04. Dezember 2019
04.12.2019

Zu Besuch in einem der schönsten Gärten auf Mallorca

Erst nach dem Kauf einer Quelle kam die Gestaltung der Gärten von Raixa richtig in Schwung. Ein Rundgang mit der Kunsthistorikerin und Autorin Júlia Ramon

04.12.2019 | 01:00
Streng und statisch gestaltet: die berühmte Treppe.

Der spätere Kardinal Despuig war gerade einmal 28 Jahre alt, als er seinem Bruder sagte, dass er sich eines Tages auf Raixa zurückziehen wolle. „Damals entschied sich, dass aus dem Landgut etwas Besonderes wird", betont Júlia Ramon auf dem Weg durch den Zitrusgarten des Anwesens.

Die promovierte Kunsthistorikerin ist die Autorin des kürzlich vom Inselrat veröffentlichten Buchs „Els jardins de Raixa". Sie lehrt an der UIB und war maßgeblich an der im Jahre 2014 abgeschlossenen Neugestaltung der Gärten beteiligt. Raixa sei nicht die schönste, nicht die älteste und nicht die größte possessió auf der Insel, sagt sie. Was sie so besonders macht, sei etwas anderes: Noch zu Lebzeiten von Kardinal Antoni Despuig i Dameto (1745–1813) habe man damit begonnen, die bis dato rustikale Finca in einen italienischen Palazzo mit künstlerischen Gärten zu verwandeln.

Der Kardinal

Für die Arbeit an ihrem Buch hat sich die Kunsthistorikerin intensiv mit dem Kardinal beschäftigt, der während seiner geistlichen, diplomatischen und politischen Karriere ­immer wieder Raixa aufgesucht hat. Er reiste viel, weshalb im Laufe der Zeit eine große Sammlung an Antiquitäten, Skulpturen, ­Numismatik und archäologische Raritäten ­zusammengekommen war. Für diese Kollek­tion sollte das Landgut ausgebaut und der ­Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Üblicherweise wurden in Landgütern dieser Zeit ein Salon nebst Bibliothek eingerichtet. Er ließ für seine Sammlung einen ganzen Flügel des Haupthauses reservieren und passende ­Gärten anlegen. Im Sinne der Aufklärung ­wollte der Kardinal mit Kunst und Naturwissenschaften die Lebensbedingungen von ­Mallorcas Landbevölkerung verbessern.

Despuig dokumentierte etwa den Anbau italienischer Olivenbäume und fragte sich, ­warum es den Italienern gelang, Öl an die ­Briten zu verkaufen, während auf Raixa die Einkünfte aus dem Olivenöl überschaubar ­waren und man mehr damit verdiente, Orangen nach ­Sóller zu verkaufen. Wobei der ­materielle Gewinn eher eine Nebenrolle spielte: Vor allem sollte das Gut die Bewohner und ­Besucher geistig bereichern und ihnen lustvolle Freizeitvergnügen bescheren. Für Ge­bäude und Gärten engagierte der geistliche ­Würdenträger in Rom ausgebildete Architekten. Ein irischer Pastor bekam den Auftrag, ­einen botanischen Garten anzulegen. Allerdings fehlte es an ­Wasser, womit der Plan, wie auch viele andere Ideen Despuigs, nicht umgesetzt werden konnte.

Der Safareig

Hinter dem Haupthaus befinden sich eine Befestigungsmauer aus Natursteinen und eine neuere, die nachträglich angebaut wurde. Im Buch abgebildete Zeichnungen zeigen die Skizzen eines französischen Ingenieurs, der Anfang des 18. Jahrhunderts einen überdeckten aljub (Wasserspeicher) entwarf. Zu dieser Zeit war Despuig noch ein Kind und gemeinsam mit seinem Vater in Raixa unterwegs. Doch richtig in Schwung kam die Wasserversorgung erst, als er Anfang des 19. Jahrhunderts als betagter Kardinal über die Mittel ­verfügte, die Wasserrechte der Quelle Font des Polls der benachbarten Possessió Pastoritx zu erwerben. Neben dem Bau des heutigen safareig (Wasserbeckens) finanzierte er die drei ­Kilometer langen Wasserkanäle inklusive dem Aquädukt auf dem Nachbargrundstück.

