22. Dezember 2020
22.12.2020
Mallorca Zeitung

So laufen typisch mallorquinische Weihnachten ab

Wie die Familien von der Insel die Festtage begehen – normalerweise und im Corona-Jahr

22.12.2020 | 01:00
Carlos Toribio mit seiner Frau Marta Salomón und den Töchtern Auba (19) und Carla (14) in Font de Sa Cala. Der künstliche Weihnachtsbaum steht schon seit Wochen.

Auf dem Esstisch der Familie Toribio Salomón in Font de Sa Cala auf Mallorca stehen goldene Kerzen, im Regal sind Schneegestöber mit weihnachtlichen Motiven aufgereiht. So weit, so gewöhnlich für das deutsche Auge. Doch wer genauer hinsieht, erkennt viele Unterschiede zwischen deutschen und mallorquinischen Weihnachtstraditionen. Adventskranz und -kalender sucht man bei Ur-Insulanern vergeblich, dafür steht daheim meist schon seit der zweiten Dezemberwoche ein Weihnachtsbaum aus Kunststoff.

Heiligabend – Nochebuena

„Der 24. hat für uns keine sehr große Bedeutung", berichtet Marta Salomón. Zusammen mit ihren Töchtern Auba (19) und Carla (14) und ihrem Mann Carlos Toribio verbringt sie den Abend meist mit ihren Eltern, bei Meeresfrüchten oder Fleisch. Danach gibt es typische Weihnachts­leckereien: das in zahlreichen Varianten erhältliche weiße Nougat (turrón), die ­etwas staubigen Kekse in Bonbonpapier (polvorones), dazu Champagner und Sidra.

„Die Kinder kriegen Geschenke, das war in unserer Kindheit aber nicht so", berichtet Carlos Toribio. Manchmal besucht die Familie noch die traditionelle Weihnachtsmesse misa de gallo. „In jedem Dorf singt ein Mädchen dazu die typischen Sibyllen-Gesänge", fügt Tochter Auba hinzu. Nicht wundern: Diese von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte Tradition stammt aus dem Mittelalter und handelt – ganz unweihnachtlich – von der Apokalypse. Auch von dem Schwert in der Hand der ­sibil·la sollte man sich nicht abschrecken lassen.

Miguel Sastre, Urmallorquiner aus ­Palma de Mallorca, hat die Nochebuena in den vergangenen Jahren ganz ruhig mit seiner Frau verbracht, bei leichtem Essen und ohne Weihnachtsbaum. Um typisch mallor­quinisch daherzukommen brauche es den nicht. „Viel wichtiger ist die Krippe ­(belén). Fast jeder Haushalt hat eine, mit den Jahren wächst sie", erzählt der pensionierte Lehrer.

1. Weihnachtstag – Navidad

Am 25. Dezember wird in den meisten mallorquinischen Familien richtig groß aufgefahren. Dann kommt häufig die Großfamilie zum traditionellen Weihnachtsschmaus am Mittag zusammen. Die Familie Toribio Salomón fällt alljähr­lich bei den Großeltern väterlicherseits in ­Binissalem ein. „Insgesamt sind wir etwa 17 Leute", so Carlos Toribio.

Auch Miguel Sastre und seine Frau verbringen den Tag mit Töchtern, Geschwistern, Neffen und Enkel. Unverzichtbar: das typische Spanferkelgericht porcella. „Wir kaufen gut zwölf, dreizehn Kilo Fleisch, das dann in Stücken zusammen mit Kartoffeln und Gemüse in den Ofen kommt", berichtet Miguel Sastre. Dazu guter Inselwein und Salat. „Und zum Nachtisch wird dann gern mal Likör rausgeholt." Gut beraten ist, wer noch ein paar Flaschen vom selbst gemachten hierbas dulces vorrätig hat, der traditionell im März oder April angesetzt wird. Nicht fehlen dürfen zudem Mandeleis, ensaimadas und neules (Röllchen aus einem Butter-Zucker-Teiggemisch).

