24. Januar 2021
24.01.2021
Mallorca Zeitung

Als auf Mallorca immer wieder Stadt gegen Land kämpfte

MZ-Serie über den Bürgerkrieg auf der Insel vor 500 Jahren, Teil 2: Der Aufstand der Germanies kam nicht aus dem Nichts, sondern hatte historische Vorläufer. Von drangsalierten Bauern, belagerten Städtern und kurzsichtigen Herrschern

24.01.2021 | 07:30
Simón Ballester, Anführer der Revolte von 1450, mit bewaffneten Bauern in Llucmajor.

Mallorca im ausgehenden Mittelalter wirkt ein bisschen wie ein Dampfkessel. Der Druck ist beständig da, es brodelt und zischt. Ab und zu macht jemand den Deckel auf und der Dampf entweicht – aber der Kessel bleibt weiter auf dem Herd und kommt nicht zur Ruhe. So ist denn auch der Aufstand der Germanies, der sich jetzt im Februar zum 500. Mal jährt, nur eine Revolte von mehreren, wenn auch die einschneidenste (Teil 1, MZ 1.079).

In der einfachen Bevölkerung auf der Insel, bei Handwerkern und Bauern, hatte es schon mehr als hundert Jahre zuvor gebrodelt. Eine erste Revolte von 1391 gegen das Herrschafts- und Verwaltungssystem ging allerdings wegen der damaligen Übergriffe auf die Juden auf der Insel in erster Linie als antisemitischer Pogrom in die Geschichtsbücher ein. Mitte des 15. Jahrhunderts eskalierte der Konflikt dann erneut in der Revuelta Foránea: Drei Jahre lang standen sich die benachteilige Landbevölkerung einerseits sowie städtische Adlige und Händler andererseits als Feinde gegenüber.

Eine schlecht funktionierende öffentliche Verwaltung, fehlende politische Repräsentanz der Landbevölkerung, übermäßige steuerliche Last – wie ein roter Faden ziehen sich sowohl die langfristigen Ursachen als auch die Reformunfähigkeit der Eliten und die am Ende blutige Niederschlagung der Protest­bewegungen durch alle drei Konflikte.

Um die Ungerechtigkeit des Steuersystems zu verstehen, braucht es einen kleinen Exkurs. König Sancho I. hatte im Jahr 1315 das fiskalische System neu festgeschrieben, wobei für die Stadt Palma einerseits und das Umland (Part Forana) andererseits die zu erbringenden Abgaben prozentual festgeschrieben ­wurden. „Im Jahr 1315 waren diese Quoten ausgewogen", schreibt Bartomeu Bestard, Chronist der Stadt Palma. „Doch schon im ­Laufe des 14. Jahrhunderts änderte sich die ­Situation, und die Abgabenlast geriet ins Ungleichgewicht." Infolge von Missernten und Pestwellen nahm die Landbevölkerung immer stärker ab, sodass immer weniger Bauern immer mehr Steuern zahlen mussten. Einige verkauften ihr Land an Städter – die aber weiter ihre Abgaben in Palma zahlten, sodass das Gleichgewicht weiter verrutschte. Und mit der Zeit sollte auch die öffentliche Verschuldung massiv zunehmen. Sie wurde in indirekte Steuern umgelegt, die vor allem die Handwerker und die Bauern schultern mussten.

1391: Es knallt zum ersten Mal

Im August 1391 zogen große Gruppen aufgebrachter Bauern nach Palma, um gegen die Missstände zu protestieren. Der Statthalter des Königs in Palma versuchte ohne Erfolg, die Gemüter zu beruhigen. Die Wut entlud sich schließlich im Call, dem damaligen jüdischen Viertel von Palma – die dortigen Geldverleiher mussten als Sündenböcke dienen. Ihre Häuser gingen in Flammen auf, rund 300 Juden wurden in dem Pogrom ermordet. Zwar sollten noch einige Jahrzehnte vergehen, bis das Judentum auf Mallorca komplett ausgelöscht wurde und die überlebenden Vertreter zwangskonvertiert wurden, um als xuetes weiterhin diskriminiert zu werden. Doch schon in der Folge der Revolte von 1391 flohen viele von ihnen von Mallorca. Und einige konvertieren auch schon jetzt zum Christentum.