„Hier sieht man die Mauern des aljub", sagt die Buchautorin und zeigt jetzt auf längs und quer verlaufende Mauern unter dem Wasser. Die Oberfläche des safareig misst 1.400 Quadratmeter, er ist zehn Meter tief und zählt zu den größten der Insel. Damals entsprach das riesige Wasserreservoir der Sehnsucht nach romantischen Seen. Auch heute hat der Blick von hier bis ans Meer seinen Zauber nicht eingebüßt. Von dort sind es nur ein paar Schritte bis zum Garten des Haupthauses.

Der Loggia-Garten

Bei der vor einigen Jahren erfolgten Neugestaltung des Loggia-Gartens trugen Archäologen verschiedene Schichten ab, bevor die locker mit Steinen belegten Wege das Ornament für den Grundriss vorgaben. Eine im Buch ab­gebildete Fotografie von 1890 diente dann als Vorlage für die heute zu sehenden ornamentalen Beete. Die verschiedenen Grüntöne ­liefern Gamander- und Mastixhecken. Noch zeigen hier Rosen die letzten Blüten. Im Sommer wird der Agapanthus Rispen in Blau ­bilden. Hoch wachsen verschiedene Palmen­arten, Norfolk-Tanne, Lagerströmie, Mispel und Magnolien. Die Sichtachse führt geradewegs von der Treppe der Loggia am Haupthaus auf einen Springbrunnen als Mittelpunkt zu.

Der Apollo-Garten

Auf der Rückseite des Haupthauses sind die berühmten 63 Stufen zu bewundern, die, von Musenfiguren und von Löwen flankiert, zur Apollo-Statue führen. Die Gestaltung ist streng und statisch: Sechs gleich hohe und breite mit Efeu bewachsene Terrassen trennt in ihrer Mitte die Treppe. Vorbilder für sie, wie auch für die Wasserspeier, fand die Kunsthistorikerin im toskanischen Bagni de Lucca, wie in ihrem Buch zu lesen und zu sehen ist.

Ursprünglich war die Treppe nur ein Teil der Planung des italienischen Architekten Giovanni Lazzarini, wie der Entwurf zeigt. Nach der Beendigung der Arbeiten an der Treppe und dem Tod des Kardinals wurde der Rest seiner Pläne nur fragmentarisch realisiert. Dass die Treppe noch zu Lebzeiten Despuigs errichtet worden ist, belegen Dokumente, die Anfang des 19. Jahrhunderts von der Anwesenheit der marjadors, Mauerbauern, aus Sóller berichten. Die Skulpturen aus Sandstein stammen von mallorquinischen Bildhauern, sie kamen erst Jahre später dazu.

Das Wasser, das aus den Speiern tröpfelt, stammt direkt aus der Quelle des Nachbarguts Pastoritx. Es wird oberhalb des safareig entlang des Berghangs bis zur Apollo-Statue geführt. Dort teilt es sich in zwei canaletes und fließt nun sicht- und unsichtbar beidseitig nach unten. So sollte es wohl mit seinem leisen Plätschern diejenigen erfreuen, die auf der Treppe lustwandelten. Doch zum Plaisir allein war es nicht gedacht. Die Tropfen aus den Mündern werden damals wie heute gesammelt und für die Bewässerung genutzt.

Information: 
Raixa ist geöffnet Di. bis Sa. von 10 bis 15 Uhr. ­Eintritt frei. Das auf Katalanisch erschienene Buch 
„Els jardins de Raixa" (104 S. mit Fotos und Zeichnungen) ist kostenlos an der Rezeption erhältlich.
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