09. November 2020
09.11.2020
Mallorca Zeitung

Das Feuerbakterium wütet seit Jahrzehnten auf Mallorca

Eine neue Studie belegt: Der Krankheitserreger "Xylella fastidiosa" ist nicht erst seit seinem ersten Nachweis 2016, sondern schon seit langem auf den Feldern der Insel präsent. Der Biologe Eduardo Moralejo erklärt im Interview, warum das dem Mandelanbau zusetzt, aber keine Katastrophe ist

09.11.2020 | 01:00
Im Jahr 2010 wusste man noch nicht, dass das Feuerbakterium für den Tod der Mandelbäume nahe Son Carrió verantwortlich war.

Als das sogenannte Feuerbakterium im Oktober 2016 zum ersten Mal auf Mallorca nachgewiesen wurde, waren Umweltschützer, ­Bauern und Politiker gleichermaßen aufgeschreckt. Man kannte die Bilder aus Süd­italien, wo ­Millionen von Olivenbäumen dem aggressiven Erreger Xylella fastidiosa zum ­Opfer gefallen sind.

Ein jetzt bei „Communications Biology" (3, 560, 2020) erschienener Aufsatz belegt jedoch, dass der Krankheits­erreger schon zwei Jahrzehnte zuvor die ­Mandelbäume der Insel befallen hatte. Erstunterzeichner der insgesamt 18 Autoren ist der Biologe Eduardo Moralejo.

Sie haben festgestellt, dass das Feuerbakterium auf Mallorca keine neue Plage ist.
Die Xylella fastidiosa ist nach unseren Erkenntnissen bereits seit mindestens 1993 auf Mallorca präsent. Ich wurde im Jahr 2010 nach Son Carrió gerufen, um mehrere tote Mandelbäume zu begutachten. In diesem Moment kannte man in Europa die Xylella fastidiosa so gut wie nicht. Der Erreger, der vor allem in ­Kalifornien an den Weinreben wütete, war in Europa noch nie nachgewiesen worden. Die landläufige Erklärung für das Mandelsterben war stets ein Pilzbefall. Aber das passte für mich nicht zusammen. Ich sah zwar, dass die Bäume von ­Pilzen befallen waren, aber es war keine klare Linie bei den Symptomen fest­stellbar. Es waren ganz unterschiedliche Pilze, und mir war klar, dass diese nur sekundäre ­Krankheitserreger sein konnten. Ich benachrichtigte die Balearen-Regierung, dass ich das Feuerbakterium vermutete. Aber diese Spur wurde nicht weiterverfolgt.

Warum nicht?
Ich hatte damals meine Forscheraktivitäten etwas zurückgefahren und eine Stelle im Flughafen von Palma angenommen. Außerdem hatte man in Europa nun mal keine Erfahrung mit dem Erreger. Als ich im Jahr 2016 las, dass die Xylella fastidiosa auf Mallorca nachgewiesen wurde, erinnerte ich mich an die Mandelbäume in Son Carrió und wusste, was los war.

Sie haben sich dann an die Arbeit gemacht, um mehr über die Plage herauszufinden.
Wir wollten unbedingt feststellen, seit wann die Xylella fastidiosa bereits auf Mallorca ­verbreitet war und haben Genmaterial von ­Mandelbäumen analysiert. Wir haben aus den Jahresringen der Bäume DNA entnommen, ­etwas, worauf ich sehr stolz bin, weil das bislang noch nie gemacht wurde. In einem der Ringe aus dem Jahr 1998 haben wir die Unterart Xylella fastidiosa fastidiosa gefunden. Ich bin aber überzeugt davon, dass die Plage mindestens fünf Jahre zuvor bereits auf der Insel war.

Was macht Sie da so sicher?
Zunächst einmal war unsere Probe mit 74 Bäumen sehr klein. Man müsste viel mehr Proben nehmen, um das genauer festzustellen, denn die Plage breitet sich ähnlich exponentiell wie jetzt das Coronavirus aus. Das bedeutet, in den ersten Jahren wird man nur durch Glück Beweise für die Existenz des Feuerbakteriums finden. Für das Jahr 1993 als Ursprung könnte auch eine Expedition einer Kooperative von Mallorca nach Kalifornien sprechen. Es ist denkbar, dass die Teilnehmer dieser Reise Pflanzenmaterial mit nach Mallorca brachten.

Warum ist man so lange nicht darauf gekommen, dass Xylella eine Rolle spielte?
Neben der Beobachtung des Pilzbefalls verwechselte man die Symptome lange Zeit mit denen, die bei großer Trockenheit im Sommer auftreten. Das Feuerbakterium hatte sich aber schon 2010, als ich die Mandelbäume be­gutachtete, auf der ganzen Insel ausgebreitet. Die Mandelbäume brauchen sehr lange, um überhaupt Symptome zu zeigen, und es können leicht 20 Jahre vergehen vom Befall mit dem Bakterium bis zu dem Moment, in dem der Baum tatsächlich abstirbt. Wir können zu­mindest in diesem Fall sicher sagen, dass die Sterblichkeit der Bäume nichts mit dem ­Klimawandel zu tun hat.

Wie viele Bäume wären heute noch am Leben, wenn man das Feuerbakterium schon in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausfindig gemacht hätte?
Das lässt sich kaum schätzen. Was wir sagen können, ist, dass mindestens eine halbe Million Mandelbäume auf Mallorca bis zum Jahr 2017 von der Plage befallen wurden. Da sind die noch nicht mitgerechnet, die abgeholzt wurden, weil sie schon tot waren.

Gibt es überhaupt noch eine Rettung für die Mandelbäume auf der Insel?
Klar ist, dass das Ende der von Mandelbäumen geprägten Landschaft auf Mallorca nahe ist. Alle Bäume, die älter als 50 Jahre sind, werden über kurz oder lang verschwinden. Es ist ein langsamer Prozess, der aber nicht aufzuhalten ist. Wir können auf Mallorca sehr wohl noch Mandeln anbauen, aber mit viel kürzeren Lebenszyklen der Bäume, etwa 30 bis 40 Jahre.

Wie sieht es mit den Olivenbäumen aus? Warum wiederholen sich auf Mallorca die Bilder aus Italien nicht?
Weil dort die Unterart Xylella fastidiosa pauca wütet, die bisher nicht auf Mallorca angekommen ist. Auf Ibiza wurde sie registriert, aber in viel geringerer Aggressivität als in Italien. Die Unterart multiplex, die auch auf Mallorca vorkommt, befällt vor allem den wilden Ölbaum. Das Bakterium zieht die Bäume zwar in Mit­leidenschaft, sie sterben aber nur selten. Mit Regenfällen erholen sie sich wieder.

Und was ist mit den Weinreben, um die die Bauern ebenfalls große Angst hatten?
Auch beim Wein hat sich herausgestellt, dass der Befall nicht sonderlich besorgniserregend ist. Hier kommt es vor allem darauf an, das Unkraut am Fuß der Weinreben zu ent­fernen, damit kann man das Bakterium sehr gut kontrollieren.

Werden wir das Feuerbakterium auf Mallorca tatsächlich nicht mehr los?
Nein, wir müssen lernen, damit zu leben. Die zunächst angedachten Strategien der Aus­rottung oder der Eindämmung sind deshalb absurd. Man kann hier nichts eindämmen, auch eine Verbrennung der Bäume bringt nichts mehr. Dazu ist der Erreger viel zu verbreitet. Wir haben aber gesehen, dass das ­Feuerbakterium für Mallorca nicht die zunächst befürchtete Katastrophe bedeutete.

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