26. August 2019
26.08.2019

Kindheitserinnerungen an das ländliche Mallorca vor 50 Jahren

Irene de la Torre Perelló möchte an das frühere Landleben auf der Insel erinnern und hat die Erzählungen ihrer Mutter zusammen mit alten Fotos in einer Broschüre veröffentlicht

26.08.2019 | 01:00
Die Arbeiter auf dem Hof in Consell präsentieren die Feigen nach der Ernte.

Heute ist der Tourismus auf Mallorca allgegenwärtig. Doch noch vor rund 50 Jahren bestimmte die Landwirtschaft das Leben vieler Menschen auf der Insel. Die Mallorquinerin Irene de la Torre Perelló möchte an dieses ganz andere Leben erinnern. Die studierte Übersetzerin hat ihrer Mutter Antonia Perelló Bergas alte Familienfotos gezeigt und sie erzählen lassen. Diese Erinnerungen hat die 31-Jährige nun im Eigenverlag veröffentlicht. Unter dem Titel „Die ländliche Insel" ist die Broschüre auch auf Deutsch erschienen. „Es gibt natürlich noch Leute, die auf dem Land leben, aber es werden weniger. Diese Erinnerungen sind wie ein Zeugnis. Und etwas sehr Persönliches", sagt Irene.

Antonia Perelló kam 1962 in einem Krankenhaus in Palma zur Welt und wuchs in Consell auf. Ihre Eltern hatten dort einen Hof mit einem großen Grundstück, auf dem sie Oliven, Mandeln, Johannisbrot, Artischocken und vieles andere anbauten. Sobald Antonia zur Schule ging, lebte sie in der Woche bei ihren Großeltern in Maria de la Salut und nur am Wochenende und in den Ferien bei ihren Eltern. „Sie hatten kein Auto, und ihre Großeltern lebten näher an der Schule", erklärt Irene.

In den Ferien stand Antonia, ein Einzelkind, um 8 Uhr auf. Das Erste, was sie an einem Sommermorgen in den Ferien hörte, war das Blöken der Schafe. Zum Frühstück gab es nur Cola Cao mit Galletas María, also einen Kakao und Kekse. Ihre Großmutter schickte sie dann mit dem Fahrrad ins Dorf, um einzukaufen. Um 11 oder 12 Uhr kam Antonia zurück. Zur Abkühlung ging sie bei einer Freundin in einem Wassertank, einem safareig, baden. „Er war für die Bewässerung da, nicht um darin zu schwimmen, aber die Dorfkinder benutzten ihn auch dazu", heißt es in der Broschüre. Der Schwimmreifen war ein Autoreifen.

An den Strand ging es nie. Schließlich musste im Sommer gearbeitet werden, und die Eltern konnten den Hof nicht verlassen. Nach dem Mittagessen war noch Zeit für eine Siesta. „Bis die größte Hitze vorbei war, gingen wir nicht aus dem Haus", erzählt Antonia. Gegen 6 Uhr abends gab es dann eine merienda, das heißt eine kleine Brotzeit mit Sobrassada, Obst und manchmal auch einem Stück Kuchen. Danach spielte das Kind draußen. „Ich hatte einen Ball, einen kleinen Gummiball, ein Springseil, ein Seil, ich hüpfte mit dem Springseil. Sonst gab es keine Spielzeuge, das war alles", erinnert sich Antonia.

Sobald es dunkel wurde, setzte sich die dreiköpfige Familie vor das Haus, um die Kühle zu genießen und sich zu unterhalten. Tomar la fresca nennt man das noch heute auf Mallorca. Manchmal waren auch die Großeltern dabei, oder die Nachbarn stießen dazu. Antonia beschreibt das Zusammenleben als „offen" und „familiär". „Man lebte in Gemeinschaft", heißt es in der Broschüre.

Dennoch gab es zwei soziale Schichten. Auf einem Foto könne man das an dem Kleidungsstil erkennen. Da seien die beiden Damen in eleganteren Kleidern, die sich „schon auf eine andere Art und Weise kleiden, und die Arbeiterklasse, die Bauern, die dunkel kleiden." Die Kinder hätten indes nicht so im Mittelpunkt gestanden wie heute. „Das Mädchen wurde in einer Ecke stehen gelassen. Der Fotograf bat es nicht, sich zu den anderen zu stellen. Er kam gar nicht auf die Idee, das zu sagen."

Antonia zog nach der Hochzeit mit ihrem Mann nach Palma. Irene ist also in der Stadt aufgewachsen. Doch als sie klein war, hat sie viele Wochenenden im Sommer mit ihrer Familie in dem alten Landhaus in Consell verbracht. „Es ist ein Haus der Ruhe und Entspannung. Wir haben viel geschlafen, und meine Mutter hat gekocht", erzählt die Übersetzerin, die schon etliche Jahre im Ausland verbracht. Seit rund 20 Jahren aber verliefe eine Landstraße am Haus vorbei. Damit sei ein Teil der Idylle verloren gegangen.

Aber natürlich war früher nicht alles nur einfacher und besser, das weiß auch Irene. „Meine Großmutter erzählte mir, dass ihre Eltern sie mit 13 vor die Entscheidung stellten, ob sie zur Schule gehen wolle oder lieber auf dem Hof arbeite. Sie hatte sich für die Arbeit auf dem Hof entschieden. Sie war sehr jung. Später hat sie die Entscheidung bereut."

Die Broschüre ist u. a. bei Akzent und Literanta in Palma erhältlich (6 Euro). irenedelatorre.com.

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