22. Januar 2021
22.01.2021
Mallorca Zeitung

Farnkunde: Das wuchert auf Mallorca

An die vierzig verschiedene Farne wachsen auf der Insel wild. Der Tüpfelfarn kommt häufig an Natursteinmauern und winzigen Felsritzen vor. Das Venushaar sucht sich die eher feuchte Umgebung von Quellen und Brunnen

22.01.2021 | 01:00
Aus flachen Rhizomen unter oder über der Erde sprießen die Blätter des Tüpfelfarns. So entstehen in Mallorca-Wäldern Stauden.

Farne mögen es schattig und feucht. Auf Mallorca wird das nicht so oft geboten. Dass trotzdem rund vierzig Arten auf den Balearen vorkommen, ist der Tatsache zu verdanken, dass diese Pflanzen extrem anpassungsfähig sind und sich die geeigneten Standorte aussuchen. Im Gegensatz zu blühenden Gewächsen, die sich mit Samen vermehren, bilden Moose, Pilze, Algen und auch die Farne Sporen. Wenn sich diese vom Mutterfarn gelöst haben, sind sie in der Lage, den kompletten Stoffwechsel einzustellen. Ohne Wasser und Nährstoffe können sie den unwirtlichsten Umweltbedingungen lange widerstehen. Hier die beiden Farnarten im Detail, die auf der Insel am häufigsten vorkommen.


Wintergrüne Wedel

Wenn sich der Gezähnte Tüpfelfarn (Polypodium cambricum bot., polipodio span., polipodi kat.) auf Mallorca mitten im Winter vermehrt, ist auch das ein Zeichen der Anpassung. Er hat den Januar für den Zeitpunkt der Sporenreife ausgesucht. Sie ist mit bloßem Auge zu erkennen und zeigt sich an den Blattunterseiten, wo ellipsenförmige Sporenhäufchen haften. Botaniker nennen diese Häufchen sori (griechisch für Gefäß).

In parallel verlaufenden Reihen sitzen die sori auf beiden Seiten der Hauptnerven und sehen aus, als hätte man Farbtupfer mit dem Pinsel aufgetragen. Die geschwungenen Wedel dieser Farnart können eine Länge von einem halben Meter und mehr erreichen und sind fast bis zur Mittelrippe fiedrig geteilt. An ihrem unteren Ende breiten sie sich ausladend aus und verjüngen sich oben zur Spitze.

Um widrigen klimatischen Bedingungen zu trotzen, verlässt sich der Gezähnte Tüpfelfarn dabei für seine Vermehrung nicht nur auf die Überlebensfähigkeit seiner Sporen. Zusätzlich breitet er sich ober- und unterirdisch mit flach kriechenden schuppigen Rhizomen aus. Wenn also mehrere Blätter in Abständen aus dem Boden kommen, handelt es sich um einen Strauch mit gemeinsamen Wurzeln.

Die Wurzeln kommen mit wenig Erde aus und können aus Felsritzen, Totholz oder Baumstümpfen sprießen. „Der Polipodium cambricum wächst bei uns spontan in den Natursteinmauern", berichtet Magdalena Vicens, Botanikerin im Jardí Bòtanic von Sóller. Im Sommer verliere die Pflanze ihre Blätter und ziehe sich auf die unterirdischen Pflanzenteile zurück, um im Herbst neu auszutreiben.

Mündliche Inselquellen berichten, dass man während Hungersnöten die Sporenhäufchen statt Linsen verzehrt habe. Dies kann jedoch nicht belegt werden. Die Wurzel des Tüpfelfarns, die auch Engelsüßwurzelstock genannt wird, ist dagegen als traditionelles Arzneimittel gegen Husten und Erkältungen in der Volksmedizin bekannt.


