19. August 2020
19.08.2020
Mallorca Zeitung

Mallorcas unglaubliche Tomaten-Vielfalt

20 verschiedene Sorten zieht Alfonso Rueda auf seiner Finca. Sie sollen ausgewogen, gleichzeitig süß, sauer und salzig schmecken – und mit Farbe und Haut den typischen Charakter einer Sorte bilden

19.08.2020 | 01:00
Ein farbiges Fest für die Augen, ein fruchtiges für den Gaumen.

Im August ist der Höhepunkt der Tomaten­ernte auf der Insel – tonnenweise sind sie in ­Supermärkten und auf Märkten präsent. ­Eigentlich müssten sie während der vergangenen Hitzetage auch ihren Höhepunkt an Reife und Süße erreicht haben. Doch viele der handelsüblichen Tomaten sind ausgesprochen fad im Geschmack, und die Aromen der Sorten unterscheiden sich zudem kaum.

„Das kommt davon, weil die meisten Landwirte auf der Insel die Setzlinge bei den gleichen Züchtern kaufen", sagt Alfonso Rueda. Vor vier Jahren war der 45-Jährige, der neben den niedrigen Tomatenstauden auf dem Feld in Manacor wie ein Riese wirkt, von Málaga nach Manacor gezogen. Nachdem er seinen Beruf als Informatiker an den Nagel gehängt hatte, machte er sich auf die Suche nach einer Finca für ökologischen Anbau, fand sie in ­Manacor und nannte sie La Huerta de Pili.

Die Schuld für den faden Geschmack der Tomaten, so der Züchter, trügen die Besitzer der Plantagen. Diesen sei bei der Sortenauswahl vor allem wichtig, dass Gemüse in Kisten passt, Tomaten transportfähig sind und mit makellos glatter und glänzender Haut auf Theken oder Märkten Käufer anlocken. Diese Entwicklung habe sich im Laufe von drei oder vier Jahrzehnten so langsam vollzogen, dass der Verbraucher den Verlust der Aromen gar nicht richtig wahrgenommen habe.

Das Kulturgut

Dagegen wehrt sich seit einiger Zeit auch die Vereinigung lokaler Sorten auf der Insel. Auch sie stellte fest, dass der Geschmack alter Gemüsesorten, insbesondere der von Tomaten, früher weitaus intensiver war als heute. Deshalb brachte man in Porreres Samen alter ­Sorten auf den Markt, weswegen es nun wieder „­Mucha Miel", „Cor de Bou" und die „Tomàtiga de Valldemossa" zu kaufen gibt.

Doch das war dem Züchter aus Málaga nicht genug. Er nahm Kontakt mit Samenlieferanten im Ausland auf und bestellte alte Sorten bei ­kleinen Lieferanten. Die multinationalen Samenkonzerne, die Hybridsorten vertreiben, hat er boykottiert. „Zu den wichtigen Aufgaben des Landwirts zählte früher die Vermehrung der Sorten durch Samengewinnung", berichtet ­Rueda. Durch die handverlesene Auswahl der Früchte für die Samen wäre im Zusammen­spiel mit ­Bodenqualität und klimatischen ­Bedingungen eine spannen-de Auswahl von Tomatensorten entstanden. Vielfältig seien dabei nicht nur die Geschmacks­nuancen gewesen, sondern auch Farbe, Haut, Größe und Form. Dies sei ein schützenswertes Kulturgut. Das Klima Mallorcas biete sich geradezu an, die Samen alter ­Sorten vor dem Vergessen zu bewahren und an neuen Standorten auszusäen.

Der Anbau

Der Züchter bezeichnet sich selbst als Nonkonformist, der sich nie mit dem zufrieden gibt, was üblich ist. Deshalb sät er nicht nur andere Sorten aus, sondern hält sich auch nicht an die Regeln für den Bio-Anbau auf der Insel. Viele Öko-Züchter kaufen nämlich Setzlinge ein, er dagegen zieht sie selbst. Wenn diese im Beet dann groß genug sind, dass man sie eigentlich an Schilfstangen festbindet, lässt der Bio-Landwirt aus Málaga sie auf der Erde liegen, obwohl die Ernte dann mühseliger ist. Er stutzt auch keine Blätter, weil durch die Verletzungen Öffnungen für Schädlinge entstehen. Zudem verzichtet er auf die im Bio-Anbau zugelassenen chemischen Mittel und fügt keine Nährstoffe zu. Zwischen den Pflanzreihen wachsen Tomatenstauden mit dem Unkraut um die Wette. Ist es hoch genug, wird es gehäckselt und auf den Wurzeln verteilt. Auch mit Wasser wird sparsam umgegangen. „Zwei Tage ohne Wasser inspiriert die Stauden zu vermehrter Wurzelbildung", betont er.

Die Sorten

Über 20 Sorten wachsen auf dem Feld, die ­Tomaten liegen versteckt unter dem Blattwerk. Die „Husk Zebra" beispielsweise zählt zu den ­grünen Tomaten mit gestreifter Haut. Beim ­Verkosten überrascht, dass das hellgrüne Fruchtfleisch reichlich Saft enthält und beides nicht nur frisch und fruchtig, sondern auch süß schmeckt. Die „Kaki-Tomate" ist, so der Züchter, eine hübsche orangefarbene saftige Salat­tomate ohne eigenen aromatischen Charakter. Die „Yellow Bell" ­dagegen bildet eine längliche Glockenform, ihr Saft füllt die Fruchtkammern nicht gänzlich aus, schmeckt aber frisch und würzig. Die „Paprikatomate" ist nicht etwa durch eine Kreuzung mit der Paprika entstanden. Die ­Tomaten sind oben dick und unten spitz, bieten viel ­festes Fruchtfleisch und wenig Saft. Deshalb eignen sie sich zum Einkochen von Konzen­traten für Saucen und Pizzen.

Die Pläne

Die gesamte Erntezeit kostet der Züchter ausgiebig reife Tomaten. Nur wenn sich eine von ihnen mit einer gelungenen Mischung aus süß, sauer und salzig geschmacklich bewährt hat, kommt sie für die Aussaat in der kommenden Saison infrage. Geplant sind für das kommende Jahr 40 verschiedene Sorten.

Doch für diese Menge wird das Feld in ­Manacor nicht groß genug sein. „Wir suchen eine größere Finca mit einfachem Haus", sagt ­Rueda. Doch die Bodenpreise auf der Insel ­seien überteuert. Dabei müssten doch eigentlich Bio-Anbau und umweltbewusste Urlauber gut zusammenpassen.

Bio-Gemüse von La Huerta de Pili Märkte: Do. Inca, Fr. Binissalem, Di. und Sa. Palma (Plaça Bisbe Berenguer Palou), So. Santa Maria

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