06. März 2020
06.03.2020

Neue Erkenntnisse über das Leben auf Mallorca vor 3.000 Jahren

Eine Archäologie-Tour zwischen Sencelles und Costitx gewährt faszinierende Einblicke in das frühere Leben der Inselbewohner

06.03.2020 | 01:00
Nicht ganz nach heutigen Kriterien restauriert, aber visuell reizvoll: die aufeinandergestapelten Steinzylinder des Heiligtums Son Corró.

Zwischen der Grabhöhle Camp del Bisbe und dem Heiligtum Son Corró liegen gerade mal 2,5 Kilometer – dafür aber immerhin 1.000 Jahre zeitlicher Unterschied: An kaum einem Ort Mallorcas kann man so viel Geschichte auf so kleinem Raum erleben wie auf der „Ruta arqueològica Sencelles-Costitx".

Die insgesamt sechs Ausgrabungsstätten auf den Gebieten der beiden Gemeinden sind gut ausgeschildert und jeweils mit Info-Tafeln versehen, die die wichtigsten Details auf Spanisch, Katalanisch und Englisch erklären. Man kann vier der sechs Stationen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Auto selbst erkunden. Doch ein geführter Besuch mit Archäologe Marc Ferré ist dann doch noch einmal etwas ganz anderes, wie wir im Selbstversuch feststellen.

Der aus Barcelona stammende Archäologe lebt seit 15 Jahren auf Mallorca und bringt derzeit im Auftrag der beiden Gemeinden Sencelles und Costitx die prähistorische Vergangenheit der Gegend sowohl Schulklassen als auch anderen interessierten Besuchergruppen näher. „Die Kinder finden das natürlich spannend, allein schon die Höhle an sich fasziniert sie", so der 47-Jährige beim kurzen Abstieg über vier in den Stein gehauene Stufen in die Cova del Camp del Bisbe. Die steinerne Grotte ist die erste Ausgrabungsstätte auf dem vorgeschlagenen Rundweg und liegt unmittelbar unter der Erdoberfläche.

Auf den ersten Blick ist sie nicht besonders beeindruckend. Doch bei der ersten professionellen Ausgrabung 2013 machten Wissenschaftler erstaunliche Entdeckungen. Dass die natürliche Höhle vor über dreitausend Jahren als prähistorische Grabstätte diente, hatten die Archäologen schon vermutet. Sie fanden die menschlichen Überreste von mindestens 50 unterschiedlichen Personen. Die Toten wurden vermutlich in der Höhle aufgebahrt, aber nicht begraben: „Wenn der Platz nicht mehr reichte, wurden die älteren Knochen einfach weiter nach hinten geschoben", so der Archäologe.

Allerdings statteten die Menschen in der Zeit der sogenannten naviformes, die von 1600 bis 1050 v. Chr. dauerte, ihre Toten mit Grabbeigaben aus: Die Forscher fanden eine große Anzahl dreieckiger Knöpfe, die aus Schweineknochen angefertigt waren – und rund 40 Knöpfe aus Elfenbein. „Eine genaue Untersuchung hat ergeben, dass sie von afrikanischen Elefanten stammten und vermutlich in Ägypten hergestellt wurden", erläutert Ferré.

Neben dem Beweis, dass schon vor über 3.000 Jahren Handel mit Afrika betrieben wurde, lassen die Knochenfunde in der feucht-kühlen Höhle auch auf die Gesellschaftsform der frühen Mallorca-Bewohner schließen: Die Toten wurden unabhängig von Alter oder Geschlecht am gleichen Ort bestattet, was auf eine egalitäre Gesellschaft hindeutet.

Eine weitere Überraschung fand sich in einer Vertiefung unter dem steinernen Boden der Höhle, die mittlerweile wieder zugeschüttet wurde und heute nicht mehr sichtbar ist. Dort entdeckten die Wissenschaftler zwei große Tongefäße, die rund 25 Kilo verbranntes Getreide enthielten. Der erstaunliche Fund bewies einerseits, dass die frühen Einwohner so erfolgreich Landwirtschaft betrieben, dass sie Vorräte an Korn anlegen konnten.

Warum genau die wertvollen Lebensmittel verbrannten, ist hingegen nicht klar. Der Experte hat zwei verschiedene Erklärungen zur Hand: „Vielleicht diente die Höhle vorher als Kornlager, und die Vorräte fielen unbeabsichtigt einem Feuer zum Opfer. Oder aber das Korn wurde bewusst verbrannt, um den Ort zu reinigen, bevor er zur Grabstätte umfunktioniert wurde."