Feines Haar

Immer nahe am Wasser anzutreffen, ist der Gewöhnliche Frauenhaarfarn, auch Venushaar genannt (Adiantum capillus-veneris bot., culantrillo de pozo span., falguerola kat.). Carles Amengual, pflanzenkundiger Arzt und Homöopath, berichtet in seinem Buch „Gloses i Plantes Medicinals", dass dieser Farn in der Nähe von Quellen und in den Zuläufen von Brunnen wächst. Man sage, dass dort, wo er vorkomme, immer gutes Trinkwasser vorhanden wäre. Die feuchtigkeitsliebenden Schattenpflanzen gedeihen auch an in Fels gehauenen und von Bergwasser gespeisten Viehtränken. Oder an Wasserkanälen, siquias, die aljubs und andere Wasserreservoirs auf den Landgütern speisen.

Zu erkennen ist das Adiantum an seinen kleinen, rautenförmigen hellgrünen Blättern. Am oberen Ende sind diese mit haarfeinem Gefieder ausgestattet, dem sie auch ihren Namen verdanken. Die zarten Blättchen sitzen an schwarzen mit Schuppen besetzten Stielen, die bis zu 40 Zentimeter lang werden. Die Pflanze wuchert ganzjährig, zur Sporenreife kommt es zwischen Juli und September.


Familiengeschichte

Wissenschaftler rechnen heute mit zwischen 10.000 und 13.000 verschiedenen Farnarten weltweit. Diese Pflanzenfamilie zählt zu den ältesten Landpflanzen der Erde. Wie alle anderen Gewächse stammen auch sie von den
Wasserpflanzen ab. Dabei ist die Artenvielfalt der heutigen Farnfamilie vergleichsweise begrenzt, denn ihre Hochzeit war vor etwas 400 Millionen Jahren in der erdgeschichtlichen Zeit des Karbon. Damals konnten Farnpflanzen Sumpfwälder bilden.

„Verglichen mit den damaligen Fossilien fallen die heutigen Exemplare der Farngewächse zwar kleiner aus, doch verändert haben sie sich kaum", berichtet Jaume Flexas, der als Professor der Biologie an der Balearen-Universität die Fotosynthese­leistung der Farne erforscht. Die höheren Baumfarne starben ab, weil starke Regenfälle diese immer wieder überfluteten. Sie brachen nieder und versanken im Schlamm. Unter Luftabschluss konnte das Pflanzenmaterial nur unvollständig zersetzt werden, weshalb sich unterirdische Steinkohleflöze als CO2-Lager bildeten. Im späteren Zeitalter des Perm ereignete sich dann das größte Massensterben der Erdgeschichte. Ursache könnte ein Klimawandel gewesen sein. Aber auch lang anhaltende Vulkanausbrüche sowie Meteoriteneinschlag werden nicht ausgeschlossen. Vor 200 Millionen Jahren gelang dann den ersten Blühpflanzen die Vorherrschaft. Es waren Nacktsamer, zu denen die Piniengewächse zählen.

Die Farne, die heute noch vorkommen, haben über die Jahrmillionen höchst clevere Überlebensstrategien entwickelt. Kühe, Schafe und Ziegen verschmähen sie wegen ihrer ledrigen Blätter, auch Parasiten befallen sie nicht. Dies könnte der Grund dafür gewesen sein, dass die Farngewächse im Lauf ihrer langen Geschichte mehrere Epochen mit Klimawandel überstehen konnten.

Farne haben, so Jaume Flexas, eine schwache Fotosyntheseleistung. Das machte es ihnen möglich, in einer Luft zu überleben, deren Anteile an Kohlendioxyd etwa zehnmal höher war als heute. Trotzdem haben Farne und andere Gewächse dazu beigetragen, den CO2-Gehalt in der Luft nach und nach zu verringern und mit Sauerstoff anzureichern, sodass Blühpflanzen wachsen konnten. Alle Pflanzen gemeinsam schafften dann die Grundlage für die Atmung von Tieren und Menschen.

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