12. Februar 2021
12.02.2021
Mallorca Zeitung

Das Vermächtnis der Templer auf Mallorca

Das Restaurierungsprojekt für die Türme des Templerkastells in Palma de Mallorca ist nach Jahren der Diskussion und Planung abgesegnet. Die städtische Archäologin Magdalena Riera erklärt, wie der Bau zur Zeit des religiösen Ritterordens aussah und wie er genutzt wurde

12.02.2021 | 01:00
Das Templerkastell auf einer Zeichnung des Erzherzogs, wie es heute aussieht und wie es in Zukunft aussehen soll.

Je weniger Spuren es gibt, desto größer der Mythos: Die Tempelritter, die 1229 mit dem Heer des Erobererkönigs Jaume I. nach Mallorca kamen, hinterließen nur wenige Zeugnisse ihrer Existenz auf der Insel. Ein Beispiel dafür ist das Templerkastell in Palma de Mallorca,das sich seit 2007 im Besitz der Stadt befindet und dessen Türme nun bis 2023 restauriert werden sollen. Doch eigentlich waren die Mönchskrieger nicht die Erbauer des Komplexes, sondern lediglich die Zwischennutzer – und das im relativ kurzen Zeitraum von nicht einmal hundert Jahren (1230 bis 1308).

„Was wir heute als die Torres del Temple kennen, war ursprünglich ein Teil der Stadtmauer zur Zeit der muslimischen Herrschaft", erklärt die städtische Archäologin ­Magdalena Riera im Telefongespräch. Sie kennt sich bestens mit der langen und wechselvollen Geschichte des Templerkastells aus: Für das Restaurierungsprojekt, das sie seit Jahren beratend begleitet, hat sie Ende vergangenen Jahres einen historischen Bericht zum Gebäude und zum dortigen Gebiet verfasst.

Von Bab Gumara zum Templerkastell


Die Mauren verstärkten das Stadttor im 12. Jahrhundert mit einer Festung („Bab Gumara" genannt). Es nützte nichts: Nach der Eroberung trat Jaume I. die Anlage an die Tempelritter ab, als Teil der Entlohnung für die Beteiligung am erfolgreichen Feldzug. Überliefert ist auch, dass die Templer im Gebiet des heutigen Palma einen Hafen auf Höhe der Mühlen in ­Portitxol zugesprochen bekamen, dazu knapp 400 Häuser, 54 Werkstätten und vier Backöfen.

Was das Templerkastell betrifft, so schrieb der König im erhaltenen Dokument zur Schenkung: „Obgleich es bislang ein Stadttor mit einer öffentlichen Straße war, die in die Stadt führte, soll es nun ein privates Tor sein, das allein euch gehört und das ihr nutzen dürft, wie es euch beliebt." Die Archäologin erklärt: „Zuallererst gestattete Jaume I. ihnen also, das äußere Tor zu verschließen. Die Festung selbst behielt nur eine Eingangstür bei, wie bei einer Burg." Das Kastell nahm die in sich geschlossene Gestalt an, die es bis heute bewahrt hat.

Die Templer nutzten den Bau als Residenz


„Wir wissen nur wenig aus dieser Zeit, in der die Tempelritter das Gebäude nutzten. Klar ist, dass sie im Inneren eine kleine Kapelle bauten", sagt Riera. Diese sei die wohl bedeutendste Hinterlassenschaft des Ritterordens in der Festungsanlage. „Was speziell die Türme betrifft, so ist der Beitrag der Templer die Erweiterung des Gebäudes gewesen, um es für zivile Zwecke zu nutzen statt als befestigtes Stadttor." Denn zwar nicht belegt, aber stark anzunehmen ist laut der Archäologin, dass die Tempelritter mit dem Bau eines Wohnbereichs begonnen haben. Sie nutzten wohl die zwei bestehenden Türme des inneren Tors und verbanden sie mit dem neu hinzugefügten Bau, der sich hinter der heutigen Fassade befindet – der Gebäudeteil zwischen den Türmen stammt aus jüngerer Zeit.

