03. Juni 2020
03.06.2020
Mallorca Zeitung

Während der Spanischen Grippe blieben die Bars auf Mallorca offen

Das Coronavirus erinnert in vielerlei Hinsicht an die Epidemie von 1918. Aber nicht in jeder

03.06.2020 | 01:00
Schon 1918 durfte man mancherorts nicht ohne Maske in die Straßenbahn einsteigen (hier in Seattle, USA).

Wie sich die Bilder gleichen: So wie in diesen Tagen in öffentlichen Verkehrsmitteln ein Mundschutz getragen werden muss, existieren ähnliche Aufnahmen aus der Zeit der sogenannten Spanischen Grippe. Auf unserem Foto verwehrt ein Straßenbahnschaffner in Seattle (USA) einem Mann, der keine Maske über Mund und Nase trägt, die Mitfahrt. Für Mallorca ist zu dieser Zeit keine Maskenpflicht im öffent-
lichen Raum überliefert.

Auf der Insel schlug die Grippe im Herbst 1918 mit großer Wucht zu. Es waren wohl nicht viel mehr als vier, fünf Wochen, in denen sich auf
Mallorca Tausende Menschen mit dem Erreger ansteckten, einer ungewöhnlich hartnäckigen Mutation des Influenzavirus, einem Subtyp
namens A/H1N1. Wie viele Menschen es genau waren, lässt sich heute nicht mehr sagen.

Der Historiker Pere Salas von der Balearen-Universität, der bereits mehrfach zu der Epidemie forschte, lässt sich zumindest auf eine Schätzung der Toten ein. Denn: Es gebe zwar eine offizielle Statistik für die Balearen, die von 1.891 Grippetoten spricht. Salas wollte sich darauf aber nicht verlassen und verglich die durchschnittliche Sterblichkeit in seinem Heimatort Pollença zwischen 1908 bis 1928 mit der von 1918 und kam zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Grippetoten dort ungefähr doppelt so hoch gewesen sein dürfte. „Man kann davon ausgehen, dass diese Verdopplung mehr oder weniger auch auf die gesamte Insel zutrifft", sagt Salas. Daher gehe er von rund 3.500 Toten auf den Balearen aus.

Wie das Coronavirus war damals auch das Grippevirus für die Weltbevölkerung neu, man hatte ähnlich wie heute keine sicheren Informationen über den Erreger. So kam es auch, dass die erste Welle im Frühjahr 1918 weitgehend unbemerkt vorüberging. Lediglich in Madrid und einigen wenigen anderen Regionen des Landes wurde eine leicht erhöhte Sterblichkeit registriert. Die heftige Welle im Herbst traf das Land unvorbereitet. Schätzungen gehen davon aus, dass in Spanien zwischen 260.000 und 300.000 Menschen der Grippe zum Opfer fielen. Weltweit ist von rund 50 Millionen Toten die Rede. Weitere Wellen der Spanischen Grippe im Winter 1919 und Anfang 1920 richteten kaum noch Schaden an, wohl auch weil weite Teile der Bevölkerung inzwischen immun gegen den Erreger waren - etwas, worauf Virologen in den kommenden Jahren auch bei der Covid-19-Erkrankung bauen.

Die Spanische Grippe trug ihren Namen zu Unrecht. Ihr Ursprung lag nicht hierzulande, sondern wohl im US-Bundesstaat Kansas, von wo aus nach Erkenntnissen der Forscherin Beatriz Echeverri Dávila mehrere Soldaten den Erreger mit auf die Kriegsschauplätze in Europa brachten. Weil in vielen anderen Ländern die Presse zensiert wurde, waren es jedoch spanische Zeitungen, die als Erste von der Epidemie berichteten - die Bezeichnung verweist darauf. Der Erste Weltkrieg war auch der Hauptgrund, dass sich die Epidemie so schnell ausbreiten konnte. Die Menschen waren nach vier Jahren des Krieges geschwächt, vielerorts herrschte Hunger oder wie auch auf Mallorca zumindest Lebensmittelknappheit - und die Informationen waren spärlich, weshalb kaum Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden konnten. Eine Behandlung der Spanischen Grippe war nicht möglich, Antibiotika noch unbekannt.

Wer im Archiv der zu dieser Zeit erscheinenden mallorquinischen Tageszeitung „La Almudaina" blättert, bekommt einen Eindruck davon, was auf der Insel vor sich ging. Das zumeist zwei- oder vierseitige Vorläuferblatt des „Diario de Mallorca" gab ab Mitte Oktober 1918 eine tägliche Lagebeschreibung für die Insel ab. Noch vor den Nachrichten aus den Kriegsgebieten wird die Grippe-Epidemie, die „la grippe" genannt wird, thematisiert. Da geht es einmal um den Arzt aus Pont d'Inca, der sich beklagt, dass er angesichts der großen Anzahl der Patienten mit den Besuchen nicht mehr hinterherkommt. Ein andermal wird von einem Leichenwagen in Inca berichtet, der drei Särge auf einmal transportieren musste, weil die schiere Anzahl der Toten sonst nicht zu bewältigen wäre.

Der Schrecken der Spanischen Grippe war auch deshalb so groß, weil sie vor allem die gesunde Bevölkerung im mittleren Alter zwischen 30 und 40 befiel. „Die Menschen zu dieser Zeit waren zwar eine recht hohe Kindersterblichkeit gewohnt, aber nicht, dass reihenweise die arbeitende Bevölkerung wegstarb", sagt Pere Salas. Die Tatsache, dass häufig der einzige Ernährer einer Familie krank daheim lag oder gar der Grippe zum Opfer fiel, potenzierte die Not und die Armut. „Die Mittelschicht war zu dieser Zeit kaum vorhanden", sagt Pere Salas. „Viele Menschen hatten kaum das Nötigste zum Leben."

Trotz allem kam Mallorca im Vergleich mit anderen Regionen noch glimpflich davon. Eine große Hilfe waren laut Pere Salas die rund 1.000 Nonnen, die über die gesamte Insel verteilt in Frauenorden lebten und dort vor allem als Krankenschwestern arbeiteten und karitativ im Einsatz waren. Und auch wenn das soziale Netz zu dieser Zeit deutlich weniger ausgebaut war als heute, gab sich vor allem die Stadt Palma alle Mühe, das Elend der Menschen zu lindern. Der Bürgermeister legte Hilfsfonds auf und rief Wohlhabende dazu auf, Geld beizusteuern. Zusätzlich verstärkte die Verwaltung die Kontrollen, damit Lebensmittel nicht zu Wucherpreisen verkauft oder in ihrer Zusammensetzung verändert und wie etwa Milch gepanscht wurden.

Anders als in Zeiten des Coronavirus verzichtete man auf Mallorca während der Spanischen Grippe darauf, das öffentliche Leben komplett lahmzulegen. Zwar waren Schulen, Theater und Kinos geschlossen, die Menschen durften und mussten aber weiter zur Arbeit gehen. Auch die Bars hatten geöffnet. „Das galt damals als Grundversorgung", sagt Salas. Der Bürgermeister von Palma knöpfte sich mehrfach seine Stadträte vor, die sich aus Angst vor der Krankheit zu Hause verschanzt hatten, und forderte sie auf, sich in den Stadtteilen zu zeigen und den Menschen Mut zu machen.

Und wie heute beim Coronavirus wurde auch bei der Spanischen Grippe nach Ansicht von Echeverri zu spät reagiert. So fanden in fast allen Orten in Spanien beispielsweise die beliebten Sommerfiestas statt, die die Ausbreitung des Erregers begünstigten.

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