Auch wenn die Anführer jenes ersten Aufstands bestraft wurden, konnten die Bauern zunächst einen Teil ihrer Forderungen durchsetzen. Sie hielten den Druck auf die Stadt ­Palma aufrecht. Deren Führer verschanzten sich im Castell Bellver und verhandelten von dort mit den Aufständischen. Dann durchkreuzte die Krone von Aragón, zu der Mallorca als Teilreich gehörte, die sich anbahnende Einigung. Auf ihre Anweisung hin wurden die bis dahin getroffenen Absprachen wieder zurückgenommen und ein Dutzend Bauern hingerichtet. Auch der Statthalter des Königs auf Mallorca musste seinen Posten räumen.

Am Ende wurden die umstrittenen Steuern, gegen die die Bauern aufbegehrt hatten, wieder eingesetzt, die Repression verschärft. Keines der Probleme, die zu dem Konflikt geführt hatten, war gelöst. Im Gegenteil: Die ­Ungleichbehandlung bei den Steuern ver­größerte sich weiter. „Jene harten Maßnahmen, die einem Monarchen der damaligen Zeit als ­wirkungsvoll erschienen, erwiesen sich als völlig nutzlos", urteilt Historiker Guillem Morro in einem neuen Buch über die Aufstände jener Zeit („Les revoltes populars a Mallorca"). Die Probleme der Handwerker und Bauern ­nahmen weiter zu. „Es ist deswegen nicht verwunderlich, dass es 59 Jahre später zu einem weiteren Aufstand kam, der die Insel drei Jahre lang in Bürgerkriegswirren stürzen sollte."

1450: Drei Jahre Unruhen

Zwischen 1450 und 1453 kämpften – wie beim Germanies-Aufstand 70 Jahre später – Bauern und Handwerker Hand in Hand gegen die städtischen Eliten. Auch in diesem Konflikt gab es zwei Phasen: Zunächst führten moderate Kräfte den Aufstand an, später radikalisierte sich die Bewegung, als die Forderungen nicht erfüllt wurden. Und Alfons V. von ­Aragón sollte – trotz seines Beinamens „der Großmütige" – genauso wenig Verständnis für die Forderungen von Mallorcas einfacher Landbevölkerung haben wie einst Juan I. von Aragón in der Revolte von 1391 oder später Karl V. im Germanies-Aufstand 1521–1523.

In diesem zweiten Aufstand waren es rund 5.000 Bauern, die sich zunächst in Inca zusammentaten, in die Ebene nördlich von Palma zogen und dort der Stadt das Wasser abdrehten. Nach einwöchiger Belagerung, bei der sich Simón Ballester aus Manacor zum Anführer aufgeschwungen hatte, gab der königliche Statthalter auf Mallorca auf Vermittlung des Bischofs den Forderungen der Bauern zunächst nach. Gesandte der Landbevölkerung brachen daraufhin nach Neapel auf, von wo aus Alfons V. das Königreich Aragón regierte. Dort brachten sie ihre Argumente vor. Ohne Erfolg: Der König annullierte nicht nur die Zugeständnisse seines Statthalters auf der Insel, sondern brummte den Aufständischen zudem eine Geldstrafe auf, mit der die verursachten Schäden beglichen werden sollten.

Der Konflikt spitzte sich zu, zumal zwei Vertreter der Aufständischen hingerichtet wurden. Es folgten zwei weitere Belagerungen von Palma, die mit halb garen Versprechen gegenüber den Bauern beendet werden konnten – im Hintergrund liefen längst Vorbereitungen, um dem Aufstand mit Gewalt ein ­endgültiges Ende zu bereiten. Anfang 1452 schickte der König von Aragón ein Heer von 1.600 italienischen Söldnern auf die Insel. Sie rangen im Sommer jenen Jahres zusammen mit mallorquinischen Streitkräften die Bauern nieder, auch die restlichen verbliebenen Aufständischen wurden im Jahr darauf in Pollença besiegt. Anführer Ballester konnte zunächst entkommen, wurde aber gefangen und 1457 hingerichtet. Die Bilanz: Etwa tausend Menschen starben auf dem Schlachtfeld, mehrere Hundert wurden hingerichtet. Es folgten Plünderungen, Geldstrafen und Repression.

Die entscheidende Schlacht dieses zweiten Aufstands ist übrigens benannt nach dem Ort der Austragung, dem Landgut Rafal Garcés zwischen Binissalem und Inca – wo 70 Jahre später, bei den Germanies, die Aufständischen ein weiteres Mal erfolglos gegen die könig­lichen Truppen antreten sollten.

Nächste Folge: Der Anführer der Germania

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