Und was trieben die Templer nun in ihrem Kastell? „Nach dem, was unsere Quellen erzählen, haben sie vor allem gegessen und geschlafen", sagt Riera. „Es ging dort zu wie in einem sehr großes Haus." Das Kastell habe den Tempelrittern fortan als Residenz gedient, allen voran ihrem Komtur, also dem Leiter der Niederlassung des geistlichen Ritterordens: „Er bewohnte den Bereich rund um das innere Tor. Das ist genau der heute erhaltene Teil, der jetzt restauriert wird", sagt die Archäologin.

Direkt nach der Eorberung geschah Aufregendes


Des Weiteren habe es natürlich Räume für die Schildknappen und die Diener gegeben, sowie Orte, an denen Lebensmittel gelagert wurden. Alles in allem eine recht profane Nutzung, die wenig Mystisches an sich hat. Obwohl Riera einräumt: „Ich nehme an, dass sich die Templer dort auch für Zusammenkünfte einfanden."

Die aufregendsten Ereignisse innerhalb der Templer-Episode sollen sich ganz am Anfang zugetragen haben: Es gebe Hinweise darauf, dass direkt nach der Eroberung der Stadt wichtige Dokumente wie das llibre del repartiment in der Festung aufbewahrt wurden. „Das war aber nur eine vorübergehende Lösung, während sich die Situation stabilisierte, denn das Gebäude war nie als Archiv ­gedacht", erklärt Riera. Auch ließ Jaume I. aus pragmatischen Gründen Kriegsbeute im Templerkastell zwischenlagern: „Sie wurde an den sichersten Ort ­gebracht, der zu dieser Zeit verfügbar war."

Das Ende der Templer


Die Tempelritter waren zu Beginn des 14. Jahrhunderts selbst nicht mehr sicher: Der französische König Philipp IV. klagte den Orden der Ketzerei und Sodomie an und befahl 1307 die Festnahme aller Templer. Jaume II. zog auf Mallorca erst im Jahr 1312 auf Anweisung des Papstes nach, woraufhin auch die Mönchskrieger auf der Insel vernommen und interniert wurden. Nach dem Verschwinden des Ordens der Tempelritter ging ein Großteil ihrer Besitztümer an den Orden Sant Joan de Jerusalem über – auch der „Temple", der trotz allem seinen Namen beibehielt.

Seitdem wurde der Bau für verschiedene Zwecke ­genutzt und behielt bis Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend seine Gestalt bei. Dann allerdings gab es drastische Veränderungen: Das Gros der Mauern und Türme verschwand, die Kapelle wurde umgestaltet und erweitert, das Gebäude zum urbanen Wohnhaus umfunktioniert (wobei das zentrale Element zwischen den Türmen zusätzlichen Platz schaffen sollte).

Auch in Zukunft ist Fantasie gefragt


Das rund zwei Millionen Euro teure Restaurierungsprojekt zielt nun darauf ab, sich diesem späten Zustand anzunähern, den auch der Erzherzog Ludwig Salvator in einer Zeichnung festgehalten hatte. Den Zuschlag erhielten die Architekten Elías Torres und Martínez-Lapeña, im Inneren soll ein neues Stadtmuseum entstehen. Die Denkmalschutzorganisation ARCA hat erneut Kritik an den Plänen geäußert, sie war in den Ausschüssen überstimmt worden und hätte sich eine stärkere Orientierung am alten Stadttor gewünscht.

Magdalena Riera hat dazu eine klare Meinung: „Es ist unmöglich, auf eine andere Lösung zu setzen. Denn wenn wir uns entscheiden würden, den Raum zwischen den zwei Türmen einzureißen, müssten wir die angrenzende Mauer dazuerfinden, weil sie nicht mehr existiert." Um sich ­vorzustellen, wie das Templerkastell tatsächlich zur Zeit der Templer ausgesehen haben könnte, braucht es also auch in Zukunft eine gute Portion Fantasie.

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