25. Juli 2019
25.07.2019
Mallorca Zeitung

Ein Franziskaner gab der Schinkenstraße ihren Namen

Hätten Sie es gewusst? Die Partyhochburg ist nach einem Geistlichen benannt, der an der Playa de Palma ganz anderes im Sinn hatte

25.07.2019 | 09:44
Calle del Jamón? - Netter Versuch!

Hochsaison an einem Donnerstag zwischen Bierkönig und Bamboleo. Straßenhändler bieten ihren blinkenden Plastik- und Plüsch­unsinn an, Urlauber schlappen in Flip-Flops von einem Lokal zum nächsten, aus irgendeiner Bar tönt Peter Wackels „I love Malle!" Eine Gruppe Urlauber in pinken Shirts nähert sich. „Wissen Sie eigentlich, in welcher Straße wir uns befinden?" „Na, das ist die Schinkenstraße", kommt wie aus der Pistole geschossen. „Nein, wie sie richtig heißt?" „Calle de Jamón?", mutmaßt einer. Netter Versuch!

Auch wenn sich die teils mit Stickern überklebten Straßenschilder nicht ganz so einfach finden lassen: Seit dem 8. Oktober 1959 trägt die Straße, die vom Strand bis rauf zu der Schul- und Klosteranlage La Porciúncula führt, den Namen Carrer del Pare Bartomeu Salvà. Der Franziskanermönch Bartomeu Salvà kam am 15. August 1867 in Llucmajor zur Welt. In einem biografischen Abriss seines Ordens ist von einem überaus intelligenten 20-jährigen Studenten der Theologie die Rede, der sich eher überraschend dazu entschloss, dem kleinen Kloster San Buenaventura in Llucmajor beizutreten.

Vorsitz der Franziskaner

Knapp vier Jahre später erhielt Bartomeu Salvà 1891 die Priesterweihe, und schon ein Jahr darauf übernahm er den Vorsitz der Franziskanergemeinschaft in Llucmajor. In der Folge setzte sich Salvà dafür ein, auf Mallorca einen sogenannten Dritten Orden der Franziskaner zu etablieren – eine Art Klostergemeinschaft. Der Priester führte die Verhandlungen mit den weltweiten Franziskanerverbänden und bekam 1906 vom Kardinal Angelo De Mattía die Unterstützung der Kurie zugesichert. „Unser Orden wird Vater Salvà für diese Arbeit auf ewig dankbar sein", heißt es in der Biografie.

Dem mallorquinischen Dritten Orden saß Salvà ab demselben Jahr als Vikar vor. In dieser Zeit widmete er sich auch der Literatur und verfasste Geschichtsbücher in lateinischer Sprache. „Er war der Bruder der Dichterin Maria Antònia Salvà", sagt der Historiker Carlos Garrido, „und interessierte sich besonders für Ramon Llull." Zu Ehren des mittelalterlichen mallorquinischen Denkers gründete Salvà 1936 die Maioricensis Schola Lullistica, die sich bis heute mit dessen Werk beschäftigt.


Wo heute die Schinkenstraße ist

Doch zurück zur deutschen Urlauberhochburg. 1914 brachte Salvà seinen Orden dazu, ein 235.000 Quadratmeter großes Grundstück auf dem Landgut Son Sunyer zu erwerben. Dieses umfasste damals auch die heutige Schinkenstraße. „Das Gebiet war von einem dichten Wald bewachsen. Wer sich nicht auskannte, verlor sich schnell darin", schreiben die Franziskaner über die Geschichte von La Porciúncula.

Am 18. Mai 1914 bezogen die Franziskaner zunächst eine alte Jagdhütte auf dem Gelände, ein Jahr später kam eine kleine Kapelle hinzu. Seit 1923 befindet sich hier das Franziskanerseminar zur Priesterausbildung, seit den 60er-Jahren auch eine Schule. 1968 kam die von dem Architekten Josep Ferragut Pou gebaute Kirche Nostra Senyora dels Àngels hinzu, deren weites, von 39 Kirchenfenstern durchleuchtetes Rund eine der Sehenswürdigkeiten der Playa ist. In einem der Gebäude auf dem Gelände kam 2016 auch die deutsche Schule Eurocampus unter.

Bartomeu Salvà starb am 4. Dezember 1956 im Alter von 89 Jahren. Er wurde auf dem städtischen Friedhof in Palma begraben. Drei Jahre später benannte das Rathaus die Straße nach ihm. Dass hier 60 Jahre später ein Zentrum des deutschen Partytourismus ist, war noch nicht abzusehen. Die heutigen Ausschweifungen und die informelle Aberkennung seines Straßennamens hätte Bartomeu Salvà sicher nicht gutgeheißen. Das Biertrinken an sich hätte ihn wohl weniger gestört, glauben die Franziskaner. Schließlich habe man früher selbst Bier gebraut.

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