13. Februar 2021
13.02.2021
Mallorca Zeitung

Fahrrad-Tour: So farbig haben Sie Cala Millor noch nicht gesehen!

Warum uns eine Tour entlang der Street-Art-Route „Color Millor" im Osten von Mallorca gerade jetzt besonders guttut

13.02.2021 | 01:00

Hier Jogger, dort Inlineskater, da ein Mann beim Zirkeltraining. Es mag seltsam klingen, so mitten in der Pandemie, doch irgendwie liegt an der Promenade von Cala Millor im Osten von Mallorca Gesundheit in der Luft an diesem Donnerstagvormittag (28.1.). Die MZ-Reporterin schwingt sich aufs Fahrrad für eine Tour mit eigentlich kulturellem Hintergrund: Wir wollen die Street-Art-Route „Color Millor" testen. Vier öffentliche Wandgemälde, verteilt auf vier Ortschaften, ideal mit dem Drahtesel zu erreichen, wie auf der Internetseite des örtlichen Tourismusverbands zu lesen ist. Doch schnell wird klar: Hier ist vor allem der Weg das Ziel. Denn der bietet Idylle, frische Luft und Bewegung – eigentlich alles, was man als Zwangsstubenhocker gerade so braucht.

Wir starten unsere Tour in Cala Bona. Es ist ein sonniger, milder Tag, der erste seit Wochen, an dem man wirklich gern draußen ist. Der kleine Küstenort, der einst durch Fischerei und Landwirtschaft geprägt war, liegt weitgehend verlassen da. In der Vormittagssonne erscheinen die leeren Ferienwohnungen und Hotels gar nicht so deprimierend. Vielmehr ist die Ruhe wohltuend. Es lässt sich ausblenden, dass die Tourismusbranche hier wie überall auf der Insel in den vergangenen Monaten enorme Verluste einfährt, Corona lässt grüßen. Wie um die bizarre Stimmung zu unterstreichen, fährt vor uns auf der Landstraße eine Pferdekutsche, die Brennholz geladen hat. Nur die Gesichtsmaske des Kutschers erinnert daran, dass wir im Jahr 2021 sind. Das Gespann biegt in eine Seitenstraße ab, wir aber halten am Kreisverkehr auf dem Passeig Pintor Miquel Vives. Unser erstes Ziel, das erste Kunstwerk: eine Trafo-Station, die komplett in Farbe getaucht scheint.

Es ist zweieinhalb Jahre her, dass der Künstler Sandro Thomàs aus Son Servera, besser bekannt als Sath, hier mit Pinsel und Spraydosen ans Werk ging. Wer öfter im Inselosten unterwegs ist, dem kommt der leicht surreale Stil bekannt vor. Von Manacor bis Capdepera hat Sath in den vergangenen Jahren in zahlreichen Orten mit seinen Gemälden auf sich aufmerksam gemacht. Teils umfassen sie meterhohe Gebäudefassaden, oft vermitteln sie politische Statements gegen Diskriminierung und für Solidarität. Dagegen wirken die Werke in der Route „Color Millor" eher verspielt und unschuldig. So auch die Bemalung des Trafo-Häuschens im Fischerort Cala Bona. Der Name „Vaixell-a" ist auf einer Plakette zu lesen, ein Wortmix der mallorquinischen Begriffe für Boot und Geschirr. Zu sehen sind Kinder, die in Teetassen über das Meer fahren und angeln. Ein QR-Code verweist auf ein Video, das den 37-jährigen Künstler bei der Arbeit zeigt.

Doch wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns. Laut Google Maps sind es etwa 6,5 Kilometer von dem Kunstwerk in Cala Bona zu zwei weiteren in Cala Millor und Sa Coma sowie einem vierten in S'Illot. 25 Minuten mit dem Fahrrad nur für den Hinweg, sagt das Navi. Wer gemächlich fährt, braucht gut und gern das Doppelte.


Idylle und Not

Beim Einbiegen in den Fahrradweg, der an Cala Bonas Küste in Richtung Cala Millor führt, wird schnell deutlich, wie schön dieser Teil der Insel eigentlich ist. Links das türkisfarbene Meer, geradeaus ein paar schattenspendende Aleppo-Kiefern. In sanften Kurven schlängelt sich der Weg ohne größere Steigungen direkt an der Küste entlang. Wieder fällt es schwer, die rechter Hand verlassen daliegenden Hotelfassaden als trostlos zu empfinden.

Doch dieser Eindruck ändert sich wenig später. Direkt am Fahrradweg liegt die Essensausgabestelle für Bedürftige, die die gemeinnützige Organisation Barber Angels vor einigen Monaten eingerichtet hat. Es hat sich bereits eine Schlange von Wartenden gebildet. Wenn Not greifbar ist, dann hier. An den Gesichtern der Menschen ist abzulesen: Von ihnen nimmt gerade niemand die Schönheit der Umgebung wahr.