Spekulationen dieser Art sind das täglich Brot der Archäologie. Gerade wenn es sich um prähistorische Fundstätten handelt, gleicht die Arbeit der Altertumsforscher einer Mischung aus Spurenleser und Detektiv. Deutlich wird das an der zweiten Fundstätte der Route, dem Talaiot de Son Fred. Dass es sich bei dem imposanten Rundbau mit zwölf Metern Durchmesser um ein öffentliches Gebäude handelte, wurde im Ausschlussverfahren festgestellt. „Wir haben auf Mallorca bisher nur rund ein Dutzend der über 400 bekannten Talaiots freigelegt. Bei den Ausgrabungen kann man dann je nach den Objekten, die man findet, bestimmen, ob es sich um ein Wohngebäude handelte oder nicht. In Son Fred wurden einzigartige tönerne Trinkgefäße entdeckt, die so an keinem anderen Ort gefunden wurden. Das lässt uns annehmen, dass sie zeremoniellen Zweck gedient haben und bei sozialen Zusammenkünften zum Einsatz kamen."

Die als Talaiots bekannten Rundbauten, deren Höhe es erlaubte, das umliegende Terrain zu überwachen, hatten Ferré zufolge vor allem symbolische Funktion. Die in der Zyklopentechnik aus riesigen Steinblöcken errichteten Türme hätten wohl eher als verbindendes Element der damaligen Gesellschaft gedient, Funktionalität stand nicht im Mittelpunkt. Das wird spätestens dann deutlich, wenn man sich durch den geknickten Eingangstunnel ins Innere des öffentlich zugänglichen Talaiots begibt: In der Mitte erhebt sich eine Steinsäule, die den Blick auf die andere Seite des relativ schmalen kreisförmigen Gebäudeinneren verstellt.

Beeindruckend ist der Bau, der sich 1,8 Kilometer von der Grabhöhle befindet, allemal. Auf der Schautafel vor den gut erhaltenen steinernen Überresten zeigt eine Zeichnung, wie die Menschen die riesigen Steinblöcke in der von 900 und 550 v. Chr dauernden Talaiot-Epoche zu runden Türmen verbauten: Die schweren Brocken wurden wohl mithilfe von Ochsen über eigens dafür aufgeschüttete Anhöhen hinaufgezerrt. Als gesichert gilt, dass die Talaiots überdacht waren: Auf hölzernen Balken, die von der Außenmauer bis zur Mittelsäule reichten, wurde aus Ton, Zweigen und Stein ein Dach gefertigt.

Ob das rund 500 Jahre jüngere Heiligtum Son Corró ebenfalls über ein Dach verfügte oder nicht, darüber streiten sich die Experten. „Ich denke eher nicht, dass es überdacht war", sagt Ferré. Die dritte Sehenswürdigkeit der Route befindet sich bereits auf dem Gemeindegebiet von Costitx. Son Corró gilt als Heiligtum, da der Bau isoliert stand und nicht in unmittelbarer Nähe von Wohnhäusern, wie es wohl bei Son Fred der Fall war.

Die Seitenwände des Gebäudes sind nicht mehr vorhanden, sondern werden durch eiserne Schienen auf dem Boden angedeutet. In deren Mitte stehen zwei Reihen mit je drei Säulen. Dass der letzte Ausgrabungsleiter je zwei der großen, davor auf dem Boden liegenden Steinzylinder Mitte der 90er-Jahre aufeinandersetzen und mit einem Metallstift verbinden ließ, ist mittlerweile umstritten. Doch gut aussehen tut es allemal.

In Son Corró wurden 1895 die berühmten bronzenen Stierköpfe von Costitx aus der posttalaiotischen Zeit entdeckt, die von 550 bis 123 v. Chr. dauerte. Dass die Stierköpfe, die damals von der spanischen Regierung erworben wurden und nun im Archäologischen Museum in Madrid zu sehen sind, irgendwann nach Mallorca zurückkehren, hält Ferré für unwahrscheinlich. „Abgesehen davon, dass Madrid sie rechtmäßig gekauft hat, hätte die Gemeinde Costitx überhaupt nicht die Mittel, sie entsprechend auszustellen oder aufzubewahren", sagt er. Schließlich reiche das Budget der Rathäuser von Costitx und Sencelles gerade mal dafür, eine Ausgrabungskampagne pro Jahr mit einem kleinen Team durchzuführen.

In der Cova del Camp del Bisbe warten noch zwei durch ein Metallgitter gesicherte unerforschte Seitenhöhlen auf weitere Ausgrabungen. Derzeit lege man immer mal wieder kleinere Areale der Naviformes-Siedlung Es Turassot nahe der Sternwarte von Costitx frei, dem vierten möglichen Stopp auf dem Rundgang. Die Stationen 5 und 6 können nur nach vorheriger Anfrage beim Rathaus von Sencelles besichtigt werden.

„Wir haben keine Mäzene, und die Gemeinden sind zwar wirklich an einer Förderung der Ausgrabungen interessiert, haben aber nicht viel Geld dafür übrig", sagt Ferré. Doch immerhin habe sich die Zahl der Besucher in den fünf Jahren, in denen es die Route schon gibt, stetig gesteigert. Wenn es nach Ferré geht, soll die Tour nicht nur über die frühe Geschichte der Gegend aufklären, sondern auch andere Wissenschaftler zu neuen Forschungsprojekten anregen. Bis es so weit ist, führt er weiter Schulklassen und andere Besucher (auch auf Englisch) auf wenigen Kilometern durch tausend Jahre Inselgeschichte.

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