13. Mai 2020
13.05.2020
Mallorca Zeitung

Wie die Pest auf Mallorca 1652 mit drakonischen Maßnahmen bekämpft wurde

Der schwarze Tod kostete auf Mallorca damals mehr als 15.000 Menschen das Leben. Teil 2 der MZ-Serie über Epidemien auf der Insel

13.05.2020 | 01:00
Dass die Heiligen, wie auf diesem Stich von Theodor van Merlen (1600–1659), vor der Pest schützten, erwies sich als Irrglaube.

Ziemlich genau 300 Jahre nach dem ersten folgenschweren Ausbruch der Pest auf Mallorca im Jahr 1348 kam es 1652 zu einer erneuten Epidemie des „Schwarzen ­Todes" auf der Insel. Die vom Pestbakterium Yersinia pestis über infizierte Flöhe übertragene Seuche nahm diesmal wohl in Port de Sóller ihren Anfang. „Man weiß, dass die Flöhe auf Ratten auf einem Schiff aus Katalonien im Februar 1652 ankamen", berichtet der Pharmazeut Joan March, der eine Forschergruppe zur Gesundheitsgeschichte der Insel koor­diniert. Was genau das Schiff geladen hatte, ist nicht bekannt. Aber es ist wahrscheinlich, dass sich die Ratten in Stoffen oder anderen Handelsgütern versteckten.

Zwar wusste man damals auf Mallorca, dass Katalonien unter einer Pest-Epidemie litt, dennoch ließ man weiterhin Schiffe vom Festland auf den Balearen anlegen. „Da rächte sich, dass es noch keine inselweite Verwaltung, keinen modernen Staat gab. Niemand organisierte die
Sicherheitsmaßnahmen, die nötig gewesen wären", berichtet March der MZ. Es habe lediglich einen Stellvertreterkönig der spanischen Monarchie gegeben und dazu örtliche Auto­ritäten. Die Absprachen fehlten weitgehend.

Außerdem waren sich weite Teile der Bevölkerung zu dieser Zeit nicht im Klaren darüber, wie sie sich zu verhalten hatten, damit sich die Pest nicht weiter ausbreiten konnte. Hinzu kam: „Die Medizin war von der Entwicklung her noch nicht viel weiter als beim Pest-Ausbruch im Mittelalter", sagt Joan March. Immer noch herrschte eine Mischung aus Halbwissen und Aberglauben vor. Die Kirche hatte weiterhin die Deutungshoheit. Und so schrieb man den erneuten Ausbruch der Pest einmal mehr den Sünden der Menschheit zu. Ein gutes Jahrhundert zuvor, 1523, hatte ein Mönch des katalanischen Ordens Sant Joan de Rodes eine ­Reliquie - einen Armknochen - des ­Heiligen Sebastian nach Palma gebracht. Dieses Ereignis fiel zusammen mit dem Ende einer einjährigen Pest-Welle. Daraus ent­wickelte sich der Glauben, dass man auf Mallorca vor einem erneuten Ausbruch ­sicher sei. Der Heilige Sebastian wurde Stadtpatron von Palma.

So breitete sich die Beulenpest von 1652 zunächst relativ ungehindert auf der Insel aus. Von Sóller gelangte sie über Inca - einer ­Gemeinde, die bereits damals vergleichs­weise dicht besiedelt war - schließlich nach Palma. Schätzungen gehen davon aus, dass auf ­Mallorca innerhalb von einem Jahr rund 15.000 bis 20.000 Menschen an der Pest starben, und damit ein Fünftel der auf knapp 100.000 Einwohnern geschätzten Bevölkerung. Es gab Tage, an denen in Inca und Palma jeweils mehr als 200 Menschen an der Pest ­starben. In von dem Schriftsteller Joaquim ­Bover de Rosselló (1810–1865) zitierten ­Dokumenten ist von 15.685 Toten auf Mallorca die Rede ­– alle nach Gemeinde geordnet. Demnach starben etwa in Palma 8.310 Menschen, in Inca 3.741 und in Sóller 1.064. ­Verschont blieben damals laut Bover nur der Osten und Südosten der Insel. Álvaro ­Campaner, ein ­anderer Autor aus dem 19. Jahrhundert, kam allein für Palma auf 15.424 Tote und weitere 4.980 Tote für den Rest der Insel.

