30. Januar 2021
30.01.2021
Mallorca Zeitung

Wer zieht denn jetzt die Rathausuhr von Palma de Mallorca auf?

10.000 Euro im Jahr bietet die Stadt dafür, das ehrwürdige Uhrwerk zu warten und zu ölen. Aber keiner will das Schmiergeld

30.01.2021 | 01:00
Pere Caminals beim Warten der Uhr „En Figuera". Zum Jahreswechsel treffen sich die Stadtbewohner vor dem Rathaus, um zu den Glocken-schlägen ihre zwölf Trauben zu schlucken. Im Corona-Jahr fiel Silvester der Brauch aus.

Behörden-Uhren ticken bekanntlich anders. Das gilt auch für die 157-jährige Rathaus-Uhr in Palma. Damit die schwerfälligen Riesenzeiger nicht der Zeit hinterherhinken und damit die Glocke stets zur richtigen Stunde schlägt, muss jemand das Laufwerk ordentlich schmieren und alle 14 Tage etwas nachjustieren. Das lässt sich die Stadt jährlich 10.000 Euro kosten - Schmiergeld sozusagen.

Doch im Moment ist Sand im Getriebe. Denn das Geld will anscheinend niemand. Der bisherige Amtsträger, der Uhrmacher Pere Caminals, hatte diese Aufgabe in den vergangenen 15 Jahren übernommen, ließ den Auftrag zum Jahreswechsel aber auslaufen. Da dies schon länger bekannt war, ließ man den Job im Sommer vergangenen Jahres ausschreiben und bot 40.000 Euro dafür, vier Jahre lang die Rathausuhr sowie sieben weitere antike Aufzieh-Uhren zu warten. Darunter befinden sich auch die Uhren im Plenarsaal, in der Bibliothek, im Ratszimmer und im Büro des Bürgermeisters. Sie alle drohen jetzt stehen zu bleiben.

Die Stadtverwaltung wartete monatelang - geduldig, aber vergeblich - auf Bewerbungen. Jetzt soll besser alles ganz schnell gehen. Schließlich ist die Auswahl an Menschen auf der Insel, die sich mit der Rathaus-Uhr auskennen, gar nicht so groß. Der scheidende Uhrmacher Caminals hatte wohl nur zwei Berufskollegen aus Felanitx in die Geheimnisse eingeweiht. Mit ihnen will der zuständige Ratsherr Alberto Jarabo nun in Verhandlung treten. Die Bewerbungsfrist wird dafür noch etwas verlängert.

Caminals selbst äußerte sich dieser Tage in einem Interview mit dem "Diario de Mallorca" sichtlich beleidigt, dass er angeblich die Uhr in den vergangenen Jahren stiefmütterlich behandelt habe. Das ließ Stadtrat Alberto Jarabo durchblicken. Dabei habe er, so Caminals, mehrere Kostenvoranschläge vorgelegt, um dringende Reparaturarbeiten an der Uhr anzugehen. Kaum jemand bei der Stadt habe seine Bedenken ernst genommen, sagt der Uhrmacher. 

Eine Uhr mit Rang und Namen

Wer auf der Insel etwas gelten möchte, braucht einen möglichst altehrwürdigen Namen, am besten einen alteingesessenen Spitznamen. Und den hat die Rathaus-Uhr vorzuweisen. Die Uhr, die von den Einwohnern liebevoll En Figuera genannt wird, schlug das erste Mal am 10. Oktober 1863 zum 33. Geburtstag der damaligen spanischen Königin Isabella II. Die Geschichte der Uhr und die Entstehung des Spitznamens für den viertelstündlich ertönenden Glockenschlag sind aber schon viel älter.

Im Jahr 1386 kauften die damaligen Stadtoberen von den Dominikaner-Mönchen einen Turm, in dem sie ein Uhrwerk und eine fast zwei Tonnen schwere Glocke montierten. Die Uhr war das Werk des Feinschmieds Pere Joan Figuera. Der Turm wurde deshalb entweder „Stundenturm" oder eben „Turm vom Figuera" genannt. Es handelte sich um eine der ersten Turmuhren in Spanien. Und die Einwohner waren stolz wie Oskar.

Als 1680 die Glocke brach, wurde sie eingeschmolzen und aus dem Material eine neue gegossen, deren Klang noch heute zu hören ist. 1863 baute die Firma Collin ein neues in Paris gefertigtes Uhrwerk ein. Aber mit neuen ausländischen Namen haben es die Mallorquiner nicht so - der Spitzname des ursprünglichen Uhrmachers Figuera blieb, selbst als Jahre später ein Unwetter den Figuera-Turm zerstörte. 1884 wurden Uhr und Glocke schließlich in dem aktuellen Rathausgebäude installiert.

Bis 1964 musste das Uhrwerk alle zwei Tage per Hand aufgezogen werden. Dann war der damals verantwortliche städtische Uhrmacher Fernando Fernández das Treppensteigen leid und baute einen elektrischen Aufziehmechanismus ein. Als Fernando Fernández schließlich in Rente ging, übernahm Pere Caminals das Amt. Für ihn sucht die Stadt nun dringend einen Nachfolger. 

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