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Es geht weiter, nahtlos geht Cala Bona in Cala Millor über, und hier scheint es angesichts des schönen Wetters kaum jemanden in den eigenen vier Wänden zu halten. Am Strand schlüpfen einige Anwohner bereits in ihre Badesachen, an der Promenade wird flaniert, auf den Bänken genießen Einheimische den Ausblick, und auf den vielerorts an den Fahrradweg angrenzenden Grünflächen sind Sportler jeglicher Art auszumachen.


Magie und Symbolik

Das nächste Kunstwerk „MoviMent" passt da perfekt ins Bild. Unmittelbar am Radweg gelegen ist das frei stehende Stromhäuschen von allen vier Seiten bemalt – und spiegelt den Bewegungsdrang wider: ein Kinderwagen schiebender Vater, teils in langer Hose, teils in touristentypischen Blümchenshorts und mit sonnenverbranntem Bein, ein Sportler mit je einem Turnschuh und einem Rollschuh, ein Hundeführer samt Fußball. Man muss länger hinsehen, um alle Kuriositäten auszumachen.

Kleine Verschnaufpause. Auf der großen Rasenfläche vor dem Café del Sol haben ein paar Jugendliche mit Dreadlocks Slaglines zwischen die Bäume gespannt. Teils tun sie sich schwer, wenn sie über die Seile spazieren, teils gelingen ihnen sogar komplizierte Sprünge. Es macht Spaß, sie zu beobachten, schnell kommt man ins Gespräch. „Ich arbeite eigentlich in einer Bar in der Nähe", sagt ein junger Mann Anfang 20, der sich als Xisco vorstellt. Wie alle anderen gastronomischen Betriebe ist sie derzeit natürlich geschlossen. „Klar trifft uns die Pandemie alle, aber irgendwie hat es auch etwas Magisches, alle haben Zeit, man kommt mehr zu sich, findest du nicht?" Ja, hier, mit der Meeresbrise um die Ohren und der Sonne im Gesicht, mag man ihm zustimmen.

Für einen Snack verweist Xisco auf einen Traditionskiosk in der Nähe. Für wenig Geld gibt es in der Pasteleria Cala Millor im Carrer Joan Servera Camps Vollkorn-Empanadas und andere mallorquinische Backwaren. In der gegenüberliegenden Bar Entrevias hat der Wirt den Eingang mit einem Tisch versperrt. Er steht dahinter und gibt Bier und Kaffee an seine Kunden aus – Bauarbeiter und Rentner –, die die Getränke dann aber doch im Stehen direkt neben ihrer Stammkneipe genießen.

Frisch gestärkt geht es weiter, Google Maps will uns vom Radweg und der Küste weglotsen, über viel befahrene Straßen, die von Cala Millor im Landesinneren nach Sa Coma führen. Wir widersetzen uns und folgen weiter dem Radweg, der uns an Kiefern und der Halbinsel der Punta de n'Amer vorbei bis zum Strand von Sa Coma bringt. Von hier aus ist es nur ein kurzer Abstecher bis zum dritten Kunstwerk, das direkt an der Hauptstraße Carrer Mare Selva liegt. „Som-hi/Somni" (katalanisch „gehen wir/Traum") heißt das Gemälde, das ebenfalls ein Stromhäuschen von allen Seiten einhüllt. Zu sehen sind Seifenblasen pustende Kinder – kein Wunder: Direkt nebenan erstrecken sich ein Spielplatz und ein Kindergarten. Vor allem die Farbvielfalt und die fein gearbeiteten Details beeindrucken.

Jetzt ist es nicht mehr weit zum letzten Ziel. Einfach zurück zum Strand von Sa Coma fahren und der Bucht bis zum südlichen Ende folgen, wo eine kleine Landzunge Sa Coma vom angrenzenden S'Illot trennt und das Werk von Künstler Sath schon weithin zu sehen ist. Auch hier ist der Name „Immens/Immers" (kat. für „immens/versunken") Programm: In Türkis und Blau gehalten schweben Fische und andere Meerestiere über die einst tristen Steinwände, die sich nun mit dem wenige Meter entfernten Meer messen können.

Am Strand traut sich eine Frau tatsächlich, die Badesaison einzuläuten. „Dieses Jahr ist alles anders", sagt sie, als sie sich wenig später bibbernd und nass wieder auf ihr Handtuch fallen lässt. Sie sei Leiterin eines der größten Hotels in Sa Coma, berichtet sie. „Normalerweise haben wir um diese Jahreszeit zwar auch noch geschlossen, aber die Vorbereitungen für den Saisonstart nehmen mich dann voll ein. Und dieses Jahr? Schau mich an", sagt sie und lacht. Es klingt etwas gequält.

Auf dem Rückweg von S'Illot bis Cala Bona, wo das Auto steht, kommt man beim Radeln ins Grübeln. Niemand hat sich eine Pandemie wie diese gewünscht, alle sind betroffen. Aber es hilft, den Kopf auch mal frei zu kriegen, sich kleine Ziele zu setzen, Zeit für Schönes einzubauen und sich dennoch weiter fortzubewegen. Erstaunlich, wie symbolisch so eine Radtour mit Kunstcharakter sein kann.

Infos und Ortsangaben zur Street-Art-Route „Color Millor" gibt's (auch auf Deutsch) auf www.­­visitcalamillor.com/de/colormillor/

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