Die Menschen waren auch deswegen für den Erreger leichte Beute, weil die Jahre zuvor die Ernten äußerst mager ausgefallen waren. „Viele Menschen waren unterernährt und hatten der Pest kaum etwas entgegenzusetzen", sagt March. Kaum ein Infizierter überlebte. Die Kranken litten meist an hohem Fieber, Schwindel und Gliederschmerzen. Bei der Beulenpest entzünden sich durch die Floh­stiche die Lymphknoten, die sich dann zu schmerzhaften Beulen auswachsen und eitern können. Der Erreger kann in die Blutbahn eintreten und eine Blutvergiftung hervorrufen. Auch Organe wie die Lunge können schwer befallen werden.

Eine besonders undankbare Aufgabe hatten die Bestatter zu erledigen. Weil viele von ihnen sich früher oder später selbst mit der Pest ansteckten, wollte niemand mehr die zahlreichen Toten beerdigen. Mit speziellen Angeboten versuchten die örtlichen Verwaltungen, Menschen für diese Aufgabe zu gewinnen. So bekamen Bestatter für damalige Verhältnisse exorbitante Löhne. „Außerdem hat man Gefangene damit gelockt, dass man ihnen Zeit im Gefängnis erließ", berichtet Joan March. Pro gearbeitetem Tag als Bestatter habe man etwa einen Monat weniger seiner Strafe absitzen müssen.

Als sich die Gemeinden der hohen Sterblichkeit der Pest gewahr wurden, ergriffen sie drakonische Maßnahmen zur Abschottung der Kranken und Verringerung der ­sozialen Kontakte. Wie Onofre Vaquer, pensionierter Geschichtsprofessor der Balearen-Universität und Experte der Pest von 1652 in einem Artikel der Zeitung „Ara Balears" erläutert, habe man teilweise Menschen zu Tode verurteilt, die Pest-Kranke ohne ­Erlaubnis mit Nahrungsmitteln versorgten oder ihre Kleider oder andere Besitz­gegenstände an sich nahmen. ­Infizierte, die in Quarantäne zu Hause bleiben mussten, wurden in ihren Häusern eingesperrt, ­indem man die Schlösser austauschte und abschloss. Häuser von Pest-Opfern wurden verbrannt, Märkte geschlossen.

Von Mallorca aus verbreitete sich die Pest 1652 nach Ibiza und Menorca. In der Stadt Ibiza starben 523 Menschen, etwa die Hälfte der Einwohner. 711 waren es inselweit. Auf Menorca war vor allem die damalige Inselhauptstadt Ciutadella betroffen. Hier kamen rund 1.000 Menschen zu Tode. Maó blieb hingegen weitgehend verschont und konnte sich in dieser Zeit die Vorherrschaft auf der Insel sichern, die sie bis heute als Hauptstadt innehält.

Aus der zentralen Rolle, die der Schiffs­verkehr für die Ausbreitung der Epidemien innehatte, lernte man ab dem beginnenden 18. Jahrhundert. In dieser Zeit kamen Gesundheitspässe auf - ähnlich, wie sie heute in Zeiten der Corona-Pandemie diskutiert werden, berichtet Joan March. „Die Schiffsbesatzungen wurden auf die Pest untersucht. Wenn alle Seeleute gesund waren, bekamen sie ein Schreiben mit, mit dem sie nach der Überfahrt im Zielhafen an Land gehen durften." War die Besatzung gesund, kam aber aus einer Stadt, in der die Pest ausgebrochen war, mussten die Seemänner in Quarantäne gehen. Die Quarantäne wurde mit zunehmendem ­Wissen über die Krankheit verringert. „Niemand ­wurde mehr 40 Tage weggesperrt", sagt March. Die Inkubationszeit der Pest lag bei maximal einer Woche.

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