Auch Sabina Pons hat den 25. Dezember aus ihrer Kindheit als große Sause in Erinnerung. Die 53-jährige Journalistin und Autorin ist Tochter einer deutschen Mutter und eines mallorquinischen Vaters. Nach einem eher besinnlichen deutschen Heiligabend („meine Klassenkameradinnen waren immer ganz neidisch, wenn ich ihnen erzählte, dass dieses Christkind aus Deutschland mir schon vor dem Heiligedreikönigstag Geschenke gebracht hat") wurde der 25. stets mit der mallorquinischen Sippe gefeiert. „Es war immer sehr unterhaltsam, wir waren rund 20 Leute, es wurde geraucht und getrunken, und niemand hat sich um die Gesundheit geschert", erinnert sich Sabina Pons. Auch heute passt sich am besten an, wer das mallorquinische Weihnachtsessen eher wie eine große Geburtstagsparty zelebriert statt wie ein kirchliches Fest der Besinnung – zumindest in normalen Jahren, doch dazu später noch.

Maria Antònia Lladó (59) aus Palma de Mallorca ist alleinstehend, den ersten Weihnachtstag verbringt sie traditionell mit ihren ­beiden Schwestern. Sie empfiehlt als Vorspeise zur porcella die typische sopa rellena ­(Brühe mit gefüllten Nudeln) und zum Nachtisch Nüsse und einen Haufen Süßigkeiten. „Wir beschenken uns nicht, das hat für uns nichts mit Weihnachten zu tun."

Nicht wundern: In vielen Familien kommen nach dem Essen die Kartenspiele auf den Tisch. Vor allem Bingo ist ein ­beliebtes Weihnachtsspiel. „Es werden Witze erzählt, es wird gelacht, und im Hintergrund laufen internationale Weihnachtslieder", berichtet Carlos Toribio. Wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt ist, stimmen alle auch gern das mallorquinische Weihnachtslied „Fum, Fum, Fum" an, das gegenüber „Stille Nacht" wie einem Rockkonzert entsprungen daherkommt. Tipp: den Refrain möglichst laut herausschreien. Wer sich danach noch jung und fit genug fühlt, zieht abends ­normalerweise mit Freunden um die Häuser. Am 26. ist meist nur Resteessen angesagt – seit einigen Jahren ist der zweite Weihnachtstag in Spanien auch kein gesetzlicher Feiertag mehr.

Silvester – Nochevieja

Doch das Feiern geht ja weiter. „Den 31. Dezember verbringt man weniger mit der Familie und mehr mit Freunden", so Maria Antònia Lladó. „Einige Leute gehen ganz chic auswärts essen oder sogar ins Hotel, wir treffen uns meist bei Freunden, und jeder bringt etwas mit, sodass wir ein großes Buffet haben", erzählt Carlos ­Toribio. Hier sind alle Leckereien gern ­gesehen. Nicht selten kommen bei den ­privaten Feiern schnell mal 40 Leute zusammen. Bleigießen oder „Dinner for One" sind den Mallorquinern unbekannt, dafür sind die zwölf Trauben um Mitternacht genauso Pflicht wie der Anruf bei den Eltern, um ihnen molts d'anys zu wünschen. „Es müssen nicht unbedingt Trauben sein", wiegelt Auba Toribio ab. Die 19-Jährige schiebt sich genau wie ihre Schwester Carla zu den Glockenschlägen um Mitternacht – die im Fernsehen live von Madrids Puerta del Sol aus übertragen werden – lieber Smarties in den Mund. „Das bringt genauso Glück", ist sie überzeugt.

Von roter Unterwäsche, die in anderen spanischen Regionen an Silvester obligatorisch ist, wenn man nur Gutes vom ­neuen Jahr erhoffen möchte, sind die Mallorquiner dagegen nicht sonderlich angetan. „Das ist doch eine importierte Tradition, die ist nicht von hier", sagt Sabina Pons.

Neujahr – Año nuevo


Der 1. Januar beginnt auch für viele Mallorquiner mit einem Kater. Trotzdem kommen die Großfamilien dann oft schon wieder zusammen. „Die Jugendlichen ­stoßen meist erst um 14 Uhr verschlafen hinzu und werden mit Applaus empfangen, die anderen können schon wieder kräftig essen und trinken." Ein brindis (Anstoßen mit Sekt) gehört zum Neujahrstag genauso dazu wie zum Silvesterabend.

Bei Miguel Sastre und seiner Familie in Palma gibt es meist pollo a la catalana (Huhn mit Pflaumen und Pinienkernen), in Font de Sa Cala bei Carlos Toribio ist es üblich, das Wiener Neujahrskonzert im Fernsehen anzusehen – oder zumindest das letzte Stück, den flotten Radetzkymarsch. Auch Neujahrskonzerte auf der Insel seien nicht zu verachten.

