08. Dezember 2020
08.12.2020
Mallorca Zeitung

"Nur mit Sonnenschein lassen sich die Stauseen auf Mallorca nicht füllen"

Der MZ-Meteorologe Duncan Wingen hat ein Buch über Unwetter vorgelegt. In diesem erklärt er, wie man Stürme rechtzeitig erkennt

08.12.2020 | 01:00
Unwetter vor der Küste von Cala Major im Juni 2017.

Wenn es stürmt, donnert und blitzt, ist Duncan Wingen (Palma, 1995) glücklich. Dann kann der Meteorologe und Sturmjäger beeindruckende Wetterfotos schießen. Der Deutsch-Mallorquiner präsentiert auf der MZ-Website jeden Freitag das Wetter für das anstehende Wochenende. Wer mehr über die Wetterphänomene auf der Insel erfahren möchte, sollte sich Wingens neues Buch „Los secretos de los cumulonimbos" (Die Geheimnisse der Cumulonimbusse) zulegen. Das Interesse am Wetter ist so groß, dass die erste Auflage bereits ausverkauft ist. Doch für Nachschub ist gesorgt.

Was sind Cumulonimbusse?
Das sind die einzigen Wolken, die in der Lage sind, Gewitter zu erzeugen. In dem Sinn sind sie die am höchsten entwickelten Wolken. Sie sind für alle schlimmen Wetterphänomene verantwortlich: Hagelschauer, Tornados, ­Stürme. Cumulonimbus ist der gefährlichste Wolkentyp überhaupt.

Und was ist ihr Geheimnis?
Die Frage ist, welche Vorgänge in der Wolke ablaufen. Wie elektrifiziert sie sich? Wie entstehen Blitze und Regentropfen? Was für Luftströme gibt es?

Kann man nach der Lektüre Ihres Buches ein Unwetter vorhersehen?
Auf die Vorhersage von Unwettern, sprich die Analyse von Wetterkarten, bin ich nicht eingegangen. Dafür kann der Leser aber die Cumulonimbusse als solche erkennen und weiß, ob es sich um ein heftiges Unwetter handelt.

Was sind die Anzeichen dafür?
Ich habe ein ganzes Kapitel den optischen ­Si­gnalen gewidmet. Wenn eine Wolke bogenförmig ist, deutet das auf starken Wind hin. Die Gewitterwolken haben oft einen grünen Schimmer. Vor dem Tornado 2007 in Palma war der gut zu sehen. Daneben kann man auch die Radaraufnahmen auswerten, die auf der Website des spanischen Wetterdienstes ­Aemet öffentlich einsehbar sind. Ich veranschauliche das mit Beispielen von Unwettern, die über Mallorca hinweggezogen sind.

Jenes Unwetter von 2007 bezeichnen Sie als den perfekten Sturm. Warum?
Er hat verschiedene gefährliche Aspekte vereint. Normalerweise gibt es nur einen Gefahrenherd. Bei der Flutkatastrophe in Sant ­Llorenç gab es 2018 beispielsweise heftige ­Regenschauer, aber keinen Wind. 2007 hingegen gab es Starkregen, Sturm und Tornados. Zudem traf es Palma, das am dichten besiedelte Gebiet und somit die empfindlichste Stelle. Dann war es auch noch ein Sturm zur denkbar ungünstigsten Uhrzeit. Um 17 Uhr kamen die Leute von der Arbeit nach Hause, Kinder hatten Schulschluss, viele Menschen waren auf der Straße. „Perfekt" also nicht nur als Sturm, sondern auch in seinen Auswirkungen.

Es heißt immer, dass es wegen des Klimawandels zu mehr solcher Unwetter kommt. Stimmt das?
Die Heftigkeit der Unwetter nimmt zu, ihre Frequenz aber nicht. Der Klimawandel sorgt nicht dafür, dass Unwetter kommen, die vorher nicht existierten. Im Osten von Mallorca gab es schon 1943, 1973 und 1989 Überschwemmungen, die mit Sant Llorenç vergleichbar sind. Im Mittelalter, um 1400, ist in Palma der Sturzbach Sa Riera über die Ufer getreten, und 4.000 bis 5.000 Menschen starben. Diese Wetterphänomene haben schon immer existiert.

In Ihrem Buch gehen Sie darauf ein, dass es durch die Geografie der Insel eigene ­Wetterphänomene gibt.
Wir haben mit Palma und Alcúdia zwei Meeresbuchten, die sich gegenüberliegen. Die Seewinde strömen dort auf die Insel und treffen in der Mitte Mallorcas zusammen. Das sorgt für Unwetter, die es so nur auf Mallorca gibt. Ich habe sie Tempestatis balearicus genannt. Das sind sehr lokale Phänomene. Es kann auf fast der ganzen Insel die Sonne scheinen, und auf vielleicht zehn Prozent der Insel regnet es ­heftig. Das lässt sich nur schwer vorhersagen. Zudem sorgt die Tramuntana dafür, dass die Winde, die vom Meer kommen, verstärkt werden. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das warme Mittelmeer. Das wirkt für die Stürme wie Treibstoff. Zuletzt haben wir das beim Unwetter in Banyalbufar im August gesehen. An den Tagen zuvor hatte das Meer vor der Tramuntana eine Temperatur um die 28, 29 Grad.

Sie sind ein Sturmjäger und legen sich bei Unwettern mit Ihrer Kamera auf die Lauer. Ist das nicht gefährlich?
Ein gewisses Risiko ist natürlich dabei. Als Meteorologe weiß ich aber, in welche Richtung sich ein Unwetter bewegt und welche Phänomene es mit sich bringt. Die Sturmjagd hat nicht nur ästhetische Gründe für tolle Fotos. Es ist nicht nur die Suche nach Adrenalin. In den USA retten Sturmjäger Leben, da sie die Anwohner vor Tornados warnen können. Für mich war die Beobachtung und das Fotografieren auch ein Teil der Recherche für mein Buch.

Wie positioniert man sich am besten für ein gutes Sturmfoto?
Ideal sind die Aussichtspunkte aufs Meer. Sie bieten auch Schutz, da man vor dort das Unwetter aus mehr als 50 Kilometern Entfernung sehen kann und genügend Zeit hat, sich ­zurückzuziehen. Ich fotografiere meist die Küste von Calvià, da viele Stürme von Westen herkommen.

Die meisten Leute auf Mallorca freuen sich über Strandwetter. Sind Sie traurig, wenn es nicht stürmt?
Ein paar Tage lang ist das schön. Wenn es aber wie derzeit konstant ist, finde ich das nicht so toll. Man muss auch die Kehrseite sehen. Nur mit Sonnenschein lassen sich die Stauseen nicht füllen.

Das Buch ist derzeit nur auf Spanisch erhältlich. Eine Übersetzung ist geplant. „Los secretos de los cumulonimbos" kostet 18 Euro und ist online unter libros.cc erhältlich oder per E-Mail an den Autor unter duncanwingensanchez@gmail.com


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