12. April 2020
12.04.2020
Mallorca Zeitung

Endlich Zeit für die Lektüre des Erzherzogs Ludwig Salvator

Gehört haben wir alle von ihm, in seinen Büchern gelesen nur die wenigsten. Jetzt ist Gelegenheit, das gewaltige Werk von Ludwig Salvator im Internet zu erkunden

12.04.2020 | 01:00
Eine Art Mallorca-Ikone: Erzherzog-Figur in der großen Ausstellung zum 100. Todesjahr 2015 im Casal Solleric in Palma.

Gerade in der heutigen Zeit sind die Erkenntnisse von Erzherzog Ludwig Salvator (1847–1915) aktueller denn je. „Liest man seine Bücher, lernt man viel übers ganzheitliche Denken. Ludwig Salvator beschreibt nicht nur eine Küste oder eine Insel. Er beschreibt die Menschen, wie sie dort mit all ihrer Kultur leben. Alles ist aus seiner Sicht ineinander verwoben und ist Teil einer umfassenden göttlichen Ordnung. Schauen Sie doch nur, wie derzeit ein kleines Virus die gesamte Welt lahmlegt. Die Frage ist nur, was die Menschheit daraus lernt", sagt der Wiener Rechtsanwalt und Erzherzog-Spezialist Wolfgang Löhnert.

Seit rund 20 Jahren beschäftigt sich Löhnert mit den Werken des großen Mittelmeerforschers, der dank seiner Liebe zur Insel auch zu einer Art Mallorca-Ikone wurde. Der Anwalt stellt auf der Website ludwigsalvator.com das gesamte Werk des Erzherzogs kostenfrei zur Verfügung: 8.000–9.000 Seiten sind dort zu entdecken, von Löhnert und seinem Team über die Jahre eingescannt. Derzeit blättert und liest man online darin, ein Relaunch, um die Bücher komplett herunterzuladen und mit ihnen auf dem Tablet oder dem Smartphone durch die beschriebenen Gegenden ziehen zu können, ist in Vorbereitung.

Um von derart viel Material nicht regelrecht erschlagen zu werden, haben wir Löhnert um ein paar nach Interessengebieten gegliederte Lesetipps gebeten.

Mallorca

Im Sommer 1867 landete der noch sehr junge Ludwig Salvator von Ibiza kommend zum ersten Mal auf Mallorca. Er begann mit einer umfangreichen Erforschung der Insel und der Nachbarinseln. Zwei Jahre später erschien sein „Beitrag zur Kenntnis der Coleopteren-Fauna der Balearen", in dem er die hiesige Käferfauna detailliert beschrieb.

Zwischen 1870 und 1891 erschien dann das neun Bücher umfassende Monumentalwerk „Die Balearen. In Wort und Bild geschildert". „Von den Originalbänden gab es nur jeweils 100 Exemplare, und diese waren in der Produktion sehr teuer. Die Volksausgabe ist verschlankt, nicht so aufwendig gedruckt, enthält aber unzählige wunderschöne Illustrationen", sagt Wolfgang Löhnert.

„Es ging Ludwig Salvator besonders darum, wie die einfachen Menschen gelebt haben, ihre Bräuche, Küche, Redewendungen oder Spiele, um Politik, Industrie, Architektur und die Rolle der Kirche." Seine großen Werke seien immer gleich aufgebaut. Es gibt einen sogenannten „Allgemeinen Theil", dort findet man auch die erwähnten ethnologischen Beschreibungen. Sie fundieren auf seine Fragebögen „Tabulae Ludovicianae", die er auf Mallorca an mehr als hundert Informanten verteilt und danach ausgewertet hat.

Dann gibt es noch einen „Besonderen Theil". „Dort findet man detaillierteste Landschaftsbeschreibungen als Ergebnis seiner zahllosen Durchwanderungen der Insel", sagt Löhnert. Das sei auch der Teil mit den meisten eigenhändigen Zeichnungen, die von Künstlern in Prag in kunstvolle Holzschnitte übertragen wurden.