5. Januar – Llegada de los Reyes

Während in Deutschland die Feierei und Völlerei ihr Ende gefunden hat, steht auf Mallorca das Highlight noch bevor: der Besuch der Heiligen Drei Könige. Alle von der MZ-Befragten sind sich einig: Im direkten Vergleich schlagen die Reyes Magos den Papa Noel haushoch.

„Als Kind habe ich mir am 5. Januar immer die Ankunft der Könige in Palma angesehen", erinnert sich Maria Antònia Lladó. Mit bunten Wagen und zahlreichen Komparsen ziehen die Reyes durch die Straßen und werfen Süßigkeiten – ein ­wenig wie beim Karnevalsumzug. Auch auf den Dörfern wird die Ankunft der ­Könige am Vorabend von der Gemeinde meist groß zelebriert. „Danach ging es für mich als Kind immer früh ins Bett, und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen vor Vorfreude auf die Geschenke", so ­Lladó. Heute sollten Kinder Vorkehrungen treffen, um sicherzugehen, dass die Reyes Magos auch wirklich vorbei­schauen. „Ein bisschen Milch, Kekse oder ­Nüsse auf die Terrasse oder vor den Weihnachtsbaum zu stellen, hilft, um die ­Kamele der Heiligen Drei Könige anzu­locken", rät Marta ­Salomón.


Königstag – DÍa de Reyes

Wenn am nächsten Morgen von den Gaben für die Tiere nur noch ein paar ­Krümel übrig sind, kann man sich gewiss sein, dass die Reyes über Nacht da waren. In Palma de Mallorca legen sie die Geschenke meist still und heimlich unter den Weihnachtsbaum, in den Dörfern kommen sie am ­Vormittag vorbei, um sie dem Kind persönlich zu überreichen oder verteilen sie auf öffentlichen Plätzen (Eltern sollten vorsichtshalber mit den königlichen ­Pagen abklären, dass die eigenen Kinder auch bedacht werden).

Häufig verbringen die Mallorquiner auch den Königstag mit mehreren Verwandten, im Vordergrund stehen diesmal aber ganz klar die Kinder. „Ich weiß noch, wie ich diesen Tag mochte, als ich selbst jung war", sagt der Pensionär Miguel ­Sastre verträumt. „Es wurde den ganzen Tag gefeiert und gespielt." Auch seinem zweieinhalb Jahre alten Enkelkind will er diese Tradition vermitteln. „Man sollte nicht krampfhaft an Altem festhalten, aber man muss auch nicht alles Neue wie wild übernehmen", findet er.

Ein typisches Königsessen gibt es am 6. Januar nicht – jeder Haushalt fährt da eigene Traditionen. „In den Bäckereien und Supermärkten gibt es vermehrt die roscones de Reyes zu kaufen", berichtet Sabina Pons. Sie könne sich aber nicht ­erinnern, die versüßten Kränze aus Hefeteig, in denen kleine Figuren versteckt sind, als typische Mallorca-Tradition kennengelernt zu haben. „Das kommt eher vom Festland", vermutet sie.

Und in diesem Jahr?

Weihnachtsschmaus mit der ganzen ­Sippe, edles Silvester-Dinner im Restaurant, jubelnde Massen bei der Ankunft der Könige und durchzechte Nächte – in diesem Jahr ist das wegen Corona unmöglich. Um 22 Uhr darf aufgrund der Ausgangssperre – auch an Heiligabend – keiner mehr das Haus verlassen, maximal sechs Personen aus maximal zwei Haushalten können zusammen feiern, und Restaurants müssen ihre Innenräume schließen.

„Es beeinträchtigt uns, klar, aber es ist kein Drama", findet Maria Antònia Lladó. Als Krankenschwester weiß sie nur zu gut, dass die Gesundheit momentan vorgeht. Auch Rentner Miguel Sastre nimmt es gelassen. „Natürlich können wir nicht feiern wie sonst. Wir werden uns aufteilen müssen, aber über die Bildschirme können wir uns ja trotzdem sehen", findet er. „Und im Frühjahr, wenn wir alle frisch geimpft sind, holen wir die Feiern einfach nach."

„Man muss die Dinge zu nehmen wissen", stimmt Sabina Pons zu. Das typisch spanische Weihnachtswichteln (amigo
invisible), das sie jedes Jahr mit einer Gruppe Freundinnen spielt, habe in ­diesem Jahr digital stattgefunden, die Ankunft der Geschenke per Post wurde gefilmt und in der Gruppe geteilt. „Es war anders, aber auch lustig. Den Geist der Weihnacht kann uns die Pandemie nicht nehmen", sagt sie.

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