beweis dafür wäre das riesige Wasserreservoir des Landguts. Wenn auf einer possessió das Wasser knapp war, baute man große Speicher, um im Sommer Vorräte zu haben.

Bei der Neugestaltung des Gartens, die 2010 abgeschlossen war, ließ man an der Stelle des historischen Orangengartens Sorten aus Valencia pflanzen. Doch mit diesen Bäumen hatten die Gärtner kein Glück, sie wurden krank oder bildeten ungenügend Wurzeln.

„Jedes Jahr gehen uns zwei ein, wir werden sie ersetzen müssen", sagt Colom. Eines Tages könnten als Ersatz Sorten gepflanzt werden, die ursprünglich hier gewachsen sind. Doch die schwächelnden Exemplare auf dem Feld auf der Rückseite des Gebäudes müssen ausharren, bis ihre veredelten Nachfolger sich bewährt haben. „Es kann bis zu sechs Jahre dauern, bis die Studien abgeschlossen sind und die Bäume in den Handel kommen können", sagt Rosselló.

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