Seine Schiffe

Eine Faszination geht auch von seinen beiden Segeldampfschiffen „Nixe" und „Nixe II" aus. „Mit ihnen war der Erzherzog 40 Jahre lang quasi nonstop im Mittelmeer unterwegs." Unter dem Reiter „Reisen" werden beide Schiffe auf der Website beschrieben. In der Broschüre „Schiffbruch oder ein Sommernachtstraum" ist zu erfahren, wie es zu dem Untergang der ersten Nixe vor der algerischen Küste kam. „Obwohl ich die Maschine voller Kraft zurücksetzte, so blieben wir doch mit der dem Schiffe erübrigenden Schnelligkeit an demselben Riffe hängen, vor dem ich gewarnt hatte."

Durch Zufall stand ein baugleiches Schiff von dem deutschen Konstrukteur Ernst OttoSchlick gerade zum Verkauf. Auch in „Yachtreise in die Syrten" ist viel über den Dampfsegler zu erfahren. Die „Nixe II" lag nach dem Tod des Forschers bis in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Hafen von Porto Pi und wurde dann abgewrackt.

Infrastruktur

Dass Ludwig Salvator viel für Mallorca getan hat, ist bekannt: faktisch stellte er mit dem Kauf großer Anwesen einen beachtlichen Teil der westlichen Tramuntana-Küste unter Schutz. Er engagierte sich dabei auch für die Infrastruktur, etwa indem er einen mit Kutschen befahrbaren Weg zwischen Deià und Valdemossa errichten ließ.

„Der Erzherzog war aber auch ein großer Bewunderer Nordafrikas und der arabischen Welt und sehr daran interessiert, dass die Infrastruktur dieser Gebiete und das Wohlergehen der zumeist noch unter Kolonialherrschaft lebenden Menschen verbessert würde", sagt Löhnert. In „Die Karawanen­staße von Ägypten nach Syrien" untersuchte er, ob es sinnvoll wä­re, eine Eisenbahnlinie von Suez bis nach Syrien zu bauen, um den dortigen Warenverkehr zu verbessern. „Über den Durchstich der Landenge von Stagno" (1906) handelt von einem Kanalbau an der adriatischen Küste. In „Bizerta und seine Zukunft" (1881) sprach er sich für den Ausbau des dortigen Hafens aus, der tatsächlich später von den französischen Kolonialherren umgesetzt wurde. Und in „Eine Spazierfahrt im Golf von Korinth" publizierte er schon 1874 die Pläne von österreichisch-ungarischen Ingenieuren für den zwischen 1881 und 1893 erfolgten Bau des Kanals von Korinth. „Neben dem Suezkanal eine der schifffahrtstechnisch wichtigsten technischen Errungenschaften für den Mittelmeerraum", so Löhnert.

Persönliches

Biografien von Ludwig Salvator gibt es etliche, etwa die von Helga Schwendinger „Der Wissenschaftler aus dem Kaiserhaus" (Verlag Olaneta). Wer sich selbst einen Eindruck machen möchte, dem rät Wolfgang Löhnert zu der Lektüre der Seiten von „Sommerträumereien am Meeresufer", die der Erzherzog einst auf Mallorca schrieb. „Da erlebt man ihn sehr persönlich, mit vielen interessanten Gedanken und Gefühlen und Zitaten. Er stellt sich darin zum Beispiel auch der Frage, ob es Lebewesen auf anderen Planeten gibt." (Tipp: Ginka Steinwachs publizierte 2002 im Passagen-Verlag eine Abhandlung zu diesem Büchlein).

In „Cannosa" wiederum erfahren die Leser nicht nur mehr über die Landschaft des heutigen Kroatiens - noch eine akribisch von Ludwig Salvator erkundete Region -, sondern auch über seine Empfindungen für die „Begleitdame" Antonietta Lancerotto. „Dass er als Mitglied eines der wichtigsten Herrscherhäuser Europas seine Gefühle für eine einfachen Frau aus dem Volk offenbarte, war damals skandalös. Heute ist es längst kein Geheimnis mehr, dass der allumfassend liebende Prinz bisexueller Natur war."

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