18. Januar 2020
18.01.2020

Hier drücken die Schuhe ganz bestimmt nicht

In der Traditionsschusterei Es Sabater fertigt Jaume Capó nach Maß orthopädische Schuhe an. Auf den Balearen ist er der Letzte, der dieses
Handwerk beherrscht

18.01.2020 | 01:00
Von der Reparatur des Sneakers bis zum maßgefertigten orthopädischen Schuh: Mit über 70 Jahre alten Maschinen und flinken Fingern erfüllt Jaume Capó fast jeden Kundenwunsch.

Kunden wie ein erst Mitte dreißig Jahre alter Rumäne, der vergangene Woche Jaume Capós Schusterladen Es Sabater in Palma de Mallorca aufsuchte, kommen mittlerweile selten. „Der Mann leidet an den Folgen von Kinderlähmung und ­benötigt daher maßgeschneiderte, seinen deformierten Beinen angepasste Schuhe", sagt ­Jaume Capó. Der Mann erzählte ihm, dass ­seine Geschwister damals alle gegen polio geimpft worden seine, er selbst jedoch geboren wurde, als die Eltern gerade familiäre ­Probleme hatten.

Bis vor einigen Jahren noch machten an der Infektionskrankheit leidende ältere ­Menschen den Großteil der Kunden des 1908 gegründeten Traditionsgeschäftes in einer Querstraße der Fußgängerzone Blanquerna aus. Capó leitet es mittlerweile in vierter Genera­tion. Vor zwei Jahren übernahm er es von seinem Vater Cristòfol Capó, der in Rente ging. Mit zwei weiteren Mitarbeitern stellt der 34-Jährige heute in Handarbeit auch maßgefertigte Schuhe für Menschen mit diabetischen, Platt- oder Spitzfüßen sowie solche mit Plateau her. „Wir sind balearenweit die Einzigen", sagt Capó. Nur selten würden Passanten das Geschäft betreten, da sie es im Vorbei­laufen gesehen haben. Capós Kunden kämen vielmehr gezielt zu Es Sabater – viele schon seit Jahrzehnten.

Boom des Freizeitschuhs

Neben der Herstellung von orthopädischen Schuhen und privat bezahlten Auftragsarbeiten besteht ein großer Teil von Capós Arbeit mittlerweile auch darin, Absätze, Reiß­verschlüsse oder abgelaufene Sohlen ge­wöhnlicher Schuhe auszutauschen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das von den ­Kunden an ihn herangetragene Schuhwerk stark verändert. „Statt klassische Qualitätsschuhe, bringen sie heutzutage eher preisgünstigere, modernere Schuhe", so Capó. ­Früher hätten sein Vater und er pro Monat bis zu zwanzig ­Paar maßgefertigte Qualitäts­schuhe für ab 450 Euro in Handarbeit her­gestellt. Heute ­seien es im Schnitt sieben pro Monat. „Ich musste mich vor ein paar Jahren neu erfinden, denn plötzlich boomte die ­Reparatur von Wander-, Kletter- und Lauf­schuhen", sagt ­Jaume Capó, der eigentlich gar kein Schuster werden wollte.

„Als mein Vater mir kurz vor seinem Eintritt in die Rente nahelegte, sein Nachfolger zu werden, war ich zunächst ziemlich verärgert. Mein Plan war, im Gartenbau zu arbeiten. Ich hatte einen Bachelor in dem Bereich absolviert und während einiger Praktika Gefallen an der Tätigkeit gefunden", erzählt Capó. Was sich sein Vater und dessen Vorfahren ihr ganzes Leben lang hart erkämpft hatten, wollte der 34-Jährige jedoch nicht einfach so aufgeben. „Mein älterer Bruder ist Lehrer, meine Schwester hat noch nie einen Fuß in den Laden gesetzt, mir blieb keine Wahl", so Capó, der, als die Übernahme anstand, ein Fernstudium in Orthopädie begann.

Vom Erstgespräch zum fertigen Schuh

„Das Gelernte hilft mir sehr, wenn ich etwa mit Spezialisten Rücksprache zu Details dazu halte, wie der Schuh für einen Kunden aus­sehen muss", so Capó. Meistens kämen sie entweder mit einer Einlage oder einem Rezept vom Spezialisten in sein Geschäft. Er misst ihre Füße dann aus und macht Fotos. Anschließend zeigt er den Kunden in einem Katalog mögliche Modelle. „Die Frauen stellen oft besonders hohe Ansprüche, sie legen wert darauf, schick zu sein", sagt Capó. Dafür, dass die Schuhe, trotz besonderer Plateaus oder Vorrichtungen, möglichst unauffällig wirken, sorgen auch die stets dunklen Farben wie Dunkelblau, Schwarz oder Braun. „Für einen sommerlichen Schuh verwende ich auch mal Beige", sagt Capó. Als Materialien arbeitet er wegen der ­hohen Atmungsaktivität häufig mit dem Stoff „Sympatex" und hochwertigem Kalb- und Büffelleder. Jeder Schuh soll möglichst ­wenig wiegen, Reibung, etwa mit Nähten, gilt es, durch eine geschickte Verarbeitung stets zu vermeiden. Etwa einen Monat lang braucht Capó für das Anfertigen eines Paars.

Mittlerweile hat er sich mit seinem Berufsalltag angefreundet. „Ich mag das präzise ­Arbeiten und dass das Endprodukt Menschen hilft", sagt er. Ob Es Sabater irgendwann in fünfter Generation weiterbetrieben wird? „Keine Ahnung. Meine Tochter ist erst vier Jahre alt. Noch hält sich ihr Interesse für Schuhe in Grenzen", so der junge Schuster.

Es Sabater: C/. Ticià, 34 C, Palma de Mallorca; Öffnungszeiten, montags bis freitags 9–13.30 und 15–18 Uhr; Tel.: 971-20 41 36, www.essabater.es, Facebook: Es Sabater

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