17. November 2019
17.11.2019

Die Einsamkeit der Mallorca-Residenten in der Dorfkneipe

Früher oder später landen alle am Tresen der Dorfbar: Auszug aus dem neuen Buch „Wenn ich an Mallorca denke ...

17.11.2019 | 01:00
In der Bar Ca's Puput in Mancor de la Vall.

In Mancor de la Vall, einem kleinen typisch mallorquinischen Dorf am Fuß des Tramuntana-Gebirges, leben knapp tausend Einwohner, die sich selbst traditionell mancori oder mancora nennen. Etwa 30 Ausländer haben diesen malerischen Ort für sich entdeckt und sich dort häuslich niedergelassen. Viele Engländer, aber auch viele Deutsche. Und alle haben eine Vergangenheit und damit auch eine Geschichte zu erzählen.

Stolz auf die Hitler-Jugend

So quälte mich Henry, der Engländer, neulich mal wieder mit seiner ruhmreichen Vergangenheit. Wir trafen uns zufällig am Tresen der Bar Ca's Puput. Mit jedem Glas Rotwein wurde sein Ausflug in frühere Zeiten spannender. Henry war angeblich einer der ganz wenigen Briten, der schon als junger Pimpf die braune Uniform der Hitlerjugend getragen hat. Und heute sei er der letzte noch lebende Engländer, der in Hitlers Jugendorganisation für das Tausendjährige Reich seine Freizeit geopfert habe.

Fast 60 Jahre später ist er noch immer stolz darauf und erzählt seine Geschichte jedem, der ihm geduldig zuhört. Auch möchte er seine ganze Lebensgeschichte einmal in einer Zeitung abgedruckt sehen. Dabei kann ich ihn eigentlich nicht als einen alten unverbesserlichen Nazi einordnen. Henry ist eben alt und lebt in der Vergangenheit. Die Gegenwart ertränkt er im Rotwein, was dazu führt, dass man Dichtung und Wahrheit nicht mehr auseinanderhalten kann.

Esoterik und Tanz

Jutta von Brink ist Belgierin. Sie ist mit ihren 71 Jahren immer noch eine ansehnliche Persönlichkeit. Als sie noch jung und hübsch war, tanzte sie im Pariser Lido und in Moskau. Jetzt hat sie ein Hüftleiden und kein Geld für eine Operation. Sie hat ein kleines Dorfhäuschen gemietet und lebt dort mehr schlecht als recht. Ihre Ansprechpartner sind zwei Katzen und ein kurzbeiniger Hund. Um der Einsamkeit zu entfliehen, lädt sie gelegentlich zu Kaffee und Kuchen ein. Dann erzählt sie aus ihrem Leben als erfolgreiche Tänzerin und dass die Männer ihr zu Füßen gelegen haben. Sie erzählt auch voller Stolz, dass sie jetzt ein Buch schreibe. Das handelt aber nicht vom Tanzen, sondern ist Esoterik in all den diffusen Spielarten. Ich habe davon nichts verstanden und zum Aufbruch gedrängt.

Blumenumranktes Häuschen

Olga ist ein zierliches, fast zerbrechliches Persönchen. Olga war in ihrer Jugend auch Tänzerin und schwärmt von längst vergangenen Zeiten. Sie lebt mit ihrem 85-jährigen Mann ziemlich alternativ in einem blumenumrankten Häuschen. Ihr Mann Albert, der früher als Diamantenhändler weltweit unterwegs war, hat sich der Malerei verschrieben. Seine Bilder sind naturgetreu, nicht schlecht, und gelegentlich kann er auch eines seiner Werke in klingende Münze verwandeln.

Albert fährt noch immer Auto, weiß aber oft nicht mehr, wo er sein Vehikel abgestellt hat. Dann ruft er Freunde aus dem Dorf um Hilfe, die dann sein Auto in der Stadt suchen. Es ist ein liebenswertes Paar. Doch was wird aus Olga, wenn Albert nicht mehr sein sollte? Oder umgekehrt.

Aus Deutschland geflohen

Vor einiger Zeit ist ein weiterer Deutscher ins Dorf gezogen. Nennen wir ihn Heinz. Was ihn in unser abgelegenes Dorf verschlagen hat, weiß keiner genau. Auch nicht, wovon er lebt. Gelegenheitsarbeit außerhalb des Ortes wird vermutet. Man munkelt auch, er habe Deutschland Hals über Kopf verlassen müssen, weil er irgendwie in krumme Geschäfte verwickelt gewesen sei. Obwohl er jeden Abend am Tresen steht, findet er keinen Kontakt zu den Dorfbewohnern. Ein Außenseiter, der sich selbst im Weg steht und am liebsten die Flucht nach Deutschland antreten würde, wenn er denn könnte.

Hausarrest für den Casanova

Doris hatte sich in John verliebt. Doch der hatte noch eine andere Freundin, die er Doris vier Jahre lang verschwieg. Und verheiratet war er auch noch. John, ein smarter Engländer, war in seiner Jugend mal Schauspieler, und tatsächlich sieht er auf einem alten Foto dem seinerzeitigen Mantel- und Degen-Held Errol Flynn ein bisschen ähnlich. Da er als Schauspieler offenbar mehr Schwächen als Stärken hatte, zog es ihn nach Saudi-Arabien. Dort half er beim Bohren nach Öl. Und verdient mehr Geld als vor der Kamera. Vor zwanzig Jahren verschlug es ihn auf die Insel. Im Dorf ist er als der englische womanizer bekannt. Als Doris dem geliebten Casanova auf die Schliche kam, packte sie ihre sieben Sachen und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Johns alte Freundin zog darauf kurzerhand bei ihm ein und bestrafte ihn für seinen Seitensprung mit Hausarrest. denn von da an wurde der smarte Engländer nur noch ganz selten in der Dorfkneipe gesehen.

Traum von der Vergangenheit

So hat jeder Ausländer im Dorf seine eigene Geschichte. Und obwohl viele von ihnen schon seit zwanzig Jahren im Dorf leben, sind sie keine Mallorquiner, keine mancoris oder mancoras geworden. Sie träumen von ihrer mehr oder weniger erfolg- und erlebnisreichen Vergangenheit, werden älter und älter, einsamer und einsamer und sind mit ihrem Langzeitgedächtnis wieder in ihrer Jugendzeit angekommen.

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